Proben von Handkes "Immer noch Sturm" haben begonnen
Kärnten im Süden Österreichs an der Grenze zu Slowenien: hier trifft der Ich Erzähler, dessen Nähe zu Peter Handke nicht zu übersehen ist, zwischen 1936 und 1942 seine Familie, die Großeltern, seine Mutter und deren Geschwister, die allesamt nun jünger sind als der 1942 geborene Autor. Es verweben sich die Geschichten: die der Familie mit der politischen, der Annexion Österreichs 1938 durch das dritte Reich folgt die einzige Partisanenbewegung gegen die Nationalsozialisten durch die slowenische Minderheit in Kärnten. Es verweben sich aber auch die Genres: Prosa und Drama verschwistern sich zu einem sprachmächtigen Text, den die größte Kunst des Schreibens auszeichnet, die Einfachheit. "Immer noch Sturm" dieser Satz zitiert Shakespeares König Lear auf der Heide, hier das Jaunfeld mit seinen Apfelbäumen, von deren Ernte die Vorfahren des Autors unter anderem lebten. Die Erinnerungen des Erzählers durchmischen sich mit Geträumtem, mit Vorstellungen und beschwören kraft der Poesie des Textes Gestalten hervor, die wirklich unwirklich die Szene bevölkern. Und die politische Geschichte dieser europäischen Region, das zeigt der Blick zurück auf die letzten Jahrhunderte, hat ihre Konflikte nicht zuende gebracht.
Theater an der Ruhr
In der Spielzeit 2011/2012 erwartet Sie folgendes Programm:
Was ihr wollt
William Shakespeare
Regie: Karin Neuhäuser
Premiere: 21./22. September 2011
In Illyrien, einer kleinen Stadt am Meer, sind alle so verrückt, dass es verrückt wäre, nicht ebenso verrückt zu sein. Fremde sind willkommen; solange sie nicht auffallen und zur Absicht des Regierungschefs passen. Die ist einzig, die Liebe der schönen Olivia zu gewinnen. Für dieses Vorhaben hofft Orsino auf die Unterstützung des jungen Cesario, der eigentlich ein Mädchen ist, Viola heißt, und nach einem Schiffbruch an der Küste Illyriens gestrandet ist. Deren Atmosphäre wird von der übertriebenen Selbstinszenierung der Illyrer vergiftet.
Nicht Ehrlichkeit zählt, sondern nur ein gekonnter Auftritt. Für die aufrichtige Viola, die als einzige gezwungen ist, sich zu verstellen, um als Mann getarnt ihren nach dem Unglück vermissten Zwillingsbruder suchen zu können, wird die Verschmelzung mit dem von der Gesellschaft auferlegten Rollenbild mit ihrem eigenen Ich besonders schwierig, als sie für Orsino um Olivia werben soll. Selbst in ihn verliebt, bemüht sie sich für ihren Herrn so sehr, dass sich Olivia wiederum in Viola in Gestalt des hübschen Cesarios verliebt. Der Liebeswirrwarr ist umso schwerer zu durchschauen, als nicht nur bald nicht mehr klar ist, wer wen liebt, sondern auch, wer man selbst ist, und wer ist eigentlich der Andere, wenn man nicht hinsieht?
Inszenierung und Dramaturgie: Karin Neuhäuser
Bühne: Gralf-Edzard Habben
Kostüme: Tina Kloempken
Musikalische Leitung: Matthias Flake
KAOS
nach Motiven von Luigi Pirandello
Regie: Roberto Ciulli
Premiere: 19./20. Oktober 2011
Wenn sich eines der Motive Pirandellos als leitend benennen läßt, dann ist es das der Einbildungskraft. Ist das, was im Moment geschieht, von einem selbst gewollt oder entspringt es dem Eigenwillen des Körpers? Ist es real oder nur vorgestellt? Läßt sich zwischen dem, was wir als wirklich empfinden und dem, was in unseren Vorstellungen, in unseren Träumen erscheint, tatsächlich ein großer Unterschied auszumachen?
