Stimmen

HEILIG ABEND

Bettina Weber, Die Deutsche Bühne 25. September 2017

Ein Hauch von Regietheater weht lebendig durch die well-made-play-Vorlage. Den weihnachtlichen Hintergrund nimmt Simone Thoma dabei sehr wörtlich: Statt in einem Verhörraum trifft man sich in einer Kirche (Bühne: Adriana Kocijan), die Verdächtige sitzt mal in feinem Oberschichts - Zwirn da, schiebt dann im Kostüm der Heiligen Maria einen Kinderwagen gen Altar (Kostüme: Heinke Stork) und windet sich zwischendurch, wie eine Besessene bei der Teufelsaustreibung, über den Boden.


Westdeutsche Allgemeine Zeitung 25. September 2017

Steffen Reuber gibt den Polizisten fern von Klischees als Widerling, der alles über die Frau weiß und einen Flirt versucht. Als sie gesteht, glaubt er ihr nicht. Nebenbei geht es um große Themen wie Ausbeutung und Welthunger. Dann haben sie ihren Ex. Kann man alles über einen Menschen wissen? Das packende Duell sollte man sich nicht entgehen lassen.


Reiner Terhorst, Mülheimer Woche 20. September 2017

Die Thematik ist aktueller denn je. Es geht um Angst vor Terrorismus und vor allem darum, unschuldig in Verdacht zu kommen. Das Ganze hat den Charakter einer Gerichtsverhandlung. Durch die neue U-förmige Bestuhlung um die in den Saal verlängerte Bühne herum folgen die Zuschauer dem Geschehen gewissermaßen als Geschworene, manche von ihnen mögen sich als Angeklagte fühlen, andere gar als Ankläger […] Das Theaterpublikum wird zudem mit Fragen konfrontiert, die heute und morgen, hier und überall gestellt werden können: Haben wir etwas zu verbergen? Gelten unsere Gesetze auch für die, die nicht beachten? Wieso sind die Güter der Welt so ungerecht verteilt? Sind Sie schon mal unschuldig in Verdacht geraten? Was rechtfertigt die Anwendung von Gewalt, um Gutes zu erreichen?


Westdeutsche Allgemeine Zeitung 24. September 2017

Am Theater an der Ruhr weitet Regisseurin Simone Thoma den im Stück vorsichtig angelegten feministischen Aspekt. Luigi Cherubinis Requiem in c-Moll begleitet den Zuschauer, der den Verhörraum unschwer als Kircheninneres mit Bänken und stilisiertem Altar ausmacht. Wenn die Professorin gleich zu Beginn ihre Kleidung gegen ein rotes Gewand tauschen muss, dann scheint aus Judith für kurze Zeit Maria Magdalena zu werden, das weibliche Prinzip der Weisheit und Erleuchtung.