Stimmen

KAOS

Theater der Zeit, Sebastian Kirsch, 01. Februar 2012

Eine minimalistische Produktion, die mit extremen Zeitdehnungen arbeitet und deren eigenartige, somnambule Entrücktheit dem Geschehen den Charakter von Zitaten oder Echos verleiht: Es sind stille Marionetten in Zeitlupe zu sehen, fast als würde man einen alten Film im Einzelbildmodus betrachten. Mal bilden sie im Ensemble eng umschlungene Paare, die still miteinander tanzen wie weiland die Alten in Pina Bauschs „Kontakthof“, mal gibt es eine Solonummer, in der Simone Thoma ganz in Weiß ein stummes Spiel mit einem Buch aufführt, es neugierig betastet, umblättert, zu Boden legt stückchenweise voranschiebt, ihm nachkriecht. Die gedankliche Auseinandersetzung mit Pirandello währt, wie Helmut Schäfer berichtet, nun schon seit gut dreißig Jahren, aber erst jetzt ist es zu dieser expliziten Inszenierung gekommen. Im Prinzip hat das Projekt also einen dreißigjährigen Vorlauf – etwas, das im heutigen Theaterbetrieb mit seinen immer kurzfristigeren Produktionszirkeln mehr als ungewöhnlich ist. Nicht nur in der Bühnenlandschaft des Ruhrgebiets steht das Modell des Theaters an der Ruhr darum noch immer singulär ist.


Peter Ortmann, trailer, 01. November 2011

Roberto Ciulli zelebriert das entschleunigte Theater. „Kaos“ ist eine traumwandlerische Auseinandersetzung mit Motiven und Texten von Luigi Pirandello, der vor hundert Jahren den Versuch unternahm, nicht nur das italienische Theater neu zu definieren, indem er die Einbildungskraft analysierte und dann die Zuschauer seiner Stücke in ein Gespinst aus Assoziation und Verwunderung zog. Roberto Ciulli arbeitet in „Kaos“ mit der Improvisation der Themen, die Pirandello Zeit seines Lebens beschäftigt haben. Von der Melancholie des Daseins, das auch Tanzen bis zum Umfallen bedeuten kann, zeigt er Bilder voller Transparenz und Undeutbarkeit. Ein magischer Abend.


