Stimmen

Bürger Schippel

neues rheinland 16. Dezember 1999

Unter Ciullis Regie-Händen erhält die von Max Reinhardt 1913 uraufgeführte „Komödie“ die scharfen Konturen einer Farce, in der bürgerliche Tugenden einer Radikalkur unterzogen werden – und zerfleddern. Dazu dreht er die Schraube vom Proletarier, der Bürger werden will, noch um eine Umdrehung weiter: Nicht mit deutschen Tönen überzeugt Schippel die Frack- und Manieren-Träger von seiner tenoralen Einzigartigkeit, seine musikalische Kostprobe ist nahöstlicher Provenienz: Schippel-Darsteller Feqi ist Kurde, der Proletarier also gar noch Ausländer. In Gralf-Edzard Habbens glänzendem Bühnenbild entfaltet die Inszenierung eine erschreckend-schreckliche Folgerichtigkeit. Oft überdreht ist sie bis zum Zerreißen, abstrus bis zum Umkippen in die pure Groteske, doch stets klar, scharf und witzig-böse.


Die Rheinpfalz 14. Januar 2001

  In seiner Inszenierung von Sternheims „Bürger Schippel“ hat der italienische Regisseur einmal mehr die Textvorlage ganz politisch gelesen.Die Doppelbödigkeit des Dramas hat er offen gelegt, unter den Falltüren die Abgründe des Aktuellen sichtbar gemacht. In Sternheims Stück gerät ein durchTodesfall zum Trio reduziertes Gesangsquartett auf der Suche nach einem neuen Tenor in die sozialen Verwerfungen im Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Den Siegerkranz des Fürsten wollen Hicketier, Wolke und Krey erringen, teilhaben am herrschaftlichen Glanz, aber der Erfolg ist ohne Kumpanei mit dem trefflich singenden Proleten nicht zu haben. Ciulli hat diesen Schippel mit dem kurdischen Schauspieler Ferhade Feqi besetzt, der proletarische Underdog wird damit auch noch zum unwillkommenen Ausländer, die wilhelminische Gesellschaftssatire zur bösen Gegenwartskritik.


Südwest-Presse 13. Dezember 2001

Die Inszenierung von „Bürger Schippel“ durch das Mülheimer Theater an der Ruhr unter der Regie von Roberto Ciulli entsprach genau der Sprache Carl Sternheims mit ihrer kunstvollen Künstlichkeit und zugleich treffsicheren Echtheit. Auf dem Kunstrasen vor dem Lattenzaun entfaltete sich das bürgerliche Heldenleben. Eine „Himmelsleiter“ führte hinauf ins Reich der idealisierten, begehrten, scharfsichtig durchtriebenen Thekla, ein Komposthaufen diente für alles Abgestorbene ebenso wie für verbotenes Liebesspiel. In diese zweifelhafte Idylle bricht Schippel ein, besetzt mit dem kurdischen Schauspieler Ferhade Feqi, was die schiere Unmöglichkeit einer Integration auch für heutige Verhältnisse bedrückend sinnfällig machte. Seine einzige Verbindung zu den Ehrenmännern ist der Gesang, dessen tiefwurzelnde Bedeutung sich in den Liedbeispielen manifestierte: A capella gaben die drei Übriggebliebenen und dann das wieder komplettierte Quartett Proben eines Könnens, das nur erstaunen konnte und wirklich preiswürdig war. Als zweite alles durchdringende Macht neben dem Gesang arbeitete die Inszenierung auf allen Ebenen die Verstrickungen aus sexueller Anziehung und deren Ausleben oder Unterdrückung heraus und all die daraus entstehenden verqueren Abhängigkeiten, gespielt in einer Gratwanderung zwischen deutlicher Drastik und distanzierter Künstlichkeit, die einen schaudern lassen konnte. Was da unter dem Schein hehrer Worte brodelt (und dazuhin auch noch bei Bedarf als Druckmittel eingesetzt wird), macht die Fragwürdigkeit dieser Gesellschaft zynisch deutlich.