Stimmen

EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT

Jana Schindler, Allgäuer Zeitung, 19. Januar 2016

Grandios die Umsetzung des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Stücks über eine Familie, die Elend, Alkohol und Drogen unheilvoll zusammengeschweißt haben. Die Bilder, die Ciulli und das großartige Schauspielquartett hier geschaffen haben, sind unvergänglich.


Andreas Rossmann,Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Oktober 2014

Die Mülheimer Inszenierung von Roberto Ciulli dünnt den Text aus und entwickelt atmosphärisch starke, zwischen Tag und Traum schwebende Bilder, die das Drama, seiner Äußerlichkeiten entkleidet, zum Gleichnis der gescheiterten Existenz verdichten. Wie Simone Thoma als Mary Tyrone eine exaltierte Erhabenheit und irrelevante Zerbrechlichkeit an den Tag legt, lässt die Aufführung eine flirrende Energie ausstrahlen. Roberto Ciulli der alte Magier, der im Frühjahr achtzig geworden ist, benutzt das Theater nicht für Botschaften, sondern setzt es poetisch ins Recht. Was aber bleibt, ist die Schönheit der Bilder.


Dr. Ulrich Fischer, dpa, 24. Oktober 2014

Roberto Ciulli ist ein alter Meister seines Fachs. Es gelingt dem jetzt 80-jährigen Regisseur immer wieder, seine reiche künstlerische wie seine Lebenserfahrung in Inszenierungen einfließen zu lassen: So auch jetzt wieder bei Eugene O'Neills Meisterwerk "Eines langen Tages Reise in die Nacht". Das ganze Ensemble spielte glänzend. Simone Thoma entfaltet alle Facetten der Falschheit; ihre Mary Tyrone, eine eisenharte, engherzige, dünkelhafte Egoistin, gibt sich als fragile, mädchenhafte Mutter; sie spielt ihre körperliche Zerbrechlichkeit gnadenlos aus. Niemand wagt, wegen ihrer zur Schau gestellten Schwäche, sie ernsthaft zur Rechenschaft zu ziehen. Denn Mutter Mary greift strategisch, wie alle, die anderen Familienmitglieder an; ihre Schuldzuweisungen dienen dazu, von den eigenen Lastern abzulenken und die angegriffenen Gegner vor Attacken abzuschrecken. Ciulli und seine Ensemble malen so ein Porträt, das völlig im Gegensatz zur heilen Familie steht, die sonst so gern (nicht nur) in den Vereinigten Staaten beschworen wird. Die Diagnose, die O'Neill seinem Meisterwerk als kritischen Kern eingeschrieben hat, sein Land, die USA seien im Kern krank, zerrüttet, die Familie Tyrone mit ihrer Heuchelei repräsentierten die Nation, spielt in Mülheim kaum eine Rolle. Dennoch entbindet die Verlogenheit, die immer wieder neu und anders thematisiert wird, neben dem Ernst auch eine große Komik - die Akteure haben offensichtlich Freude, diese Raffinesse und Komplexität der Charaktere zu spielen. Die kurze, nur knapp zweistündige Aufführung gewinnt so neben Tiefe und Scharfsinn auch Witz und Unterhaltsamkeit. Allerdings kommt nur wenig vom Witz über die Rampe - es wurde bei der Premiere am Donnerstag in Mülheims Theater an der Ruhr zu wenig gelacht. Alte Meister überzeugen durch Erfahrung und Können: sie sind unentbehrlich.


