Stimmen

Titus Andronicus

Alfred Pfeffer 30. September 2002

„Roberto Ciulli erzählt die Geschichte in einer rasierklingen-scharfen Mischung aus Tragödie und Groteske, mit grabesschwarzem, bizarrem Monty Python-Humor, gepaart mit fein gezeichneten Psychogrammen und brutal schockierenden Zirkusnummern. Selbst tief-traurige Poesie ist im Spiel. Zugegeben, diese Mischung klingt unselig. Und es gibt nicht viele Regisseure, die ohne Absturz auf diesem schmalen Grat wandeln können. Ciulli kann es: Zu keiner Zeit diskreditiert er das menschliche Leid, er gibt ihm nur changierende Farben. Selbst aus der derbsten Szene spricht noch die komische Verzweiflung des Humanisten. Gestützt auf eine ausgezeichnete Ensembleleistung beweist Ciulli einmal mehr seine künstlerische Integrität und Ausnahmestellung unter den Regisseuren im Ruhrgebiet.  


Jörg Bartel, NRZ 30. September 2002

„Von Maria Neumanns landserhafter und heftiger Hausegen-Studie des Titus über den als Tamora hinreißenden Volker Roos bis zu Steffen Reuber als Angstbeißer Saturninus überzeugt das Mülheimer Ensemble durch hochkonzentrierte Spielfreude. Das Spielfeld (Bühnenbild Gralf-Edzard Habben) ist ein sinistres halbes Fass mit Türen, Scharten und einem Boden aus blutrotem Granulat, in dem sich trefflich toben, menetekeln und blutbaden lässt; das Ciulli-Kind – hinreißend gespielt sowieso – ist zugleich ein dramaturgischer Kniff, der die Szenen stumm kommentiert und verzahnt; die Verfremdungen durch klare, starke Bilder funktionieren allesamt wie die vom allzu hohen Graf-Baudissin-Ton befreite Textversion Helmut Schäfers: Sie nehmen der Geschichte das Nur-Monströse, legen zuweilen plakativ und durchaus comic-haft, das Groteske frei, ohne aber das Stück und die dramatis personae an die Karikatur, den Gag und den Schock zu verlieren.   Das Premierenpublikum dankte nach bewegenden, sehr kurzen zweidreiviertel Theater-Stunden mit langem, lauten Applaus.“  


Wolfgang Platzeck, WAZ 01. Oktober 2002

„Shakespeares selten gespielte Geschichte um Mord, Schändung, Verstümmelung, Kannibalismus aus Rache etc. in ein klares wie gleichnishaftes Licht zu rücken, haben sich Regisseur Ciulli, Dramaturg Helmut Schäfer (der eine entschlackte Übertragung besorgt hat) und Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben auf die schönsten, besten ihrer Tugenden besonnen.   Immer wieder bricht das phantastische Ensemble den Reigen des Wahnsinns durch zirzensische, groteske Elemente auf, die nie Gag sind, sondern noch im Detail der opulenten Bilder sinnstiftend. Wo wiederum des Menschen Worte versagen angesichts von Schrecken und Grausamkeit, da bleiben ihnen (wie einst in Ciullis „Kaspar“) nur die Laut –Artikulationen verängstigter Tiere. Ein ganz großer Abend.“  


Thomas Willems, Süddeutsche Zeitung 01. Oktober 2002

„Ciulli ästhetisiert die Gewalt der animalischen Menschennatur nicht, sondern er zeigt die sinnlose Banalität des Bösen in ihrer grotesken Grausamkeit. Seine Titus-Horror-Picture-Show lebt von der Travestie, vom schwarzen Humor sowie von den schrillen und stillen, schauspielerisch großen Momenten.“  


Julia Emmerich, Westfälische Rundschau 02. Oktober 2002

„So gnadenlos die Geschichte, so geschmeidig ist das Ensemble und so kraftvoll die Inszenierung: Ciulli entwickelt zupackende Bilder, gönnt dem Publikum aber auch poetisch trudelnde Atempausen, quält es mit grässlichen Szenen der Entwürdigung, albert auf hohem Niveau und entlässt schließlich ein erschöpftes, aber nach all den circensischen Affekten zumindest kurzfristig befriedetes Publikum.“  


