Stimmen

Es geht immer besser, besser – immer besser ...EIN TANZVERGNÜGEN

Elisabeth Feller, Aargauer Zeitung 19. Januar 2009

Sie kreisen um Arbeitslosigkeit, Armut, Faschismus, Sehnsucht und Begehren. Was bedrohlich anmutet, kommt in Roberto Ciullis Inszenierung ganz leichtfüßig daher. Der Regisseur Ciulli übernimmt auch die Rolle eines Clowns. Als solcher lenkt er das Geschen subtil – und bereichert es mit zarten, humoristischen Szenen und Beigaben, zu denen auch ein Zauberstab gehört. Hebt ihn Ciulli, fliegt ein kleiner Zeppelin über die Szenerie. Welch schönes, sinnstiftendes Symbol für Hoffnung! Für einen Moment halten alle auf der Bühne wie im Publikum den Atem an. Die Poesie des Augenblicks hat die Tristesse des Alltags schachmatt gesetzt.


Kurier Bayreuth, Frank Piontek 16. Dezember 2009

Das Theater an der Ruhr interessiert sich für heutige Konflikte, es ist eines der letzen deutschen Theater, das sich überhaupt noch um den Zusammenhang von Theaterkunst, Politik und zersplitterter Gesellschaft interessiert – fantastischerweise gelegentlich mit den Mitteln eines milden Zaubertheaters.


Manfred Koch, Erlanger Nachrichten 06. März 2006

Vergnügen haben allein die Zuschauer im Erlanger Markgrafentheater, denn das Theater an der Ruhr aus Mülheim setzte mit seinem Gastspiel wieder einmal einen künstlerischen Glanzpunkt. Die Kunst(aus)sprache der so genannten Volksstücke gelingt dem ausgezeichneten Ensemble prächtig, aber auch die Tanzeinlagen zu Nostalgie-Songs können sich sehen lassen: Man steppt und walzert, man foxtrottet und freestylt, je nachdem, je nach Gefühlslage. Deprimiert lässt Magier Roberto Ciulli niemanden nach Hause gehen: Manchmal gibt es denn auch eine kleine Ahnung von Glück, denn Clown Ciulli setzt der Tristesse des Alltags seine subtile Poesie entgegen. Zwei Blümchen hier, eine Zauberei dort – und das Lächeln im Knopfloch höret (fast) nimmer auf. Wunderschön.


Rolf Finkelmeier, theater pur 17. April 2005

Er ist schon etwas Besonderes in der Theaterwelt: Roberto Ciulli. Was er uns da so leicht servieren will, hat es bei zweiter Betrachtung faustdick hinter den Ohren. Aber so ist er, spielerisch und zaubernd zeigt er uns die Macken der Welt. Was Roberto Ciulli in Mülheim auf die Bühne zaubert ist Theater aller erster Güte. Mit der Naivität des Narren zeigt er das Elend einer völlig haltlosen Gesellschaft. Ein Theatermann von seltener Güte, ein Ensemble von starker Geschlossenheit und ein Abend, der im Gedächtnis des Betrachters haften bleibt. Was will man mehr vom Theater erwarten?


Annette Kiehl, Westfälischer Anzeiger 09. März 2005

Ein bizarres Bild der Gesellschaft zeichnen die Szenen aus Ödön von Horváths Volksstücken, die Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr zu einer Inszenierung zusammen gefügt hat. Die Sätze, in denen Horváth in den 1930er Jahren den Zusammenbruch der Liebe und des Lebens an Armut beschrieb, tragen das Stück. Ciulli hat sie nicht in eine Geschichtenform gepresst, sondern belässt sie als Gesprächsfetzen. Die Figuren bleiben so weitgehend anonym, doch offenbart sich in ihrem Spiel eine Endzeitstimmung. Die fiebrige Stimmung entlädt sich auf der Tanzfläche: Mit starren Mienen drehen sich die Paare, immer schneller, entgegen dem Rhythmus. Andere rudern bis zum Zusammenbruch mit ihren Gliedern. Der Tanz als letztes Vergnügen.