"Man muss nicht alles vernünftig erklären. Davon leben wir hier. Uns fehlt alles, aber wir haben die Zeit ganz für uns: unergründlicher Reichtum, Überfluss an Chimären. (...) Von nichts kann man nicht leben, daher die unaufhörliche himmlische Trunkenheit. Wir atmen Märchenluft. Wir hören Stimmen, Gelächter; wir sehen aus jedem schattigen Winkel Zaubergestalten auftauchen. (...) Wir erfinden die Gestalten nicht, unsere Augen sehnen sie herbei. Luigi Pirandello, "Die Riesen vom Berge"
In der inszenierung von Roberto Ciulli improvisiert das Ensemble des Theater an der Ruhr Elemente der Themen, mit denen sich Luigi Pirandello in seinen Theaterstücken und Novellen zeitlebens auseinandergesetzt hat.
Inszenierung: Roberto Ciulli
Dramaturgie: Helmut Schäfer
Bühne: Gralf-Edzard Habben
Kostüme: Heinke Stork
Verbrechen
Luigi Pirandello
Regie: Roberto Ciulli
Premiere: 23./24. November 2011
Spät erst hat sich Luigi Pirandello (1967-1936) entschieden, für das Theater zu schreiben, um dann nach dem Ersten Weltkrieg der Erneuerer des europäischen Theaters zu werden. In den zwanziger Jahren schon wurden seine Texte weltweit gespielt und gehörten zur Avantgarde dieser Zeit. Als er 1934 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hatte er weit über 300 Novellen, einige Romane und mehr als fünfzig Theaterstücke geschrieben.
In nahezu all seinen Texten verfolgt Pirandello den Gedanken, dass zwischen der zivilen Form des Umgangs in der bürgerlichen Welt und der inneren Natur des Menschen ein unlösbarer Konflikt existiert.
In den Stücken, die das Theater an der Ruhr in der Spielzeit 2011/2012 vorstellen wird, nimmt Pirandello Menschen in den Blick, denen die Fähigkeit der Selbstbestimmung fehlt und die letztlich von ihren Trieben und Affekten regiert werden, deren Beherrschung ihnen gründlich mißlingt. Insofern kennt jeder nur den Schein des Anderen, sein Wesen läßt sich nicht erkennen. Somit ist auch das mögliche Verhalten eines anderen Menschen nicht vorhersehbar, es kann wie in "Verbrechen", auch mit Mord enden.
Inszenierung: Roberto Ciulli
Dramaturgie: Helmut Schäfer
Bühne: Gralf-Edzard Habben
Kostüme: Heinke Stork
Immer noch Sturm
Peter Handke
Regie: Roberto Ciulli
Premiere: April 2012
Kärnten im Süden Österreichs an der Grenze zu Slowenien: hier trifft der Ich Erzähler, dessen Nähe zu Peter Handke nicht zu übersehen ist, zwischen 1836 und 1942 seine Familie, die Großeltern, seine Mutter und deren Geschwister, die allesamt nun jünger sind als der 1942 geborene Autor.
Es verweben sich die Geschichten: die der Familie mit der politischen; der Annexion Österreichs 1938 durch das Dritte Reich folgt die einzige Partisanenbewegung gegen die Nationalsozialisten durch die slowenische Minderheit in Kärnten. Es verweben sich aber auch die Genres: Prosa und Drama verschwistern sich zu einem sprachmächtigen Text, den die größte Kunst des Schreibens auszeichnet, die Einfachheit.
"Immer noch Sturm" dieser Satz zitiert Shakespeares König Lear auf der Heide, hier das Jaunfeld mit seinen Apfelbäumen, von deren Ernte die Vorfahren des Autors unter anderem lebten. Die Erinnerungen des Erzählers durchmischen sich mit Geträumtem, mit Vorstellungen und beschwören kraft der Poesie des Textes Gestalten hervor, die wirklich unwirklich die Szene bevölkern.
Und die politische Geschichte dieser europäischen Region, das zeigt der Blick zurück auf die letzten Jahrhunderte, hat ihre Konflikte nicht zuende gebracht.
