Stimmen

Wilhelm Tell

Laudatio Westwind-Festival 2015 03. Juni 2015

Diese Aufführung verbindet - unserer Meinung nach - all das, wonach sich das heutige Theater sehnt. Es bestätigte in einem wundervollen Abend unsere tiefe Liebe zu diesem Medium. Alles war vorhanden und es war glasklar. Die Dramaturgie, die herausragende Textfassung, die starken Entscheidungen hinsichtlich Spielweise, Sprache, Bewegung, Bühnenbild und Kostüm. Die ganze Aufführung ist ein grotesker und kühner Aufruf zur Aufmerksamkeit, nicht gleichgültig zu sein, eine klare Haltung zu zeigen und danach zu handeln. Dass eine Gruppe von Leuten diese Botschaft in solch virtuoser Weise überbringen kann, ist wundervoll und magisch: Mit so viel Professionalität, Energie, Spielfreude und Ausdruckskraft, so unglaublich frei und im selben Augenblick so unglaublich präzise - aber vor allem mit einem solchen Zusammenhalt, als eine Gruppe, um dieses eine Ziel zu erreichen! Vor Menschen, die ihr Publikum so laut zum Lachen bringen können und dann wieder so still werden lassen, dass man eine Nadel fallen hören könnte, können wir nur demütig den Hut ziehen und aus tiefstem Herzen sagen "merci fielmaals". Der Rock´n´Roll Price 2015 des Theaterfestivals Westwind geht an "Wilhelm Tell" vom Theater an der Ruhr! [Übersetzung aus dem Englischen] <br> <br> Die Preisjury Westwind 2015:<br> Marij de Nys, künstlerische Ko-Leiterin BRONKS, Brüssel <br> Franziska Henschel, Regisseurin <br> Veit Sprenger, Theatermacher, Autor und Produzent


Dietmar Zimmermann, theater pur 08. Mai 2014

Fabians Witz ist höchst subversiv. Mancher wird die Inszenierung als köstliche Comedy genießen, aber man muss nicht einmal allzu genau hinhören, um Fabians eigentliches Thema zu entdecken: den Faschismus, der in der Beschränkung auf die eigene enge Welt liegt: in der gemütlichen, leutseligen Abgrenzung von Stauffacher, Fürst und Melchtal von der Welt außerhalb der engen Schweizer Täler und in der abgehobenen, volksfernen Abgrenzung des sich an geliehener Macht berauschenden Reichsvogts von der Kultur des von ihm beherrschten Volksstammes. Den deutschen Dichter Schubart gab es übrigens wirklich: Er war Zeitgenosse von Schiller, zählte wie dieser zu den Vertretern des Sturm und Drang, legte sich mit der absolutistischen Herrschaft in Württemberg an und diente Schiller als Inspirationsquelle. Regisseur Jo Fabian hat ihm mit dieser Inszenierung ganz unauffällig ein kleines Denkmal gebaut. Sicher stecken ein paar Schubart-Gedanken in den listig in die Inszenierung eingeschmuggelten politischen Ideen der Regie.


Stefan Keim, WDR 5 30. April 2014

Theaterkritiker Stefan Keim bei WDR 5 Scala im Gespräch zur Inszenierung, nachzuhören unter: www.wdr5.de/sendungen/scala/wilhelmtell100.html


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 01. Mai 2014

Die Geschichte wird als Mythos entlarvt, den man hinterfragen muss. Die originellen Einfälle sind das Kapital der Inszenierung von Jo Fabian. Jo Fabian nimmt sein Publikum ernst. Er bietet ihnen eine Fülle von Reizen, Anknüpfungspunkte an ihre Welt, so dass sie der 90-minütigen Aufführung tatsächlich gebannt folgen.


Margitta Ulbricht, WAZ 01. Mai 2014

Regisseur Jo Fabian ist es trefflich gelungen, den Stoff von Friedrich Schillers letztem vollendeten Drama (1804) restlos zu entstauben und daraus eine für junge Sehgewohnheiten frische Inszenierung zu machen. Auf höchst ästhetische Art ist ein Sittengemälde mit deftigen Momenten entstanden: da ertönen Jodelpassagen zu den „Bergvagabunden“ und Wunderkerzen brennen für Bündnis-Parolen wie „Brüder auf Leben und Tod“. Moderne Klänge und eingeblendete Werbeclips über die wunderbare Schweizer Bergwelt runden das schräge Geschehen urkomisch ab. Ein toller Abend voller witziger und spritziger Ideen, der nicht zuletzt dem spielfreudigen Ensemble zu verdanken ist.


Friedrike Felbeck, nachtkritik 30. April 2014

Über eine Reader's-Digest-Version des Klassikers geht dieser durch viel Improvisation aufgeladene Sprechtheaterabend weit hinaus. Klug aneinander gefügt ist die Szenenfolge, die zwischen Slapstick und Schweiz-Folklore immer wieder in den Schiller'schen Originaltext hinein trudelt und sich dort ausbreitet. Dann wachsen die Szenen ins Dramatische (vor allem dank Gabriella Weber als Gertrud Stauffacher), die Dialoge sind glaubwürdig und geschliffen und entwickeln eine Magie und Dichte, die in diesem Ambiente überrascht und Schillers Stück im Zeitraffer durchwandert. Der Abend funktioniert, obwohl er sich an Jugendliche ab der 8. Klasse richtet, alters- und spartenübergreifend – wirft er doch einen entschiedenen Blick auf das Werden einer Revolution, ohne dabei auf den Maidan oder Tahrir Platz schielen zu müssen. Dieser leichtfüßige Abend erzählt die krude Story von "Wilhelm Tell" klar und nachvollziehbar. Fabians rücksichtslos-philosophischer Zugriff auf den Originaltext steht dabei in der langjährigen künstlerischen Tradition des Theaters an der Ruhr mit seinen tiefen Bohrungen nach heiklen Themen und schwer zugänglichen Stoffen. Dem Regisseur und seinem starken Schauspielensemble gelingt es, Lust auf mehr "Wilhelm Tell" zu machen und das entlegene Stück zu einer Erklärungshilfe für aktuelle Ereignisse heranzuziehen.