Stimmen

Der Hausschrat

Augsburger Allgemeine Zeitung 28. November 2009

Scheinbar Banales hat Wilhelm Genazino in sein Stück „Der Hausschrat“ gepackt, das genau auf diese Befindlichkeiten Schlaglichter wirft. Und doch geht die Geschichte viel tiefer, sie rührt im Sumpf aus Schmerz und Ekel, kurze humorige Lichtblicke verdeutlichen die Tragik der Figuren umso mehr. In einer dichten Inszenierung agierten hervorragende Schauspieler, die die Spannung bei sich und im Publikum fast zwei Stunden ohne Pause aufrechterhielten. Bedrückend lebensnah, hart an der Wirklichkeit angesiedelt ist das Schauspiel von Wilhelm Genazino – Roberto Ciulli hat in seiner Inszenierung das Gewohnte hervorragend, dabei stets maßvoll überzeichnet auf die Bühne gebracht. Ein großer Theaterabend.


Andreas Rossmann, FAZ 15. Februar 2007

Genazinos Figuren sind unspektakulär aus dem Gleichgewicht geraten. Über Kleinigkeiten verhakeln sie sich, große Zurücksetzungen aber lassen sie ungerührt über sich ergehen. Diese Unverhältnismäßigkeit gibt ihnen Komik. Als plötzlich Else, die sich als Lebensgefährtin von Karls Bruder vorstellt, in der Tür steht und mitteilt, dass dieser gerade gestorben ist, berührt das Karl, der sich eben noch über das Wort "Feinschmeckerbrot" aufregen konnte, nicht weiter: "Was!? Jetzt ist er auch noch gestorben!" Zur Beerdigung zu gehen, hat er keine Lust, und so schickt er seine Gattin und bleibt mit Else, die Sophie ihre Trauerkleidung leiht, zu Hause. Die andere Frau in ihrer schwarzen Unterwäsche in seiner Wohnküche sitzen zu sehen bringt Karl, der sich nach dem Bruder und früheren Männerbekanntschaften, ihrer Heulanfälligkeit und anderen Gewohnheiten erkundigt, auf eine Idee: "Können Sie sich vorstellen, bei mir zu bleiben? Ich meine: hier in dieser Wohnung?" Else darauf: "Und Ihre Frau?" Und er: "Das renkt sich wieder ein." So hat "Der Hausschrat" auch etwas von einem ausgebremsten Boulevardstück, das alle Turbulenzen verwirft und den Seitensprung, frei von jedem amourösen Antrieb, als Variante der allfälligen Lustlosigkeit ins bloß hypothetische Kalkül zieht. (...) Das kleine Stück müsste trockener und umstandsloser gespielt werden als in Roberto Ciullis Inszenierung: Mehr Lakonik, weniger Bedeutungshuberei, mehr Komik, weniger Ulk könnten ihm aufhelfen. So bleibt "Der Hausschrat" nach seiner Uraufführung noch zu entdecken. Wenn es darin überhaupt viel zu entdecken gibt.


Vasco Boenisch, Süddeutsche Zeitung 15. Februar 2007

Der Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino zeigt sich, wie in seinen Erzählungen, auch in seinem zweiten Drama als Experte für alltägliche Trostlosigkeit und die Merkwürdigkeiten menschlichen Verhaltens. Ähnlich wie "Lieber Gott mach mich blind", uraufgeführt 2005, spielt auch der  Hausschrat im Ehe-Elend einer Best-Ager-Beziehung eines Paares, das sich in den eigenen vier Wänden aus Mangel und Bedürftigkeit, Leid und Lethargie eingerichtet hat. (...) Am Ende verharren karl und Sophie wieder allein beisammen mit ihrer kompensierten Lebensabendangst und akzeptieren Hoffnungslosigkeit. karl hat Sophie nicht gegen Else getauscht.Hilde konnte ihn nicht aus der Reserve locken. Und Sophie denkt immer noch nicht ans Weggehen. Die Tragödie von Genazinos Figuren ist nicht, dass sie nicht handeln können, sondern dass sie nicht mehr handeln wollen. Fast wie Ciullis Inszeneirung: die nicht will, was sie könnte.


