Stimmen

DIE WÄNDE

Rainer Hartmann, Kölner Stadtanzeiger 18. Oktober 2003

„Die Szenen am Rand der Wüste, im Bordell, in den Plantagen der europäischen Herren und im Lande der Toten sind bannkräftige Bilder, enthalten markant herausgearbeitete Theatermomente und stichflammenartige Schauspieler-Ausbrüche. Zu spüren sind die klimatischen Bedingungen, die zum Zusammenstoß der Zivilisationen führen können.“


Johannes K. Glauber, NRZ 18. Oktober 2003

„Roberto Ciulli und sein Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben haben faszinierende Bilder gefunden. Starke, oft beklemmende Bilder von seltener Assoziationskraft. Trotz aller aktuellen, weltpolitischen Brisanz, die Ciulli keineswegs ausblendet, versucht er doch ganz im Sinn des Autors, nicht nur die Welt auf dem Theater abzubilden, sondern auch die reale Welt als Schein, als bloßes Theater zu denunzieren. Welttheater als Festspiel des Bösen. Stark auch die Leistungen aller zwanzig Schauspieler. Alle absolvieren eine hochnotkomischen Balanceakt zwischen Tragödie und Farce, betonen Künstlichkeit und Realismus, feine Ironie und wahrhaft tiefere Bedeutung. Ein Abend also, den man sich nicht entgehen lassen sollte.“  


Katrin Pinetzki, Westfälische Rundschau 25. Oktober 2003

„Ciulli findet Bilder, die sich einbrennen und die dem Stück, das eher Collage und Montage ist, ein Gesicht geben. Der Intendant selbst hält die Szenen zusammen. Im weißen Rokoko-Kostüm gibt er den „Mund“, eine Art Geist, der die Toten zu sich holt und – genussvoll, als läse er Märchen vor – Leichenberge auf den Straßen beschreibt. Die Titel gebenden Wände sind in Mülheim keine dichten Mauern, sondern ein lichtdurchlässiger Paravents. Nichtsdestotrotz trennt er Christen und Moslems, arm und reich, Leben und Tod – und zeigt die Schattenseiten des jeweils anderen.“                                                                                                                        


Wolfgang Platzeck, WAZ 18. Oktober 2003

„Roberto Ciullis bildmächtige Inszenierung (für die Gralf-Edzard Habben eine triste Landschaft aus Holzbohlen und Sandlöchern geschaffen hat) lenkt den Blick vollends auf aktuellere, auf subtilere Formen des Kolonialismus. Nicht zuletzt aus der Ambivalenz, aus der Magie des kunstvoll Verrätselten, des nicht restlich Erklärten oder Erklärbaren, bezieht der Abend eine ungeheure Kraft. Ciulli weckt Assoziationen, lenkt Gedanken – auf Rimbauds Schönheit des Bösen etwa oder auf Céline und Ernst Jünger - , aber er nimmt dem Zuschauer das Weiterdenken nicht ab. Kann man mehr wollen?“  


Margitta Ulbricht, WAZ 18. Oktober 2003

„Drei Stunden und fünf Minuten währt der gottlosen Kampf zwischen Herren und Beherrschten, Armen und Reichen, Christen und Moslems, Arabern und Europäern am Raffelberg. Es ist ein opulenter Bilderbogen des Krieges und seiner Gräueltaten, ein Menschheitsdrama an sich. Am Ende des eindringlichen Todestanzes atmen die Zuschauer eine Minute lang durch, dann brandet der Applaus auf.“    


Ulrich Deuter, Süddeutsche Zeitung 22. Oktober 2003

„Die siebzehn Bilder des Stücks ziehen hier wie Erinnerungen, Träume, Phantasien des Spielmachers vorüber. Als wären sie die „Desastres de la Guerre“, jenes Krieges, den Europa gegen den Rest der Welt führte. Genets letztes Stück ist vielleicht als Totentanz zu verstehen, als das Ritual vom Morden und Vernichtetwerden, das anzuklagen man müde geworden ist. Sterbensleichtigkeit und Lebensgrimm ist die Atmosphäre, die dieses Bilderalbum zusammenhält. Und das Wissen, dass alles ein Spiel ist. Zum Schluss arrangiert Ciulli seine Figuren zu gültigen Posen in einem Bild, in dem sie aufgehoben werden. Trost der Kunst in der Untröstlichkeit.“


Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung 18. Oktober 2003

„Wie die Aufnahmen eines Fotoalbums arrangiert sie die Szenen, setzt Mittel der Fotoästhtik ein und reflektiert sie. Die Aufführung im Theater im Raffelbergpark, die sich auf ein geschlossenes, genau typisierendes Ensemble stützt, verkürzt das Stück und verzerrt es, nicht ohne der hier so ausgeprägten Manier des Selbstzitats zu entsagen, zur Groteske. Aufgehoben in der Kunst, erscheint das Verbrechen und erklärt Ciullis Inszenierung zu einer Trauerarbeit im Schönen.“  


Stefan Keim, Frankfurter Rundschau 24. Oktober 2003

„Die Wände ist Endpunkt und Summe des dramatischen Schreibens Genets, ein voluminöses Werk über den Algerienkrieg, Kolonialismus und die Schönheit des Aufstands. Unaufgeregt ohne die geschilderten Grauen durch Bilder zu verdoppeln, erzählen die präzisen Schauspieler von der Schönheit eines völlig amoralischen Freiheitskampfes, von dem Verbrechen, der Sünde als göttlichem Prinzip. Ciulli spielt mit Motiven aus dem Christentum und Islam, zeigt eine westlich-mondäne Gesellschaften in Abendgarderobe, während im Hintergrund leise Maschinengewehrsalven knattern, und bringt die Wut und Verletztheit der Araber in archaischen Bildern auf die Bühne. Durch die vielen Verfremdungen entsteht aber keine Distanz zu Genet, im Gegenteil, seine Gedanken werden durch den Assoziationsreichtum der Inszenierung sogar klarer.“