Das Modell

Seit mehr als dreißig Jahren wird eine mehr oder weniger heftige Debatte um die Struktur der Theater in Deutschland geführt. Im Kern geht es um die Frage, wie Theaterarbeit künstlerisch und ökonomisch sinnvoll zu strukturieren ist, ob und wie die vorhandenen, tradierten Theaterstrukturen zu verändern sind. In jüngster Zeit reduziert sich diese Diskussion auf die Finanzierbarkeit von Theater. Politik und Öffentlichkeit stellen in diesem Zusammenhang zunehmend die Legitimationsfrage. Zuschauer- und Einnahmestatistiken werden dabei zu kulturpolitischen Argumenten. Diese Zahlenspiele verstellen den Blick auf das Wesentliche und bilden das Verhältnis der Gesellschaft zur Kultur ab. Sie sind Ausdruck einer Kultur der Ökonomie.

Die Frage nach der Struktur eines Systems ist aber die Frage nach seinem inneren Wesen, denn jede Struktur begrenzt und beschränkt die Möglichkeiten und die Fähigkeit mit dem System Welt zu kommunizieren. Im Falle einer Theaterstruktur geht es darüber hinaus um Glaubwürdigkeit.

Als das THEATER AN DER RUHR 1980 von den Gesellschaftern und Geschäftsführern Roberto Ciulli und Helmut Schäfer mit der Stadt Mülheim an der Ruhr gegründet wurde, war der wesentliche Gedanke, eine Struktur zu entwickeln, die sich flexibel immer wieder neu nach den Erfordernissen der Kunst ausrichtet und somit nicht selbst zum bestimmenden Element wird. Die Idee des Ensembles, das alle Mitglieder des Theaters einschließt, stand dabei im Mittelpunkt. Wesentliche Merkmale des von Ciulli und Schäfer entwickelten Ensemble-Konzeptes sind eine Ensemblestruktur mit hoher personeller Kontinuität und für alle Abteilungen einheitlich geltende Verträge, die flexibles, unbürokratisches, kollektives und eigenverantwortliches Arbeiten erlauben, so dass optimale Bedingungen für den künstlerischen Prozess gewährleistet sind.

Die Idee des Reisens ist das andere strukturbildende Element. Die universelle Sprache des Theaters wird hier als wichtige Möglichkeit verstanden, einen weiterreichenden Dialog der Kulturen zu führen. Das Reisen – die Bewegung, das Nichtverharren an einem Ort – fordert Flexibilität und die Fähigkeit zur Improvisation und trägt wesentlich zur Finanzierung des Theaters bei.

So ist ein in Deutschland einzigartiges Modell eines künstlerisch und ökonomisch sinnvoll organisierten Theaterbetriebs entstanden. Das Ensemble Theater an der Ruhr hat insgesamt etwa 45 feste Mitglieder. Innerhalb der Bereiche des Theaters sind hierarchische Strukturen weitgehend abgebaut. Es gibt keine formelle „Sitzungskultur". Viele Etats werden dezentral und eigenverantwortlich bewirtschaftet.

Bei einem Etat von derzeit 4,7 Mio. € werden rund 60 % subventioniert, die übrigen 40 % werden durch den Verkauf von Vorstellungen auf Honorarbasis in Städten des In- und Auslands eingespielt (im Vergleich dazu erreicht ein Stadttheater 16 % Eigenfinanzierung; Schauspielhäuser meistens deutlich weniger). Die Internationale Arbeit wird darüber hinaus vom Auswärtigen Amt, dem Land Nordrhein-Westfalen, den Goethe-Instituten in aller Welt, der Kunststiftung NRW und dem Förderverein des Theaters an der Ruhr unterstützt.