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 21. Oktober 2011

„Die Kostüme sind in den Säcken. Übrigens brauchen wir sie gar nicht“, lässt Luigi Pirandello (1867-1936), der in seinen Stücken immer wieder das Theater und die Welt des Scheins thematisierte und sich nicht an die damaligen Konventionen hielt, einen der Schauspieler sagen. „Und das Bühnenbild? Da haben wir noch immer eine Lösung gefunden. Rollen legen wir zusammen, ich spiele Männer gerade so gut wie Frauen. Kurzum, wir werden mit allem fertig. Was wir nicht spielen können, das wird gelesen.“ Das klingt fast wie eine Vorgabe, an die sich Roberto Ciulli bei seiner Inszenierung des ersten von zwei Pirandello-Abenden unter dem Titel Kaos (Heimat) gehalten hat. Es ist schon ein Verdienst, dass das Theater an der Ruhr den früher beliebten, aber inzwischen nur noch selten gespielten Literaturnobelpreisträger von 1934 auf die Bühne bringt. Und die Passage endet mit: „Das Stück ist einfach so schön, dass kein Mensch darauf achtet, ob Schauspieler oder Requisiten fehlen.“ Schön wäre es ja. Aber Ciulli sah davon ab, einen der Klassiker des Sizilianers zu inszenieren und dann, wie er es schon so oft getan hat, mit anderen Texten zu ergänzen, sondern entschied für eine Collage, ein Destillat von einem Dutzend Theaterstücken und ebenso vielen anderen Texten. Zu komplex sei die Welt des Theater-Avantgardisten, der so überzeugt von der Kraft des Scheins war. Sechs Bilder, die nicht miteinander verknüpft sind, werden präsentiert. Dabei setzt er abwechselnd ganz radikal auf die ursprünglichen Mittel des Theaters: Körper und Sprache. Wenn er die Schauspieler sprechen lässt, sitzen sie auf Stühlen aufgereiht, blicken direkt ins Publikum und agieren auch nicht miteinander. Die Sätze sind dagegen von bemerkenswerter Güte und oft von der Qualität eines Aphorismus, was Lust auf mehr macht. Doch auf diese Weise rezitiert, wirken sie zuweilen wie Nachrichten aus der Lehranstalt. Ciulli setzt bewusst auf äußerste Kargheit und Starre. Gralf-Edzard Habben hat einen total schwarzen Raum geschaffen, der für jede Vorstellung offen ist. Auf Requisiten wird weitgehend verzichtet, Musik nur sparsam eingesetzt, hin und wieder blitzt und donnert es. Lebendig sollen Texte und Bilder in der Fantasie der Zuschauer werden. Aber bei Texten ist das so spannend wie eine Buchlektüre. Das Buch und seine Faszination ist das Thema des ersten Bildes, mit dem Simone Thoma einen schauspielerischen Glanzpunkt setzt. Schüchtern sitzt sie im weißen Rüschenkleid auf einem Stuhl, blickt interessiert auf ein Buch am Boden. Neugierig will sie danach greifen, zuckt mit der Hand aber wieder zurück. Schließlich ist die Verlockung zu groß, sie greift zu, Ehrfurcht wandelt sich in Lust und sie blättert die Seiten mit der Zunge um. Dann schlägt die Leidenschaft um in Wut und sie zerknüllt eine Seite. Irgendwann liegt sie mit dem Buch auf dem Boden, schiebt es im Scheinwerferkegel dem Licht der Erkenntnis entgegen, zieht wie eine Schlange ihren Unterleib nach. Und bei ihren gelenkigen Bewegungen wirkt es wie ein Paarungstanz. Die Maskerade der Menschen ist Pirandellos Hauptthema. Was ist dafür ein besseres Sinnbild als der Laufsteg. So stolziert Albert Bork mit ausladendem Hüftschwung an die Rampe und schlägt mit einem Ruck die linke Seite seiner Lederjacke zurück, um die Schulter frei zu legen. Lasziv lässt Klaus Herzog sein Sakko in die Armbeugen fallen und Rupert Seidl zieht es ganz aus und fixiert mit kühlem Blick das Publikum. Mit dem letzten Satz schleicht sich auf das Stichwort ein imaginärer Hund in die Aufführung. Er geht wohl von Stuhl zu Stuhl, wird hier getätschelt, stößt dort auf Ablehnung, ein Stöckchen fliegt, wird apportiert, und plötzlich beginnt Volker Roos zu knurren an und dann wird die Bühne von einer Horde kläffender Hunde bevölkert, die sich beschnuppern und miteinander rivalisieren. Die animalischen Kräfte sind bei Pirandello neben der Maskerade ein weiteres zentrales Thema. Das Wilde wird aber so sehr gebändigt, dass die Hunde, dirigiert mit dem Stöckchen von Klaus Herzog, passend wie ein gemischter Chor bellen.


Martin Krumbholz, Süddeutsche Zeitung, 21. Oktober 2011

Roberto Ciulli ist einer der großen alten Magier des deutschen Theaters, einer aus der Generation Steins und Gruebers; welcher Autor stünde ihm näher als der Sizilianer Luigi Pirandello, der Erforscher der Ambivalenzen zwischen Authentizität und Illusion? Ciulli, der Meister aus Mülheim zeigt – im minimalistischen, nur aus Stühlen bestehenden, delikat ausgeleuchteten Bühnenbild seines Weggefährten Gralf Edzard Habben – ein überwiegend strenges Exerzitium, dessen thematischer Kern die Differenz der Geschlechter und die Vergeblichkeit der gegenseitigen Spiegelung ist. Und der Tanz: Wohl nie zuvor hat sich Ciulli so deutlich an das Theater der Pina Bausch angenähert, bis hin zu den repetitiven Balzritualen, dem herausfordernden An-die-Rampe-Stürmen und dem berühmten Entgleiten der Dame aus der Umklammerung des Mannes. Es handelt sich um eine liebevolle, geradezu zärtliche Reverenz an die verstorbene Kollegin aus dem benachbarten Wuppertal. Bei Bausch ist die Sprache in die Musik und den Tanz eingedrungen; bei Ciulli unterwandert und überbietet der Tanz den Text.