Britta Heidemann, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 24. Oktober 2014

Die Hölle, das sind die anderen. Das Elend aber hält die Familie Tyrone zusammen, der Suff und die Sucht. Am Theater an der Ruhr zeigt Roberto Ciulli Eugene O’Neills Familien- und Drogendrama „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ – und zeigt auch die grimmige Freude, die abgründige Komik am derart umnebelten Dasein. Simone Thoma stöckelt als Mary Tyrone goldenen Fußes durch die Fluten, ein fragiles Feenwesen, dem Morphium verfallen. Diese Mary schwankt zwischen Herzensleid und Gefühlskühle, mädchenhafter Koketterie und Macht-Impuls: Simone Thoma auf der Höhe ihres Könnens. Die Mülheimer Inszenierung zerrt das Drama nicht gewaltsam in die Gegenwart, sondern spürt dem Geist der Zeit nach und gibt zugleich Raum für sehr moderne, traumschön-spielfreudige Theatermomente. Langer Applaus für einen berauschenden Theaterabend mit Suchtfaktor.


Andreas Falentin, Die deutsche Bühne, 24. Oktober 2014

Und, eine Überraschung, Ciulli entdeckt viel, sehr viel Zärtlichkeit, selbst bei James, dem Vater, der seine Söhne alkoholabhängig gemacht hat wie sich selber und zu geizig ist, dem tuberkulosekranken Edmund einen guten Arzt zu bezahlen. Ciullis „langen Tages Reise in die Nacht“ ist ein sehr puristisches Theatererlebnis. Keine multimedialen Reize, kaum Exaltationen, weder im Bild noch in der Bewegung. Und eine Symphonie der leisen Töne. Ausgerechnet Klaus Herzog, der den Patriarchen, den erfolgreichen Schauspieler spielt, artikuliert bewusst kunstlos, in höchstem Maße timingsicher, aber spröde. Mary, seine morphinsüchtige Frau hingegen, ist bei Simone Thoma ganz Kunstprodukt. Der Schluss ist schwerelose Improvisation, ein Familienspiel, charmant, noch einmal überbordend zärtlich, fast unwirklich. Dann verlischt es, stirbt es wieder ab. Faszinierend und quälend, mit leisem, untergründigem, schwer greifbarem Witz.


Stefan Keim und Moderator Daniel Finkernagel im Gespräch, WDR 3 Mosaik, 24. Oktober 2014

D.FINKERNAGEL: Im Vorfeld hat Roberto Ciulli gesagt, es gibt gewissermaßen eine transatlantische Verbindung zwischen Eugene O’Neill einerseits und Samuel Beckett andererseits. Hat sich das ausgewirkt, war das spürbar in seiner Inszenierung? S.KEIM: Interessanterweise ja, man könnte auch an Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ denken... D.FINKERNAGEL: Die Hölle sind die Anderen. S.KEIM: Ja, und man kommt trotzdem nicht von ihnen los... Aber Beckett hat man interessanterweise auch. Diese bleichgeschminkten Gesichter, das hat etwas Gespenstisches, aber auch ein bisschen etwas Clowneskes... und es gibt ein sehr starkes Schlussbild, auch ein neues Schlussbild, das sich Roberto Ciulli ausgedacht hat... Man kann sich darüber streiten: Ist das ein schöner Schluss oder ist das ein besonders gruseliger Schluss, weil er eine Weiterentwicklung verhindert. Auf jeden Fall hochinteressant! D.FINKERNAGEL: So wie Sie das beschreiben, ist da große Virtuosität von den Schauspielern gefragt. Wie kommen die damit klar? S.KEIM: Ausgezeichnet! Sie müssen das Stück auf einer Schwebe halten, sie müssen noch die realen Menschen durchblitzen lassen, Simone Thoma als Mutter Mary, Klaus Herzog als Vater James und Fabio Menéndez und Marco Leibnitz als die beiden Söhne. Die machen das ganz ausgezeichnet, dass man sie noch als konkrete Menschen sieht, aber sie überhöhen das Ganze etwas ins Spukhafte, etwas ins Gespenstische, und so werden die Schwächen des Stückes eliminiert. So klebt es eben nicht an einer Familiengeschichte, es geht auch nicht um die verwundete amerikanische Seele, an der Eugene O’Neill sich immer abgearbeitet hat. Es wird ein Menschheitsgleichnis das uns alle angeht und das ist eine starke Leistung des Theater an der Ruhr. Nachzuhören unter http://www.wdr3.de/buehne/robertociulli104.html


