Stimmen

FASSBINDER

Nue Ammann, Landsberger Tagblatt, 14. November 2011

In Ciullis Inszenierung wird der Text zur Warnung vor einem fortdauernden, latenten Antisemitismus. Diesen Geniestreich schafft Ciulli insbesondere durch die Besetzung der zentralen Rollen in allen drei Stücken mit Schauspielerin Simone Thoma. Der Verfall der Kommunikation wie in „Blut am Hals der Katze“ dargestellt, zeigt die Verrohung der Gesellschaft auf, die in Ciullis Inszenierung in ein totalitäres System mündet. Dieses spiegelt sich in der Situation der Dreharbeiten in „Nur eine Scheibe Brot“ wider, die den Regisseur als exemplarische Figur in der Täter-Opfer-Dualität zeigen. Konsequent weitergedacht gibt Ciulli mit „Der Müll, die Stadt und der Tod“ eine Antwort auf die beiden vorangegangenen Stücke, die Reaktion der einstmals Unterdrückten und Verfolgten auf die Grausamkeiten der Diktatur. Es ist eine bravouröse Verkettung, und mittels seiner nuancierten, wohlüberlegten Inszenierung hat Ciulli quasi ein neues Fassbinder-Werk erschaffen. Ohne Frage setzt sich die hohe Qualität der Inszenierung in Bühnenbild, Kostüm und schauspielerischer Leistung fort. Und für Simone Thoma gab es beim Schlussapplaus wohlverdiente Bravorufe.


Martin Burkert, Nürnberger Nachrichten 05. Oktober 2009

Drei Stücke des 1982 gestorbenen Autors und Filmemachers werden verknüpft. Das erste „Nur eine Scheibe Brot“, hat Fassbinder mit 21 Jahren geschrieben. Ein junger Filmregisseur scheitert an einem Spielfilm über Auschwitz, weil er aus dem unfassbaren Leid kein Kunstwerk machen kann. Er wird das Gefühl nicht los, er sei wie die Wachleute im KZ, die mit ermordeten Juden Geld verdienen. Die durchgängige, verfremdete Figur des Regisseurs ist ein raffiniertes Konzept, mit der in den Kopf von Rainer Werner Fassbinder geleuchtet werden soll. Es ist ein intensiver, nachdenklicher Theaterabend über Denken, Fühlen und die menschlichen Abgründen im Nachkriegsdeutschland.  


Vasco Boehnisch, Süddeutsche Zeitung 05. Oktober 2009

Dieser reiche Jude stilisiert sich offensiv als Opfer, kokettiert gleichsam damit, hat also ein ebenso gestörtes Verhältnis zur eigenen Geschichte wie wir Zuschauer. Simone Thoma gibt ihn so aufgekratzt wie erschöpft, eine zerrissene Person. Nicht triumphierend, sondern tieftraurig fragt er: Bin ich ein Jude, der Rache üben muss an kleinen Leuten?!“ „Der reiche Jude“ ist in Mülheim – nicht trotz, sondern wegen seiner Geldgeilheit; nicht trotz, sonder wegen seines Opferkomplexes – eine erbärmliche, bemitleidenswerte Figur.Womit unmissverständlich klar ist, was Ciullis Zugang zu dem umstrittenen Drama ist: Er einverleibt es sich in sein humanistisches Welttheater.  


Hans-Christoph Zimmermann, der Freitag 02. Oktober 2009

Roberto Ciullis dramaturgischer Kniff besteht darin, den Abend „Fassbinder“ zu nennen und die drei Hauptfiguren der Stücke quasi als Alter Ego des Regisseurs Hans Fricke mit der Schauspielerin Simone Thoma zu besetzen. Als Abschluss des Abends folgte Nur eine Scheibe Brot und Der Müll, die Stadt und der Tod noch Blut am Hals der Katze als pinkfarbenes Satyrspiel um Phoebe Zeitgeist, die in einem Sauerstoffzelt das hohle Parlando der Gesellschaft anhören muss und diese bundesrepublikanischen Lemuren bei einer Party per sinnlicher Überdosis totküsst.  


