Stimmen

Tod

Steffen Tost, Westdeutsche Allgemeine Zeitung 19. September 2017

Und wenn Albert Bork zum Kopf der mehr als doppelt so groß wirkenden Prostituierten aufschaut, dann ist er auch schon äußerlich klein. Kleinman, so heißt er auch und ist dies auch in mehrerlei Hinsicht. Bork spielt ihn in seiner Angst und Hilflosigkeit herrlich, ohne allzu dich aufzutragen. Mit Hornbrille und Wuschelkopf erinnert er freilich an den New York Stadtneurotiker. Die Schatten knüpfen sowohl an die von Allen selbst gedrehte Kino-Adaption „Schatten und Nebel“ wie auch die Ästhetik des deutschen Expressionismus an.[…] Höhepunkt der Groteske ist der Auftritt des Hellsehers Spiro, der Mörder am Geruch erkennen will und die Masse zum Lynchmord animiert. Wie Roberto Ciulli in Lederhosen, Braunhemd (Kostüme Elisabeth Strauß) und mit aufgeklebten Bärtchen Posen und Sprachduktus Hitlers karikiert, ist das ein grandioses Kabinettstück. Auch Simone Thoma, als dessen drogenschnüffelnde Assistentin, die schließlich so vollgedröhnt ist, dass sie nicht mehr stehen kann und mit eingefrorenen, aber selten dämlichen Gesichtsausdruck immer wieder kerzengrade umkippt, ist zauberhaft.


Westdeutsche Allgemeine Zeitung 13. Mai 2017

Es geht um das Thema Ängste, Selbstjustiz und Bürgerwehr. Kleinman wird nachts aus dem Bett geklingelt, nicht um verhaftet zu werden, sondern sich einer Bürgerwehr anzuschließen, die einen Verbrecher jagt. Roberto Ciulli geht es aber auch um die „Schatten der Vergangenheit, die uns einholen“, wie er mit Blick auf die Wahlergebnisse von Populisten und Extremisten meint.


Wolfgang Platzeck, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. Mai 2017

Ciullis Bilderwelt ist gewohnt reich an Zitaten und Verweisen. Ein Gespräch zwischen Kleinman und der Hure Gina (die wunderbare Petra von der Beek spielt auch Ehefrau Anna) über Kosmologie erreicht in seiner Absurdität fast Beckett’sche Dimensionen. Wenn Kleinman selbst als Täter verdächtigt wird, malt man ihm das rote „M“ aus Fritz Langs Film auf die Brust. Bildgewaltig wiederum sind jene Szenen, die dem Erscheinen der Bürgerwehr vorausgehen.


Rolf Pfeiffer, Revierpassagen, 15. Mai 2017

Der bösen Dynamik in „Tod“ hat Roberto Ciulli noch eine weitergehende Interpretation hinzugefügt. Er selbst betritt – kurze Lederhose, Hitlerbärtchen – als Spiro die Bühne, als „Experte“, der Täter zu erschnüffeln vermag. An Kleinmann schnüffelt er besonders lange herum und erklärt ihn schließlich zum Täter: eine bedrückende, rassistische Miniatur innerhalb des Stücks, die sicherlich nicht zwingend, aber doch sehr klug ist. Wie überhaupt einmal mehr beeindruckt, wie reflektiert, aber auch konsequent Roberto Ciulli und sein Theater sich einem Stoff annähern.


Ruhrnachrichten, 15. Mai 2017 15. Mai 2017

Erschreckend aktuell ist die Geschichte von Woody Allens "Tod" - von Roberto Ciulli in Szene gesetzt. Geht es doch um die Umtriebe einer Bürgerwehr, wie es sie jüngst auch in Düsseldorf gegeben hat. Eine merkwürdige Hatz gespickt mit dem typischen Wortwitz und der Situationskomik a la Woody Allen beginnt. In Ciullis Version schleicht sich der Schrecken durch die Hintertür in die Groteske. Es dauert nicht lang und die faschistischen Fratzen werden hinter den Masken der Wohlanständigkeit sichtbar. Geschickt nutzen die Männer der Bürgerwehr die diffusen Ängste der Menschen für ihre Zwecke.