Inszenierung: Roberto Ciulli
Dramaturgie: Helmut Schäfer
Bühne: Gralf-Edzard Habben
Weiße Nächte 2012
Sommer 2012 – das genaue Datum wird noch bekanntgegeben
Die "Weißen Nächte" im Raffelbergpark gehören seit vielen Jahren zum festen Bestandteil der Mülheimer Kultur. Sie sind über Mülheims Grenzen hinaus als Sommer-Festival bekannt.
Seit dem Sommer 2003 – damals aus der Not einer Hitzewelle entstanden, während derer der Theatersaal unbespielbar war – finden die für Besucher kostenlosen Theaterabende unter freiem Himmel jährlich im illuminierten Raffelbergpark statt. Rund 4.000 Gäste pilgern pro Festival in lauen Nächten in den Park, um die beliebten Inszenierungen von Dreigroschenoper bis Kaufmann von Venedig mitzuerleben.
Junges Theater
Es brennt!
nach Motiven aus „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann
Regie: Jo Fabian
Premiere: 9. November 2011
Die 1930 erschienene Novelle gehört zu den meistgelesenen Werken des vielleicht wichtigsten deutschen Dichters des 20. Jahrhunderts.
Der unter anderem sprachlich herausragende Text weist über die ihm immer wieder zugeschriebene Vorahnung des Faschismus hinaus. Thomas Mann beschreibt die Manipulationsbereitschaft des Menschen als eine Grunddisposition: „Die Freiheit existiert, und auch der Wille existiert; aber die Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet, stößt ins Leere.“
Die subjektive Alltagswahrnehmung ist eine andere. Wir glauben selbstbestimmt und individuell zu handeln. Aber die Erkenntnisse der Psychologie, der Genforschung und in jüngster Zeit vor allem der Neurobiologie ziehen die Vorstellungen von Autonomie und Selbstverfügbarkeit des Menschen zunehmend weiter in Zweifel. Wir tun nicht was wir wollen, wir wollen was wir tun, lautet das erschreckende Fazit einiger Neurobiologen.
Löst sich der ohnehin schmale Freiheitsraum im medialen Dauerfeuer einer totalen Konsumgesellschaft endgültig auf? Sind wir verantwortlich für unser Tun, wenn wir nicht viel mehr als eine programmierbare Oberfläche sind?
Die Inszenierung von Jo Fabian hinterfragt und übersetzt die thematischen Motive aus Thomas Manns Novelle in eine bildhafte, sinnliche Versuchsanordnung.
Jo Fabian ist Regisseur, Choreograf, Autor, Bühnenbildner, Medienkünstler und Performer. Er gilt als „Magier eines ungewöhnlichen Bildertheaters“ aus Musik, Choreografie, Schauspiel und Licht. Die Strukturen des japanischen Nô-Theaters sind in seinen Inszenierungen ebenso zu erkennen wie Einflüsse der bildenden Kunst, vor allem die des Surrealisten René Magritte oder der geometrischen Raumperspektiven eines M.C. Escher. Immer wieder spielt auch die ironische Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und Gegenwart eine große Rolle. Fabian wurde bereits mit zwei Inszenierungen zum Theatertreffen nach Berlin und mit zahlreichen Aufführungen zu nationalen und internationalen Festivals eingeladen.
Im Sommer 1999 wurde ihm in der Berliner Akademie der Künste der "Deutsche Produzentenpreis für Choreographie", einer der höchstdotierten Preise für freie künstlerische Arbeit in Europa, für sein bisheriges Gesamtschaffen verliehen.
Inszenierung: Jo Fabian
Dramaturgie: Sven Schlötcke
Bühne: Jo Fabian
Kostüme: Tania da Silva
Nase
Text und Regie: Maria Neumann
Premiere: 2. Oktober 2011
„Meine Nase ist zu klein – damit werd ich nie ein Kasperle sein! Was bin ich aber dann?“ Wie kann ein Körperteil so wichtig werden, dass es Körper und Denken bestimmt?
