Stimmen

Leonce und Lena

Martin Krumbholz, Theater der Zeit, 01. Dezember 2016

Die Mülheimer Aufführung ist ganz auf der Höhe der Zeit. Sie bespielt – hochvirtuos – den Automatenkomplex: die Fernsteuerung des Einzelnen durch Algorithmen, durch die Macht des Netzes in einer globalisierten Welt. Die drei Valerios machen die Show, während Leonce – Menéndez spielt ihn souverän – noch gewisse Reste romantischer Ambitionen im Hinterkopf aufbewahrt. Wenn er von „Idealen“ spricht und sich das Wort mit den vielen Vokalen auf der Zunge zergehen lässt, ist das ironisch gemeint, aber auch wieder nicht. Es ist eine unwiderstehlich kurzweilige, intelligente Aufführung geworden. Kornelius Heidebrecht nimmt das Glockenspiel-Motiv auf, das sich schon im Text findet. „Gib dem Herrn das Geläute“, will Valerio verstehen, wenn es sich doch um ein rituelles „Geleite“ handelt, Dass die Übergänge zwischen Heirat- und Todesglocken nicht zu hören sind, ist – ganz existentiell – die Pointe in Büchners wunderbarem Stück.


Die deutsche Bühne 30. November -1

Trailer des Monats: http://www.die-deutsche-buehne.de/Multimedia/Trailer+des+Monats/Theater+an+der+Ruhr/Leonce+und+Lena


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 17. September 2016

Es gibt viele Gründe, warum man sich Büchners Komödie „Leonce und Lena“, die Philipp Preuss zu seinem gelungenen Einstand am Theater an der Ruhr inszenierte, nicht entgehen lassen sollte: Da ist das wunderbare Spiel in der Doppelrolle von Fabio Menéndez, der sich in den letzten Jahren bemerkenswert gesteigert hat, außerdem sind die vierfach besetzten Valerios saukomisch, ohne dass Substanz verloren ginge, und nicht zuletzt verleiht die ideenreiche Inszenierung dem brillanten, 180 Jahre alten Text eine überraschende Aktualität. Mit dem Inhalt Fragen der Freiheit und der freiwilligen Abhängigkeit im Computerzeitalter zu verhandeln, erweist sich als anregend. Wie souverän Fabio Menéndez die emotionale Bandbreite spielt, ist beachtlich.


Lars von der Gönna, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 17. September 2016

Königssohn Leonce (Fabio Menéndez) und sein Vater Peter sind bei Preuss eins,dafür vervierfacht die Regie den Diener seines Herren: Valerio, Dämon und Faultier, Hofnarr und Hellsichtigen, streut Preuss über die schlohweiß hüftlang perückierten Köpfe von Thomas Schweiberer, Peter Kapusta, Klaus Herzog und Rupert Seidl. Ein Coup: Was für ein Komikerquartett! Shakespeares Sommernachts-Handwerkern nah und doch schaurig wie hungrige Lemuren. Mit ihnen, diesen geschlechtslosen Wiedergängern, serviert uns das Theater an der Ruhr ein Buffet subtilster Schauspieler-Delikatesse, die man die ganzen Eindreiviertelstunden nicht satt wird. Großer Beifall.