Stimmen

Die Wupper - Eine Performance

Eva Schäfers, Westfälischer Anzeiger, 16. Februar 2016

Die Dichterin spielt Roberto Ciulli höchstpersönlich und das zu sehen, ist ein großes Vergnügen. Mit knallrotem Lippenstift, mit offenen weißen Mähnensträhnen, füttert er unsichtbare, aber zwitschernde Vögel mit Luft-Brot aus einem alten Kinderwagen, und er schäkert und scherzt mit ihnen in einer fremden, italienisch anklingenden Zunge. Es gibt kein Rezept, wie man dieses Stück inszenieren kann, sagte Ciulli im Gespräch mit seinem Dramaturgen und langjährigen Mitstreiter Helmut Schäfer. Aber so kann man es machen – es ist beeindruckend, aber: es ist auch anstrengend. Muten Sie sich ruhig etwas zu!


Andreas Rehnolt, Musenblätter, 15. Februar 2016

Das inzwischen 81 Jahre alte Regie-Urgestein Roberto Ciulli hat am Düsseldorfer Schauspielhaus eine sinnlich beeindruckende und fast wortlos verlaufende Version von Else Lasker-Schülers Drama „Die Wupper“ auf die Ausweichbühne im Central gebracht. Wunderbar die Szene noch vor dem eigentlichen Start der gut zweistündigen Inszenierung. Da sitzt Ciulli mit zwei jungen Frauen zu seinen Füßen und erzählt leise kurze Episoden aus dem Leben der am 11. Februar 1869 geborenen Bankierstochter Lasker-Schüler. Alleine mit dieser Einführung hat der große Regisseur und Mime Ciulli das Publikum schon auf seine Seite gezogen. Für den Theatermacher, der nach 35 Jahren erstmals wieder in Düsseldorf inszeniert, ist „Die Wupper“ eigentlich ein nicht spielbares Stück. Und doch gelingt es ihm, ohne ins Kitschige oder ins melodramatische abzugleiten. Ciulli schlurft als alte Else Lasker-Schüler mit blauem Kleid, rot geschminkten Lippen, Hütchen und Handtasche über die Bühne, sitzt mal nur neben einem großen Kinderwagen, spielt ein wenig auf einer Blockflöte, füttert pantomimisch eine Vogelschar oder gießt blaue Papierblüten. Wunderbare kleine Momente, in denen man innehalten kann und die vom Regisseur ganz bewusst eingesetzt werden.


Jens Dirksen, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 15. Februar 2016

Die Reverenz an die Dichterin ist der Dreh- und Angelpunkt des gut zwei Stunden währenden Bilderbogens, der mit einem gut choreografierten Ensemble auch auf Inszenierungen der Wuppertaler Tanz-Ikone Pina Bausch anspielt – der Abend ist denn auch voller Assoziationen wie dieser, die Szenen und Charaktere des ohnehin vogelwilden Stücks werden zum freien Spielmaterial, das in typischer Ciulli-Manier poetisch-surreal illustriert wird.


Andreas Wilink, Nachtkritik, 13. Februar 2016

Denn "Zaubern heißt des Dichters Handwerk", so die 1945 in Jerusalem gestorbene jüdische Dichterin. Das gilt auch für das Handwerk des Regisseurs. Roberto Ciulli, der magische Realist aus Mailand und Mülheim, macht sich seinen eigenen Reim auf "Die Wupper". Er schlägt das Traumbuch auf und lässt nicht naturalistisch uniformiert à la Hauptmann spielen. Im Düsseldorfer Central "pocht sterbensmüde eine Sehnsucht an die Welt", denn besser als mit der Lyrikerin Lasker-Schüler, deren Gedichte in Ciullis wenig festgefügte dramatische Gerüst-Fassung eingehängt sind, lässt es sich nicht sagen. "Du dichtest ihn dir, Eduard", meint Mutter Sonntag mit kaltem Blick auf Carl Pius, den Unterklasse-Freund ihres nicht nur auf der Lunge schwachen Sohnes. Ähnlich dichtet sich Ciulli die Lasker-Schüler – in seiner Selbstdarstellung: als Beschwörerin des Imperfekts, episches Monument und zentrale Randfigur. Ciulli, der sich als ELS einen Joint reinzieht, imaginäre Tauben füttert, auf der Flöte spielt, wie ein Medizinmann in blauen Papierblumen stöbert und diese später rührend begießt, assoziiert in seinem Traumspiel sozusagen unfrei entlang einer historischen, kulturellen und deterministisch-biologischen Verfallslinie. Es geht um Kindesmissbrauch, um die Bücherverbrennungen der Nazis, um Kirchenkritik, um Kritik am kunstfeindlichen Konsumieren und um den deutschen Marschtritt, vor dem ELS niederstürzt.


Rheinische Post, Dorothee Krings, 15. Februar 2016

Auf der Bühne zelebriert Ciulli die Ausdruckskraft des reinen Spiels, sprachloses, kluges Assoziationentheater. Und es ist berührend, wie da ein großer Theatermann mit 82 Jahren einer Autorin, die ins Vergessen gleitet, Respekt zollt, wie er sie mit direkten Mitteln wie Pantomime oder Clownerie wieder lebendig macht.


Ulrich Fischer, The Huffington Post, 14. Februar 2016

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945) war ihrer Zeit voraus. Als die Dichterin ihr erstes Stück, "Die Wupper", 1909 vollendete, fand sie wenig Verständnis. Auch das Echo auf die Uraufführung 1919 im Deutschen Theater in Berlin war gemischt. Heute gilt Else Lasker-Schüler als d i e Vertreterin des Expressionismus. Roberto Ciulli entdeckt in ihr eine Vorläuferin des absurden Theaters. Ciulli, ein alter Meister, verwandelt den Fünfakter in seiner neuen Inszenierung in Düsseldorf in "Eine Performance" - ein scharfsinniger Blick auf wesentliche Aspekte der "Wupper".


Marion Troja, Westdeutsche Zeitung, 14. Februar 2016

Lasker-Schülers „Die Wupper“ ist sicher kein Sozialdrama, in dem sich die Klassen und Verhältnisse klar gegenüberstehen. Die Dichterin weist in Gefühlswelten, ins Verborgene und Verbotene. Ciulli ist mit seinem Abend diesem Weg gefolgt.


Deutschlandfunk, Dorothea Marcus, 13. Februar 2016

Die getriebenen bürgerlichen Gestalten der Gründerzeit sitzen apathisch in einem Zwangskorsett aus frommer Verklemmtheit und sadistischer Lust. Eine Gegenwelt dazu ist das rätselhafte Stadtstreicher-Trio, der gläserne Amadeus, die Lange Anna und der Exhibitionist Pendelfrederich: Verschmiert und verloren geistern sie über die Bühne, machen derbe Witze und sind die einzigen, die real sprechen dürfen – immer wieder auch die berühmten, traumschönen Gedichte von Else Lasker-Schüler. Es ist eine virtuose Verweigerung, die Ciulli hier betreibt.


Martin Krumbholz, Süddeutsche Zeitung, 15. Februar 2016

Geschick und Handwerk genügten nicht, meinte Else Lasker-Schüler, als sie 1909 in Berlin das Stück über ihre Heimatstadt Elberfeld schrieb, Dichten müsse schon Zauberei sein. Und so trifft es sich gut, dass der in Mailand geborene und in Mülheim an der Ruhr wirkende Theatermagier Roberto Ciulli, fast 82 inzwischen, endlich „Die Wupper“ inszeniert.