Ein Stück für Kinder ab 5 Jahren
Internationale Arbeit
Theaterlandschaft Arabien
bis 30. Oktober 2011
Das Theater an der Ruhr hat lange stehende Verbindungen mit dem arabischen Raum. Zuletzt im November 2009 führte das Ensemble eine Gastspielreise zum internationalen Festival von Tunis. Die Revolutionen und Revolten im arabischen Raum müssen deshalb für die internationale Arbeit des Theater an der Ruhr Konsequenzen zeitigen: Am letzten Oktoberwochenende gastieren drei aktuelle Produktionen aus Jordanien, Palästina und Syrien/Irak in Mülheim. Damit steht die Region im Fokus, in der sich die Geschichte der arabischen Konflikte, Verwerfungen und Kriege historisch wie aktuell am prägnantesten nachvollziehen lässt. Gemeinsam mit der Evangelischen Akademie des Rheinlands veranstaltet das Theater an der Ruhr parallel eine Tagung, die jenseits aller medialen Erregungen und aktueller Sensationshascherei versuchen wird, die arabische Frage zu beleuchten.
Klanglandschaft Afrika/Orient
Oktober 2011 bis April 2012
In der Spielzeit 2011/12 gehen die Klanglandschaften Afrika/Orient, gemeinsam veranstaltet von NRW Kultursekretariat, WDR 3 und Theater an der Ruhr, in die fünfte Spielzeit. Die Präsentation traditioneller Musikkulturen des Mittelmeerraums, des Nahen und Mittleren Ostens und des subsaharischen Afrika haben sich die Veranstalter – anknüpfend an die Internationale Arbeit des Theaters – zum Ziel gesetzt. Gerahmt von Konzerten aus Jordanien, Algerien und Madagaskar, liegen die Programmschwerpunkte in dieser Saison auf der Türkei und dem westlichen Afrika. Das Konzert der berühmten türkischen Gruppe Kardeş Türküler mit Arto Tuncboyaciyan wird am 28. Februar 2012 aufgrund der zu erwartenden großen Nachfrage in der Mülheimer Stadthalle (Theodor-Heuss-Platz 1, 45479 Mulheim an der Ruhr) stattfinden. Dieser Abend ist ebenso wie das Konzert von Birol Topaloğlu Teil der Veranstaltungsreihe „Szene Istanbul“, in der das Theater an der Ruhr von Anfang Dezember 2011 bis Mitte Marz 2012 auch aktuelle Theaterinszenierungen und modernes Karagöz-Schattentheater aus der Bosporus-Metropole präsentieren wird.
Aufgrund des nachhaltigen Erfolgs der Klanglandschaften übernehmen die Theater Krefeld und Mönchengladbach gGmbH mit besonderer Unterstützung des NRW KULTURsekretariats drei afrikanische Konzerte im Oktober, Januar und April. Fur Abibigroma, die Drama and Musical Group des Ghanaischen Staatstheaters aus Accra, organisiert das Theater an der Ruhr in der letzten Aprilwoche eine kleine NRW-Tournee, die die Gruppe über Mülheim, Krefeld und Mönchengladbach hinaus ans Musiktheater Hagen und voraussichtlich auch nach Köln führen wird.
Szene Istanbul
Dezember 2011 bis März 2012
Ab 1. Dezember 2011 beginnt das Theater an der Ruhr unter dem Titel "Szene Istanbul" eine neue Veranstaltungsreihe, die sich gleichermaßen an ein türkisches wie deutsches Publikum wendet. In loser Folge werden von Dezember 2011 bis März 2012 türkische Produktionen in Mülheim gastieren.
Bereits 1987 reiste das Theater an der Ruhr als erstes öffentlich getragenes, deutschsprachiges Ensemble mit mehreren Produktionen zu einer Tournee in die Türkei. Von 1989 bis 1991 organisierte das Haus mehrere Gastspielreisen für türkische Produktionen in NRW. Danach fanden bis 2005 verschiedene Koproduktionen mit türkischen Ensembles statt.
Die Neukonzeptionierung eines Teils der Internationalen Arbeit des Theater an der Ruhr versteht sich nicht als Experiment, sondern als Auftakt zu einer regelmäßig veranstalteten türkischen Saison am Theater an der Ruhr. Fünf hochkarätige Theatergastspiele aus der freien Istanbuler Szene und zwei Konzerte werden bis Mitte März 2012 Zeugnis davon ablegen, wie kreativ und lebendig die freie Theater- und Musikszene der Bosporus-Metropole pulsiert.