Stimmen

KABALE UND LIEBE

Wolfgang Leipold, Siegener Rundschau, 10. Februar 2014

Die tragische, mit ihrem Tod endende Geschichte der Liebenden Luise und Ferdinand hat schon unzählige Inszenierungen erlebt. Viele davon betulich, verstaubt. Anhänger der Tradition sagen dazu auch „werktreu“. Aber sicherlich kommt kaum eine so frisch, unverbraucht, überraschend und dem Rebellen Friedrich Schiller gerecht werdend daher wie die Version des „Jungen Theaters an der Ruhr“. Dabei wird die Ernsthaftigkeit und Tiefgründigkeit der Tragödie, die Schiller „Ein bürgerliches Trauerspiel“ nennt, nie in Frage gestellt. Es ist die Leichtigkeit, der unverkrampfte Umgang mit Traditionen, die dem Stück neuen Glanz verleihen: Die Aufteilung der Bühne auf zwei Ebenen, witzige skurrile Einfälle, spritzige Dialoge, Tanzszenen in Zeitlupe, eine Menge Nebel, surreale Bilder großer Schönheit und viel Rammstein-Rock. Passend endet alles mit dem Song dieser Pop-Giganten „Mein Herz brennt“.


Regine Wenzel, Siegener Zeitung, 08. Februar 2014

Jo Fabians Version von „Kabale und Liebe“ rockt trotz oder gerade wegen der Distanz zum Original. Am modernsten wirkt das Puppenspiel, wenn Ferdinand sich mit seinem Vater auseinandersetzen muss. Umarmen geht nicht, und dann doch. Eine Ohrfeige „tut voll weh“ und war hinterher nicht gewollt, der ausgedachte Brief tut dem Vater am Ende leid, Ferdinand soll Luise haben, aber da ist der Sohn schon verloren. Was die Mittel des Theaters betrifft, schöpft Jo Fabian aus dem Vollen. Lichter in allen Farben, Nebelschwaden, ein Keyboard am Bühnenrand wird als E-Cembalo genutzt, die Figuren tanzen wie Aufziehpuppen. Wenn man schon „Kabale und Liebe“ spielen muss, dann so. Von ganz weit weg. Und trotzdem wahr.


Dietmar Zimmermann, theaterpur, 25. November 2012

Boris Schwiebert ist nicht weniger als ein Ereignis. Was für eine traurige Figur, dieser komische Zirkusclown mit seinen schwarz verschatteten Augen – und was für eine Körperbeherrschung hat dieser Schauspieler: Wie er sich windet und verrenkt, wie er den bettelnden Hund, den gezähmten Löwen gibt – oder im Moment des vermuteten Liebesbetrugs brüllt wie eine irre gewordene Kuh – phantastisch! Dieser Ferdinand ist völlig deformiert von den Verhältnissen, von der seinem Naturell widersprechenden Erziehung am Hofe, von den Zwängen, denen sein Denken und Handeln unterworfen wird. Er stottert – bei Papa stärker als bei Millers zu Hause -, kann weder gerade gehen noch geradeheraus sprechen. Doch als er sich erstmals gegen seinen Vater zu seiner bürgerlichen Liebe bekennt, gewinnt er eine traurige Größe, und nach einer zweiten Auseinandersetzung mit dem Präsidenten wird seine Sprache flüssiger und er scheint Tatkraft und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ferdinand kann tanzen: ein beeindruckendes, herzergreifendes Solo auf dem Weg zum Vater zeigt seine ganze Zerrissenheit, seine Ängste, seine seelische Deformation – und reizt zum Lachen, ohne die Figur zu denunzieren. Diese Choreographien können süchtig machen: sie sind es, die die Qualität dieser Aufführung ausmachen. All das hat Sentiment, ist aber kein Kitsch: denn unverkennbar bleibt die Ironie, die in diesem Gestaltungsmittel liegt. All das bläst den Kopf frei – und macht Platz für eine andere Art des Verstehens: über alle sieben Sinne und Empfindungen. Sie werden alle wieder schreien, die Stadelmaier- und Bazinger-Groupies: Da werde der Schiller banalisiert und populistisch verflacht; da werde seine politische Dimension vollkommen übersehen; die Fallhöhe des Dramas sei nicht größer als ein Sturz vom Bordstein an einem behindertengerechten Straßenübergang. Das stimmt ja alles, liebe Sängerinnen und Sänger des Hohelieds der Klassik. Jo Fabian singt eben Rammstein. Und er macht aus dem aus heutiger Sicht in der Tat fragwürdig hohen Ton der Schillerschen Verse einen Comic. Sorry, liebe Lehrer: Sie müssen den Kindern halt die Anliegen des Sturm und Drang, die klassenkämpferischen Komponenten oder gar die Hinweise auf einen menschenverachtenden Überwachungsstaat im Unterricht erklären. Aber die jungen Leute erleben, was Theater alles kann. Wie es mit Musik und Choreographie und Schauspiel einen unwiderstehlichen Sog entfalten kann. Beim Schlusspfiff sprang der junge Mann vor mir begeistert auf zu Standing Ovations.


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 23. November 2012

Ist es überhaupt Liebe, die den Adeligen zur Bürgertochter hinzieht? Ist Liebe überhaupt möglich? Was steht ihr entgegen? Dies sind Fragen, die in dieser bildmächtigen und einprägsamen Inszenierung ausgelotet werden. Ein Glücksgriff war die heitervolktümliche Musik von „Kofelgschroa“ aus Oberammergau. Scherenschnittartig schreiten dazu die sieben Schauspieler zum Beginn im Gegenlicht auf das feuerrote Podest. Ein starkes Bild. Ein Glücksfund.


Stefan Keim, Mosaik, WDR 3, 23. November 2012

Alle Schauspieler sitzen auf Stühlen in einer Reihe ungefähr zwei Meter über dem Boden auf einer Art überdimensionaler Schublade. Unter ihnen stehen grün leuchtende Gläser, die vergifteten Limonaden, mit denen sich am Schluss nicht nur das Liebespaar umbringen wird. Jo Fabian – Regisseur, Choreograph und Ausstatter – begegnet Schillers Text assoziativ und mit großer Distanz. Das durchweg ausgezeichnete Ensemble trägt historisierende Kostüme, Ferdinand ist absurd überschminkt wie ein barocker Dandy. Jo Fabian liebt die pathetischen Songs der Band Rammstein, und auch in dieser Aufführung spielen sie eine tragende Rolle. Sie passen überraschend gut zu Schillers hoch emotionaler Sprache. Am Ende steigt im Bühnenhintergrund ein Heißluftballon auf. Im Jahr als Friedrich Schiller „Kabale und Liebe“ schrieb, gelang den Brüdern Montgolfier in Frankreich der erste Flug. Zwei Höhenflüge, die aus heutiger Sicht in nostalgische Ferne gerückt sind. Jo Fabians Inszenierung macht diese Distanz auf überzeugende und enorm unterhaltende Weise zum Thema.