Christian Bos, Kölner Stadt Anzeiger 03. Oktober 2009

Schon bald ahnte man, dass die Skandalgeschichte „Der Müll, die Stadt und der Tod“ hier zu Ende gehen würde: Mit einem hoch geschätzten Ensemble abseits aktueller Regiemoden an einem Ort jenseits der medienhysterisierten Theater-Metropolen. Und es ist ein gutes Ende. Geschont hat Fassbinder in der Tat niemanden, zuvorderst nicht sich selbst. Nun nicht länger ein Skandal, sondern Fassbinders spielenswertestes Stück.  


Bettina Jäger, Ruhr Nachrichten 03. Oktober 2009

Es war als „Nutten-Schnulze“ und „antisemitisches Schmierstück“ geschmäht worden. Es ist weder das eine noch das andere, sondern in der sensiblen Regie Roberto Ciullis und der klugen Dramaturgie Helmut Schäfers eine tief bewegende, fast vier Stunden dauernde Kärrnerarbeit an der deutschen Geschichte. Die Ausnahme Schauspielerin Simone Thoma, die mit ihrer knabenhaften Figur die Grenzen des Geschlechtlichen vollkommen aufhebt, ist ein somnambuler Pennäler in kurzen Hosen ein Beobachter ein Verzweifelter.  


dpa 02. Oktober 2009

Ciulli lässt eine zarte Frau – herausragend Simone Thoma – sowohl den Regisseur als auch den reichen Juden spielen. Schmächtig, im Schüleranzug mit kurzer Hose und Kniestrümpfen, nimmt die Darstellerin der Szenerie das bedrohlich Klischeehafte. Der von der jüdischen Gemeinde als unerträglich für die Überlebenden des NS-Massenmordes bezeichnete Monolog über den „blutsaugenden Juden“ mit dem schneidenden Satz „Hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen“, kommt unvermittelt wie in einer Plauderei. Das ist das Beklemmende an dem Fassbinder-Projekt: Die Figuren werfen mit antisemitischen Stereotypen nur so um sich. Die Sätze, die noch heute in vielen Köpfen herumspuken – sie wirken trotz ihrer Monstrosität wie ein Gemeingut der Gesellschaft. Die sensible und bildhafte Inszenierung lässt indes nicht zu, dass das Böse banal wird.  


Günther Hennecke, Kölnische Rundschau 02. Oktober 2009

Nicht das Stück ist antisemitisch. Antisemitisch sind die Grundströme, die die Gesellschaft in diesem Stück durchziehen. Wie sagt doch Herr Müller: „Wir haben es überlebt.“ Die Juden nicht. Ciulli stellte dem zum Skandal-Stück hochstilisierten „Müll“ Fassbinders erstes Theaterstück „ Nur eine Scheibe Brot“ voran – und verzahnte beide zu einem grandios grotesken und zugleich tief anrührenden Drama.  


Stefan Keim, Die Welt 02. Oktober 2009

Roberto Ciulli und den ausgezeichneten Schauspielern gelingt es, einen stimmigen Abend zu formen, kalt, klar, ohne körperliche Exzesse. Bluteffekte und wilde Sexorgien, jedes Bedienen von Primärinstinkten wäre tödlich für Fassbinders Texte. Denn dann würden private Obsessionen die politische Aussage dominieren. Das Projekt, das den Namen Fassbinder trägt, ist eine Warnung vor einer Gesellschaft, in der es keine Solidarität gibt und allein ökonomische Effizienz zählt. Das ließe sich auch mit anderen Texten erzählen, vielleicht sogar intensiver. Aber Roberto Ciulli beweist: Mit Fassbinder geht es auch. „Der Müll, die Stadt und der Tod“ ist kein antisemitisches Stück und kann in Deutschland gespielt werden. Das wäre nun geklärt.  


Gudrun Norbisrath, Westdeutsche Wallgemeine Zeitung 03. Oktober 2009

Roberto Ciulli schafft mit diesem Text einen Abend von greller Beklemmung und analytischer Schärfe. Schwerelos führt er die wahre politische Dimension des Stückes vor, lässt es ins Surreale gleiten, wo Fassbinder in Gewalt und perversem Sex versinkt und umrahmt das Tabu-Stück mit zwei früheren Kurz-Dramen: So wird ein Triptychon daraus, das Zusammenhänge schafft und erhellend wirkt. In Ciullis Inszenierung wird aus „Der Müll, die Stadt und der Tod“ eine Apokalypse, eine leidenschaftliche Klage über die Kälte in der Welt, und darüber, dass die Menschen zur Nähe nur finden durch Gewalt und Unterdrückung.