Martina Thöne, Westdeutsche Zeitung 05. Oktober 2002

„Kann man soviel Klamauk ernst nehmen? Man kann nicht nur, man muss. Denn Regisseur Roberto Ciulli spiegelt das Große im Kleinen. Seine ausgefallen bildgewaltigen Details sind so absurd wie die gesamte Spirale der Gewalt, die im Theater an der Ruhr immer aberwitziger rotiert. Humanität zeigt keine der Figuren: Immer dann, wenn es drauf ankommt, bellen und jaulen die Sterblichen nur  - Ausdruck einer Sprachlosigkeit, die obendrein das Tier im Menschen zeigt. Mittendrin im ausgezeichnet besetzten Ensemble steckt der Regisseur selbst: Unschuldig, den Schulranzen auf dem Rücken, überlebt er als einer der Wenigen den ganzen Zirkus, der zu Recht mit einhelligem Applaus gefeiert wird und blutrünstige Tragödie und bizarre Farce zugleich ist.“  


Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung 19. Oktober 2002

„Morde ohne Motive, Menschen ohne Moral. Die Inszenierung von Roberto Ciulli, der eine hauseigene, stark skelettierte Übersetzung von Helmut Schäfer zugrunde liegt, spielt das Stück elementar und archaisch als grelle Groteske und szenischen Comic-Strip. Shakespeare gibt die Manege frei für eine neue Ernsthaftigkeit."


Gerhard Preußler, theater heute 18. November 2002

„Gewalt durch naive, bunte Bebilderung erkennbar zu machen, ohne eine einschüchternde, pathetische oder faszinierende Wirkung zuzulassen: Dieses Konzept muss bei Lavinia an seine Grenzen stoßen. Die vergewaltigte, der Zunge und Hände beraubte Figur ist ein Mitleidsmagnet. Der Inszenierung und der Schauspielerin gelingt hier die Gratwanderung: Ihr weiß-rot geschminkter Mund ist Clownsmaske und blutiges Mahnmal zugleich. Schriller Klamauk und Horror der Gewalt kommen in ihrem stummen Schrei zusammen. Durch die Comic-Ästhetik hindurch schleicht sich noch ein Restgefühl auf die Bühne.“        


Christian Peiseler, Rheinische Post 18. November 2002

„Eigentlich ist dieses Stück nicht auszuhalten. Roberto Ciulli bändigt es in seiner Inszenierung am Theater an der Ruhr mit den ureigensten Mitteln des Theaters. Den Amoklauf des Hasses fasst er in groteske Verzerrung, der Spirale der Gewalt verpasst er Gesichter aus der Commedia dell’arte, und im Spiel der Grausamkeit schimmert immer wieder die Maske des traurigen Clowns durch. Mit Shakespeare wird in Mülheim der Welt aus Taliban und Tagesschau ein Theater der Grausamkeit entgegengestellt, einer Grausamkeit, die erschreckt, aber nicht abschreckt, die brutal und zugleich auch komisch wirkt. Die alten Mittel sind hier jung geblieben.


Günther Hennecke, neues rheinland 18. November 2002

„Er ist in tiefster Seele ein Clown. In manch kleiner Nebenrolle hat er sich seit Jahren hinter dessen roter Pappnase versteckt – und sich dabei weit vorgewagt. Denn selbst wenn er seine Finger tief in die Wunden der Zeit legt, ist ein Lächeln der Hoffnung nie weit. Ciulli gelingt so etwas wie die Quadratur des Theater-Kreises. Er treibt Szenen und Figuren an den äußersten Rand. Dorthin wo sich Lächerlichkeit wie Gefährlichkeit die Hände reichen und sich Lachen und Schock die Waage halten. Blendend wie die blutpralle Inszenierung ist auch Gralf-Edzard Habbens Spielstätte im Mülheimer Raffelbergpark. Und Ciulli? Als ‚junger Lucius’ (!) betrachtet er das selbst inszenierte Gemetzel aus sicherer Distanz, grient in sich hinein – und beweist einmal mehr, wer und was er ist: ein Clown, der die Schwächen der Menschen kennt. Und auch deswegen, im Laufe der Jahre zum Weisen gereift, zu den besten Regisseuren hierzulande gehört.“    


Stefan Keim, die deutsche bühne 18. August 2003

“Roberto Ciulli hat mit Shakespeares “Titus Andronicus” eine seiner besten Inszenierungen der letzten Jahre vorgelegt, kalt und blutig, aber auch grotesk und nachdenklich. [Dafür bekam der Leiter des Mülheimer Theaters an der Ruhr den Preis „Beste Inszenierung NRW 2003“.


Elisabeth Einecke-Klövekom, General-Anzeiger 21. März 2004

„Ciullis im Herbst 2002 mit großem Erfolg herausgekommene Inszenierung rast in knapp drei Stunden mit lustvoll hellsichtiger Intelligenz durch den düsteren Wahnsinn der Geschichte, spielt maßlos komisch mit dem Grauen, und zeigt in blendend genauen Bildern, wie nah uns die alten Mythen sind.“