Britta Heidemann, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 21. Oktober 2011

Oft möchte Theater heute Spaß machen. Seine Einlassungen zum Realdrama unserer Gegenwart kommen im besten Fall ironisch daher und im schlimmsten klamaukig. Video-Wände und nackte Körper spiegeln die Zerrissenheit, Einsamkeit des modernen Menschen und wollen mit dröhnender Macht schockieren. Und manchmal gelingt das ja auch. Der wahre Schock aber ist die Stille. Eine schwarze Bühne, mit nichts eingerichtet als einem Holzstuhl. Eine Frau in Weiß sitzt da und hält ein Buch in der Hand. Sie verrenkt sich, gehetzten Blickes, rutscht vom Stuhl herunter, windet sich in das Buch hinein, leckt es ab. Und auch die nächste Szene dieses so ganz anderen Abends am Mülheimer Theater an der Ruhr geschieht in aller Sprachlosigkeit. Vier Männer auf Stühlen: Einer rennt, scharrenden Hamsterfußes, im Sitzen. Einer steht auf in immer wiederkehrenden, zuckenden Schritten. Ein ewiger Kreislauf fremdgesteuerter Ekstase. „Kaos“ heißt diese feierliche Messe des Minen-Spiels – knappe anderthalb wortkarge, spielstarke Stunden, die nur durch einige wenige Längen getrübt sind. Das Ensemble nähert sich spielerisch Motiven des italienischen Literaturnobelpreisträgers Luigi Pirandello; geboren 1867 auf Sizilien auf dem Landgut „Càvusu“, was „Heimat“ bedeutet und seine Wurzeln im griechischen Wort „Chaos“ hat. Und vielleicht könnte man in Pirandello ein Stück Heimat für die Mülheimer sehen. Regisseur Roberto Ciulli nennt ihn „ein wirkliches Theatertier“, hatte er sich doch der Suche nach Wesen und Sprache des Theaters radikal verschrieben. Auch das Theater an der Ruhr glaubt ja fest an die universelle Verstehbarkeit seiner Bühnenkunst, die Inneres nach Außen wendet. Und stellt Fragen nach dem Entwurf des Selbst und des eigenen Lebens ähnlich hartnäckig wie einst der Autor. Wenn in „Kaos“ nun Männer auf dem Laufsteg stolzieren, kraftstrotzend, affektiert. Wenn Paare tanzen und Tänzer zu Boden sinken, aufstehen, andere Partner finden. Wenn drei Damen auf dem Weg zum Tanz sich die Schminke vom Gesicht wischen, sich in staksige Greisinnen verwandeln – dann sind dies sinnliche Momente des reinen Theaterseins. Die sicht- und spürbar machen, dass eine Biografie nicht nur gelebtes, sondern auch nichtgelebtes Leben beinhaltet – das, wogegen wir uns entschieden. „Ich hätte ein Meisterwerk werden können“, sagt da eine, und ein anderer: „Ich konstruiere mich andauernd, bis der Zement meines Willens bröckelt.“ Nun mag diese Erkenntnis so neu nicht sein. Am Ende aber sehen wir ein großartiges Rudel schlafender Hunde, die geweckt werden und hyperventilierend ihren Schatten anbellen: Sehen wir uns selbst. Und so sagt dieses Stück Theaterglück, das so unbeeindruckt von allen Moden daherkommt, fast alles, was über das gegenwärtige Ich zu sagen ist. In einer Kargheit der Mittel, an deren Sparsamkeit wir uns ja demnächst mal ein Beispiel nehmen können.


Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten, 21. Oktober 2011

Das Theater an der Ruhr zeigt mit "Kaos" den Über-Pirandello. Statt "Sechs Personen" suchen hier gleich 13 den italienischen Autor. Und dabei wird 90 Minuten lang gleichsam "aus dem Stegreif gespielt". Das Ergebnis ist ein ebenso faszinierender wie irritierender, weitgehend aus Improvisationen entstandener "Anti-Theaterabend". Die Zuschauer werden ganz allgemein mit der Gedankenwelt Pirandellos konfrontiert und erleben einen "Steinbruch" aus insgesamt 18 Dramen und Novellen des Italieners. Und so spürt das Mülheimer Ensemble seinem Pirandello nach: tastend, tanzend, zuletzt sogar animalisch bellend. Ciulli gelingen da ein paar eindringliche Bilder. Während eine Frau sich scheinbar endlos und mit allen Sinnen einem Buch widmet (großes Solo in Körperbeherrschung: Simone Thoma) oder sechs Paare den Rekord im Langsamtanzen zu brechen versuchen, lernt das Publikum, sich auf die Entschleunigung einzulassen und die Stille zu ertragen.