Stimmen

Häuptling Abendwind

Neue Westfälische 11. April 2006

Das pikante Südseestück ist modern(st)es Theater. So hätte es Nestroy gefallen. Er, der nach dem Schock der Französischen Revolution zum zynischen Anprangerer der großen sozialen Umwandlungen wurde, ließ sich nicht umsonst „Menschenfresser“ schimpfen und führte andere als solche vor. Die Inszenierung ist bewusst humorvoll-albern im ersten, überspitzt, blutig und die Geschmacksgrenzen auslotend im zweiten Teil des phasenweise ins Singspiel übergehenden Werks.    


Günther Held, Neue Westfälische 19. Januar 2006

Der Zuschauer wird bei dieser Inszenierung plakativ deutlich gemacht, dass der Jude Shylock nicht ausschließlich gierig und rachsüchtig ist. Ciulli zeigt dessen innere Zerissenheit, überhöht die Beziehung dieses Geldverleihers zum Kaufmann Antonio. Das gelingt nicht zuletzt durch den Kunstgriff, den Geldverleiher mit einer Frau (eindringlich: Petra von der Beek) zu besetzen.                                                                         


Jacqueline Siepmann, NRZ 22. März 2004

„Zivilisationskritik eher vergnüglicher Natur bot am Freitagabend im Theater an der Ruhr die Premiere von Johann Nestroys „Häuptling Abendwind“ in der Regie von Paolo Magelli, die auf ein unentdecktes Eiland mitten im Ozean, zu zwei Operettenregenten und zu echten Problemen unter Wilden führte: Denn was serviert man seinem wichtigen Staatsgast, wenn der Vorrat an Menschenfleisch in der Speisekammer restlos erschöpft und Nachschub nicht in Sicht ist? Fragen über Fragen, auf die es in knapp zwei Stunden allerlei ironische Antworten gab. Das musikalische Gegengewicht zu Nestroys handfester, bissiger und bisweilen rustikaler Burleske bot die verspielte Musik von Jacques Offenbach. Am Ende gab es langen Beifall für die Schauspieler, die drei Musiker und die Regie.“


Wolfgang Platzeck, WAZ 22. März 2004

 „Vom Bühnenbild (Gralf-Edzard Habben) mit den typischen Stecksystem-Palmen und -Gerüsten bis zu den fantasievoll kunterbunten Kostümen (Heinke Stork) passt alles. Das Ensemble knallt und chargiert, dass es eine Lust ist. Und wenn der Papatutuaner Steffen Reuber zur Hymne („Hula Hula“) den Nationaltanz vorführt oder Ho-Gu „Coconut Woman“ schmettert, dann geht vollends die Inselpost ab, die viel zu früh, nach 105 Minuten, bereits ankommt.“                                                                                                                                       


Johannes K. Glauber, NRZ 22. März 2004

„Das Mülheimer Theater an der Ruhr wagte sich jetzt an „Häuptling Abendwind oder Das Greuliche Festmahl“, eine „Indianische Faschingsburleske“, das letzte in der Verbindung einer tollen Posse daherkommende Stück Nestroys. Herausgekommen ist ein waschechter Nestroy mit bissigen Seitenhieben auf den grassierenden Nationalismus der europäischen Völker. Ein verrücktes Ding von Paolo Magelli (Regie), Gralf-Edzard Habben (Bühne) und einem lustvoll agierenden Ensemble mit Witz und Phantasie präsentiert. Mit schnellem Witz kurbelte der Regisseur die abstruse „Handlung“ herunter, Magelli drehte dermaßen heftig am parodistischen Schwungrad, dass er selbst den szenischen Kalauer nicht verfehlen konnte. Das blitzte und funkelte, zumal die Mülheimer Schauspieler jenseits der „Wiener Art“ die Posse abschnurren ließen, dass es eine Freude war. Und zum Vergnügen des Publikums sangen sie auch bravourös.“