Stimmen

MINNA VON BARNHELM

Karin Hartmann, Holsteinischer Courier, 25. Januar 2014

Wie vom Theater an der Ruhr nicht anders zu erwarten, betrachtet auch die Inszenierung von Karin Neuhäuser ein „altes Stück aus einem ungewohnt neuen Blickwinkel. Karin Neuhäuser gelang es, dem geschliffenen, aufklärerischen Lessing-Text zusätzlich einen Subtext zu unterlegen, der viele Interpretationsmöglichkeiten eröffnete. Das geschah nicht nur durch die Spielweise des exzellenten Ensembles, sondern auch durch viele wegweisende, belebende und amüsante Details. Im Original von Lessings Lustspiel treffen in einem Berliner Gasthaus, geführt von einem schleimigen, geschäftstüchtigen Wirt (überzeugend Steffen Reuber), dien unterschiedlichsten Charaktere zusammen; der körperlich und seelisch verletzte, seiner „Ehre beraubte“ preußische Major von Tellheim mit seinem treuherzigen Bedienten Just (herzhaft zupackend Volker Roos); das ihm nachspürende, kluge Fräulein von Barnhelm aus Sachsen, seine Verlobte, mit ihrer kessen Kammerjungfer Franziska (sehr komödiantisch Dagmar Geppert); der arbeitslos gewordene Wachtmeister Werner (voller Vitalität Fabio Menéndez), eine trauernde Witwe und ein windiger Chevalier (beide tolle Studien von Petra von der Beek). Für den spannenden, zum Nachdenken anregenden Theaterabend gab es starken Beifall im voll besetzten Haus.


Dietmar Zimmermann, theaterpur, 16. Dezember 2012

Dagmar Geppert könnte man stundenlang zuschauen. Charmant und schrill, wütend und kokett, klug und naiv, blitzschnell auf dem Quivive und sturzbesoffen sächselt sie sich durch den Abend. Während Franziska dialektmäßig eindeutig den neuen Bundesländern zuzuordnen ist, kommt Diener Just von der Waterkant. Mit rollendem R und herrlichem Hamburger Akzent plaudert er aus, was er zu Tellheims Geschichte zu sagen hat. Seine Einsilbigkeit zu Beginn jedes Gesprächs ist ein Trick, um die anderen zum Reden zu bringen: Kaum ist ihm dies gelungen, kann auch er selbst das Wasser nicht mehr halten. - Zwei wunderbare kleine Auftritte gehören Petra von der Beek als eleganter, somnambuler „Dame in Trauer“ und als völlig überdrehter, hochkomödiantischer Karikatur des Riccaut de la Marinière. Der operettenhafte Pomp von Riccauts Uniform ist ein Meisterwerk kabarettistischer Kostümbildnerkunst. Ohnehin waren der Phantasie von Alexander Schulz und seinem Team offenbar keinerlei Grenzen gesetzt.


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung 14. Dezember 2012

Es ist ein höchst unterhaltsamer Abend mit großer Liebe zum Detail geworden. Szenenapplaus gab es für Dagmar Geppert als Franziska, Minnas Zofe, die jetzt auch mit Komik glänzte. Das gemeine Spiel, das ihre Herrin mit Tellheim treibt, kann sie nicht mehr ertragen. Sie ertränkt ihre Wut in Alkohol und kann den königlichen Brief, in dem Tellheim die Absolution erteilt wird, nur noch schwer lallend und rülpsend vorlesen.


Klaus Stübler, Neue Ruhr Nachrichten, 14. Dezember 2012

Karin Neuhäusers Neu-Inszenierung am Theater an der Ruhr treibt ein lustvolles Spiel mit den Facetten des Lustspiels: Verkleidung, Scherz und witzigen Charakteren. Dabei lässt sie statt eines typenhaften Komödien-Personals Menschen aus Fleisch und Blut auftreten. Die einzige Ausnahme ist Thomas Hoppensack in der neu dazuerfundenen Komikerrolle des Requisiteurs, der nicht nur immer mit passenden Dingen, sondern auch mit flotten Sprüchen zur Stelle ist. Dagmar Geppert gibt das "Frauenzimmerchen" Franziska keck und kreischend - ein komödiantisches Highlight.


Dorothea Marcus, Nachtkritik, 13. Dezember 2012

Karin Neuhäuser, die in Mülheim mit Shakespeares "Was ihr wollt" vor gut einem Jahr schon einen großen Erfolg feierte, hat in ihrer "Minna" viele Register eines Boulevard-Krachers gezogen. Ein komisches Ereignis ist Dagmar Geppert als bodenständige, sächselnde Kammerzofe Franziska mit pinken Spangen und rosa Ballett-Rock, die nie ein Blatt vor den Mund nimmt und auch gerne mal einen Schluck nimmt. Rülpsend verliest sie den Brief, in dem der unehrenhaft verlassene Major wieder in Amt und Würden eingesetzt wird und fällt danach schnarchend in den Schlaf.