Dorothee Krings, Rheinische Post 15. Februar 2007

Roberto Ciulli bleibt in seiner Inszenierung dicht am Text, bringt Figuren auf die Bühne, die aussehen, wie sie reden. Den bösen Witz des Textes übersetzt er ins Bühnenbild, indem er jede Menge Koffer fein säuberlich in Reih und Glied hat stellen lassen; Symbole des Aufbruchs, die in Karls Welt nur noch dazu dienen, schmutzige Wäsche in sie hineinzustopfen oder Lebensmittelreserven darin zu horten.


Bettina Jäger, Ruhr Nachrichten 15. Februar 2007

Der Bestseller-Autor hat einen urkomischen, todtraurigen, brillanten Text geschrieben. Und Roberto Ciulli hat ihn am Dienstag kongenial uraufgeführt. (...) Genazinos Text steckt voller Gegensätze, reicht vom banalen Ehe-Witz bis zu tiefgründigen Weisheiten. Wer sich hier nicht wiedererkennt, hat keinen Humor oder ist unter 40 Jahre alt. Seine Figuren haben den "Gefühlsklump" hassen gelernt und trotzdem die Sehnsucht nicht verloren. Dabei ist es ein großes Glück, dass Ciulli in Mülheim jenen Wohnküchen-Mief vermeidet, den der Text nahe legt. Gralf-Edzard Habben hat die Bühne mit lauter Koffern zugestellt. Doch sie sind kein Symbol fürs Fortgehen, sondern für jenes Gepäck, das sich der Mensch im Laufe des Lebens auflädt. Auch das vorzügliche Ensemble vermeidet den Naturalismus, gibt den Gestalten eine schwebende Melancholie.


Jacqueline Siepmann, NRZ 20. Februar 2007

Man könnte sich an „Ekel Alfred“ erinnert fühlen, läge in Genazinos Sprache und in Roberto Ciullis Inszenierung das erschreckend Banale nicht so dicht am schockierend Existenziellen, verschmölze das Todtraurige nicht mit dem Urkomischen, verspürte man bei jedem Lachen nicht sogleich auch einen Schlag in die Magengrube. Und vermieden Ciulli und sein Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben nicht jeden Anschein von Wohnküchentrash-Gemütlichkeit.(...)Karl (großartig: Albert Bork), der zahnlose kleine König im Haus, und Sophie (ihm ebenbürtig: Petra von der Beek), die verhärmte Hausfrau, in der gelegentlich die letzten Funken Widerstand glühen, hocken in einer streng geordneten, abstrakten Kofferlandschaft, doch die Koffer sind hier keine Verheißung des Aufbruchs, sondern Symbol des Bewahrens. Gut verschlossen (auf)bewahrt wird hier vieles: die Furcht vorm Altern, die Lust am Leiden, verdrängte Erinnerungen, zerrüttete Verhältnisse, verschüttelte Gefühle, zerronnene Sehnsüchte.


Eva Kalwa, Welt Kompakt 16. Februar 2007

Was wie ein weiteres Familiendrama mit küchenpsychologischem Feinschliff klingt, ist intelligentes, emphatisches Theater ohne Effekthascherei. Regisseur Ciulli führt sein Publikum durch ein Wechselbad von beklemmendem Schmerz und erlösender Heiterkeit im Angesicht menschlicher Schwäche. Doch nie zielt er auf Häme über andere ab. Immer versucht er, das sich selbst erkennende Lachen im Zuschauer zu wecken. Für den erfahrenen künstlerischen Leiter des Mülheimer Theaters ein „strenges Gesetz“, das er mit traumwandlerischer Sicherheit befolgt. Unterstützt wird er dabei von einem fantastischen Ensemble, das sich ganz in den Dienst der starken Dynamik des Stückes stellt.