Ruhrnachrichten 07. März 2005

Süße Mädels, teils in die Jahre gekommen, flirten mit Schwarz gekleideten, teils etwas schmierigen Herzensbrechern. Unter der charmant schillernden Oberfläche geht es um Liebe in Zeiten der Krise. Wer arm ist, wird abserviert, und nach dem Küssen wischen sich beide den Mund ab. Wenn`s den Paaren zwischendurch zu wohl wird, gehen sie nicht aufs Eis, sondern auf die runde Tanzfläche. Dazu gibt`s Dialoge von Horváth, die sich als taufrisch entpuppen. Roberto Ciulli und sein auf höchstem Niveau agierendes Ensemble verpacken die Kritik jedoch poetisch und so schräg, dass es richtig was zu lachen gibt.


Gudrun Norbisrath, WAZ 07. März 2005

Es ist eine erstaunliche Collage, die Ciulli auf die Bühne bringt. Er ist ja nicht nur der Clown, sondern der Regisseur und als solcher vermutlich erst recht der Clown. Mit elf Schauspielerinnen und Schauspielern reist er kreuz und quer durch die großen Horváth-Stücke: „Glaube, Liebe, Hoffnung“, ein bisschen „Wienerwald“ und „Italienische Nacht“, dazu ein Schuss „Kasimir und Karoline“. Und Horváth-Freunde mögen verzeihen: Aus den skrupellos montierten Bildern von Armut und Arbeitslosigkeit, von Faschismus, Fortschrittsglauben, Sehnsucht und Begehren entsteht ein faszinierendes Bild.


Ulrich Deuter, Süddeutsche Zeitung 08. März 2005

Dies könnte ein Varieté-Theater sein, eine Art Tanzbar mit Kinobestuhlung oder sonst ein Etablissement vergangener Größe. Was auch immer – es ist ein Ort des Anbändelns und Absackens, des An- und Auseinandergeratens für ziemlich viele Leute. Ein Wartesaal: Fluchtpunkt für drei Frauen und acht Männer. Und was da von Anfang an so gekonnt verläuft, sind die Pirouetten der Resignation, die gewandten Figuren akzeptierter Zukunftslosigkeit. Und leichtfüßig, leichtgewichtig ist dieses „Tanzvergnügen“ (so der Untertitel) in der Tat über die Bühne gegangen, in dieser Roberto-Ciulli-typischen Mischung aus Selbsteifer und Gesellschaftskritik, privater Eitelkeit und allgemeiner Sorge. Wie jemand dasitzt; wie jemand aufsteht; wie man immer wieder gegeneinander zum Tanz antritt; all die kleinen Blicke und Gesten von Hass in der Liebe, Lüge in der Offenheit, Sehnsucht in der Kälte – das reicht doch. Das sagt doch mehr als tausend Zeigefinger.


Stefan Keim, Frankfurter Rundschau 14. März 2005

Mit einer Short-Cuts-Dramaturgie entwerfen Roberto Ciulli und der Dramaturg Helmut Schäfer ein heutiges Gesellschaftsbild. Gespräche verlaufen realistisch-beiläufig, es sind nebenbei formulierte Sätze, die tiefe Wunden offenbaren. Sie streiten, verletzten sich und wissen, dass sie im Kern gegen ihre Arbeitslosigkeit anbrüllen, gegen das Gefühl, nirgendwo mehr hin zu gehören, nutzlos zu sein. Es gelingt Ciulli und seinem dicht zusammen spielenden Ensemble, aus den Horváth-Texten ein Zeitstück zu gewinnen. Trotz aller Trauer und Verzweiflung tanzen die Leute, versuchen die Lebendigkeit ihrer Körper zu spüren, das Absterben der Seele für Augenblicke zu vergessen. Totzukriegen sind sie nicht, und sie murmeln die beschwörenden Worte: „Es geht immer besser, besser – immer besser.“