Martin Krumbholz, nachtkritik.de, 24. Oktober 2014

Gralf-Edzard Habben hat zwei identische flache Pools auf die Mülheimer Bühne gesetzt, dahinter eine hohe leere Apsis. In den Pools schwimmt allerlei Kram, Koffer, Bücher. Die Bruchbude, als die Mary Tyrone ihr Heim in der Provinz apostrophiert, hat hier einen schönheitstrunkenen Anstrich erhalten, und wer Roberto Ciulli kennt, diesen großen Magier der Dämmerung (der Ausdruck wurde einmal für Peter Handke geprägt, aber für den Italiener passt er beinahe noch besser), wird sich darüber nicht wundern. O'Neill's Dämmerung ist die des Alkohols und die des ganzen Lebens, obwohl zwei der Figuren noch jung sind. Trotz dieses kostbar-morbiden Settings, der delikaten Arrangements, der treffsicher ausgesuchten Musik von Jimi Hendrix, den Doors und so weiter ist diese Aufführung frei von jeder Manier. Das liegt daran, dass Ciulli die vier Schauspieler bewundernswert klar und unverschmockt führt. Ganz präzise, ohne ein Nachlassen, zwei Stunden lang. Man muss sie einfach feiern. Simone Thoma mit ihrer kunstvoll-derangierten blonden Frisur verrät ihre Mary nicht an irgendeine billige Hysterie, an ein Flatterweibchen: Jede Geste, jeder Ton sitzt. "Wahrscheinlich ist er durch das Leben so geworden, und er kann gar nichts dafür." So wie sie diesen Satz sagt, ist man nahe daran, ihn ihr zu glauben. Eine vollkommen vernünftige Verteidigerin des Menschen: Alle sind durch das Leben so geworden, wie sie sind, und können schließlich nichts dafür. Klaus Herzog mit Clownsnase und trotz Hosenträgern ständig rutschender Hose ist die Ruhe selbst, kein Anflug von Cholerik oder schlechter Laune mindert sein paternales Ego, und selbst sein notorischer Geiz ist kein übler Zug, sondern eher eine liebenswerte Marotte. Die weiche und noble Lesart der Figur verblüfft zunächst, aber sie erweist sich als stimmig: Dieser abgewrackte Mensch ist ganz mit sich im Reinen. Fabio Menéndez ist der ältere Sohn James, Schauspieler wie sein Vater, noch früher gescheitert, Epileptiker zudem: Von den vier Tyrones bringt er die meiste Schärfe auf, sein Sarkasmus ist die dünne Außenschicht über Elend und Verzweiflung, und genau diese Spannung bringt Menéndez zum Vorschein. Schließlich der jüngere Sohn Edmund, der Dichter der Familie, an Tuberkulose erkrankt wie sein Autor: Marco Leibnitz übertrifft die anderen drei fast noch in der Filigranzeichnung eines dem Tode Geweihten, der wider besseres Wissen zum Whiskyglas greift, als wäre es der erste Schritt zum Suizid, und dennoch die Kraft aufbringt, gegen die vom Vater aus Geiz verordnete Kurpfuscherklitsche ebenso heftig wie theatralisch aufzubegehren. Wunderbar die Szene, in der er zu dem fast in voller Länge ausgespielten Song The End auf einem Bein durch den Pool tanzt und schließlich die Seiten eines zerfledderten Buchs herausfischt. Unaufhörlich tropft das Wasser den ganzen Abend in Habbens Tropfsteinhöhle, die am Ende von Kerzen illuminiert ist. Dann spielt die Familie einträchtig das Spiel "Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen" – ein Spiel, das nie zum Ziel kommt, als gäbe es eine Gnadenfrist und als stünde das Ende der Welt doch nicht unmittelbar bevor.