Stimmen

Auf der großen Straße

Peter Ortmann, trailer, 01. April 2015

"Jo Fabian inszeniert Tschechows frühe dramatische Skizze mehr als visuelle Performance denn als Einakter. Es ist ein Loblied auf die allgemeine zeitlose Beiläufigkeit des Lebens, die auch rezitiert wird. Nur zwischen den Szenen, da wird getanzt auf der silbernen Spiegelfläche, die einen wie die Derwische aus Konya, die andern nach der „New World Order“, das Prinzip ist austauschbar, alle streben nach Bestätigung im Verharren in der Beiläufigkeit. Die gestrandeten Landstreicher ebenso wie die abstinenten Rechtgäubigen oder die Säufer. Tichons Herberge ist die Welt und drum herum ist nur wütende Natur. Jo Fabian spielt mit Schatten, die hinter den Protagonisten ein Standbild erzeugen, flüchtige Abbilder flüchtiger Momente... Erst als der Säufer als von der Liebe betrogener Gutsbesitzer identifiziert ist, organisiert sich der Haufen neu, es entsteht augenblicklich eine Hackordnung des Standes. Als die Frau, die ihn betrog, auftaucht, will man sie erschlagen, doch draußen schneit es. Was ist der Sinn? Zumindest Theater vom Feinsten."


Eva Schäfers, Westfälischer Anzeiger 24. März 2015

So ist auch die Bühne keine naturalistische, russische Absteige der Armut, sondern ein atmosphärisch starker Theaterraum aus blauem Licht und einem wie Wasser glitzernden Parcours vor der Kneipe. Minimalistisch zurückgenommen sind auch die schwarzen Gewänder mit großen Tüchern über den Köpfen, die die Menschen mehr verstecken als zeigen. Hier geht es nicht um einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit, ein bestimmtes Milieu: es geht um uns Menschen schlechthin.<br> Es passt zu dieser feinfühligen, traurigen und bis ins Detail bildlich und psychologisch durchkomponierten Inszenierung, dass das Stöhnen Borzows, den der Entzug und Kusmas schonungslose Entlarvung gleichermaßen quälen, die Erzählung Kusmas rhythmisch punktiert. Kein Naturalismus waltet hier, sondern Stilisierung auf allen Ebenen, bis zu den raffinierten Auftritten von der Landstraße in die Kneipe, die sich fast unbemerkt vollziehen. Nein, die Menschen haben kein Mitleid miteinander. Allenfalls deuten die drei Tanzszenen, in denen sie mit weit ausgestreckten Armen über die Tanzfläche schweben wie große schwarze Krähen, einen zarten Schimmer der Hoffnung an. Ein wunderschöner, todtrauriger Abend, dem viele Zuschauer zu wünschen sind.<br> Zum <a href="http://www.wa.de/nachrichten/kultur/nrw/tschechows-auf-grossen-strasse-theater-ruhr-muelheim-4858849.html" target="_blank">**Artikel**</a>


Britta Heidemann, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 21. März 2015

Am Theater an der Ruhr trifft Tschechows frühes Werk auf Fabians Bilderwelt: ein anderthalbstündiger Gottesdienst der Theatertrance.


Dietmar Zimmermann, theaterpur, 21. März 2015

Zeitlupe, wenig Veränderungen zwischen den Szenen - ist die Inszenierung also langweilig? Im Gegenteil: Sie entwickelt einen ungeheuren Sog. Fabians großartige Bilder bergen Suchtgefahr. Auf der blau schimmernden Rückwand zeichnen sich in zartem Weiß oder Hellblau statische Silhouetten der Figuren ab. Diabolisch schwingt Merik in seiner aggressivsten Szene die Axt, und zunächst leise, dann immer lauter versuchen sich die Wallfahrerinnen mit gregorianischen Gesängen gegen den Leibhaftigen zu schützen. Der aber trägt auf dem Schattenbild an der Wand seine Axt vor sich her wie abergläubische Christen das Kreuz gegen den Versucher erheben: Auch Merik ist halb Teufel, halb seltsamer Heiliger. Fabians Gesamtkunstwerk aus großartigem Bildertheater, Musik und Choreografie und zeitlupenartigem Schauspiel ist voller Rätsel. Auch wer sie nicht auflöst, kann der Atmosphäre verfallen.


Martin Kriumbholz, nachtkritik 20. März 2015

Das schlichte menschliche Drama versteckt Tschechow beinahe in einer Milieustudie, die die Reflexe der prekären Gesellschaft – stumpfe Aversionen gegen das Unverstandene, Fremde, aber auch Reste von Empathie – genauestens registriert. Mit einem einfachen Verfremdungsmittel betont Jo Fabians Mülheimer Inszenierung das Modellhafte des Stücks: Alle zehn Figuren sind in schwarze, Burka-ähnliche Gewänder gehüllt. Dieser Kunstgriff erklärt die Personen des Dramas zu Gefangenen eines geschlossenen Systems. Gleichzeitig erhält die Rede von "Rechtgläubigen" oder auch vom "Antichristen" eine eigenartige Unschärfe und Doppeldeutigkeit. Das Stück dürfte immer noch im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielen, aber herausgerissen aus jeglicher realistischer Abbildung gewinnt es eine Bedrohlichkeit und eine Härte, die man bei Tschechow nicht unbedingt vermutet. Die Anspielungen auf Religiöses sind nicht eigens extrapoliert, aber auch nicht zu übersehen. Es ist eine Religion, die keinen Trost kennt. Für den Säufer Borzow – Rupert J. Seidl spielt ihn großartig – gibt es kein Erbarmen, aber in dem Moment, da Kusma (Fabio Menéndez) dessen Identität enthüllt, treten plötzlich Mitleid-Reflexe zutage. Als wären die Kreaturen, die hier versammelt sind, in den Sog seiner Fallhöhe geraten.<br> <br> Fabian gelingt in der anderthalbstündigen Aufführung ein exzellentes Timing, unterstützt von einer konsequent minimalistischen Musik, die im Grunde nur aus einem einzigen, in perfektem Rhythmus eingesetzten Ton besteht, einem "Kling". Zwischendurch allerdings, bei zwei, drei Breaks, wird zu satter Indie-Musik ekstatisch getanzt. Die schwarzen Roben fliegen leichthin durch die Luft, als wäre man nicht in einer maroden Asylanten-Kneipe, sondern in einer hippen Discothek in Berlin-Kreuzberg. Es ist keine ätherische Schwermut, die nun die Haltung dieser Mülheimer Aufführung markiert, sondern vielmehr ein subtiler Humor. Ob der Landstreicher Merik (ebenfalls fabelhaft: Albert Bork) mit einer völlig nutzlosen Axt herumfuhrwerkt, ob derselbe in den Taschen seines Wamses vergeblich nach einem Fünfer sucht, während der Wirt das schon ausgeschenkte Gläschen zurück in die Flasche kantiert – hier ist eine feinsinnige Menschenbeobachtung am Werk, die gewissermaßen ein paar Gran Witz und Optimismus durch die Hölle transportiert. Populär oder in irgendeiner Weise anbiedernd ist diese Aufführung allerdings nicht, sie ist eher hermetisch und komplex. Hoffentlich kein Hinderungsgrund für den verdienten Erfolg. Siehe <a href="http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10701:auf-der-grossen-strasse-jo-fabian-muelheim-tschechow&catid=38&Itemid=40" target="_blank">**nachtkritik.de**</a>