Stimmen

VERBRECHEN

Alexandra Lutzenberger, Augsburger Allgemeine, 21. Oktober 2013

Ist eine Lüge ein Verbrechen? Wer leidet am meisten an einem Betrug? Etwa gar der, der ihn begangen hat? Darf ein Mensch, um sein eigenes schlechtes Gewissen zu beruhigen, das Leben von drei anderen Menschen zerstören? Fragen, die man sich nach dem Theaterstück „Verbrechen“ von Luigi Pirandello in einer Inszenierung von Roberto Ciulli vom Theater an der Ruhr stellen kann. „Verbrechen“ – ein Stück des Literaturnobelpreisträgers von 1934 – Pirandello wird zu den bedeutendsten Dramatikern des 20. Jahrhunderts gezählt – wurde im Stadttheater Landsberg aufgeführt, und der Autor zeigt Menschen, denen die Fähigkeit der Selbstbestimmung fehlt und die letztlich von ihren Trieben und Affekten regiert werden – da deren Beherrschung ihnen gründlich misslingt. Ein anstrengender Theaterabend mit grandiosen Schauspielern und einem von Gralf-Edzard Habben als Turnraum gestalteten Bühnenbild, das in den Bann zieht.


Jana Schindler, Allgäuer Zeitung, 18. Dezember 2012

Ciulli hat durch seine kaltschöne Schwarz-Weiß-Ästhetik ein überzeitliches Kunstwerk geschaffen. Nichtsdestotrotz verortet er das Stück, das 1935 in Rom uraufgeführt wurde, in seiner Zeit. Für ihn ist ein typischer Ort faschistischer Körperkultur“ die Turn- und Sporthalle. Auf Ciullis Bühne turnt der hintergangene Ehemann Giorgio (Fabio Menéndez) kopfüber an den Ringen. Stählt zuerst im weißen Turnerdress seine Muskeln, um sie dann in Uniform an dem „schuldigen“ Romeo einzusetzen. Pirandello stellte die Sicherheiten der Menschen radikal infrage und forderte bedingungslose Ehrlichkeit mit sich selbst.


Trailer, Peter Ortmann, 24. Januar 2012

Ist es tatsächlich ein Verbrechen, wenn die Triebe zum ungewollten Wollen verleiten? Roberto Ciulli hat Pirandellos Stück jedenfalls unter diesem Titel inszeniert und damit den italienischen Nobelpreisträger auch ein klein bisschen aus einer Vergessenheit befreit, die eigentlich unverständlich bleibt.


Theater der Zeit, Sebastian Kirsch, 01. Februar 2012

Ein besonders prachtvolles Exemplar eines „autoritären Charakters“ bewegt, klettert, schwingt sich mit bedrohlicher Behändigkeit durch die Mülheimer Inszenierung: der Marineoffizier Giorgio Vanzi, ein neandertalerähnlicher Kerl von einem Mann, der am Schluss des Abends seine Muskeln in der Uniform der italienischen Faschisten verstauen wird. Und noch mehr: Er wird seinen zergrübelten Freund Romeo Daddi mit einem schnellen Pistolenschuss abknallen, weil dieser es trotz seiner im Vergleich mit Vanzi hoffnungslosen Unsportlichkeit zustande gebracht hat, in einem schwachen (oder starken?) Moment mit Vanzis Ehefrau Ginevra ins Bett zu hüpfen. Und dann wird das Monstrum den leblosen Körper des Freundes auch noch auf den Barren hieven, mit schwarzem Gafferband die grotesk verdrehten Glieder an die Stange kleben und ihn, solcherart zur Schau gestellt, zurücklassen. Mit diesem archaisch anmutenden Gewaltausbruch endet „Verbrechen“. Futuristische Phantasien darüber, den Menschen einerseits zu mechanisieren und zu „marionettisieren“, andererseits zu animalisieren – Phantasien, die man im politischen Programm des Faschismus wieder erkennen kann -, finden sich deutlich auch in Pirandellos karikaturesken und zugleich vor Lebenskraft strotzenden Figuren wieder. Gleichzeitig verwandelt Pirandello sich aber auch italienische Commedia-dell’Arte-Traditionen an, die nun wiederum seit je eine der wichtigsten Komponenten von Ciullis Ästhetik bilden und auch in „Verbrechen“ und „Kaos“ immer wieder zitiert werden. Letztlich, so könnte man darum mutmaßen, befragt Ciulli in diesem Projekt das Bühnengedächtnis der (italienischen) Theateravantgarde – und damit zugleich sich selbst. Die Finesse, mit der er und sein eingespieltes Ensemble das tun, beweist dabei wieder einmal, wie langfristig die Gründung des Mülheimer Hauses gewesen ist. Denn die gemeinsame gedanklich Auseinandersetzung mit Pirandello währt, wie Helmut Schäfer berichtet, nun schon seit gut dreißig Jahren, aber erst jetzt ist es zu dieser expliziten Inszenierung gekommen. Im Prinzip hat das Projekt also einen dreißigjährigen Vorlauf – etwas, das im heutigen Theaterbetrieb mit seinen immer kurzfristigeren Produktionszirkeln mehr als ungewöhnlich ist. Nicht nur in der Bühnenlandschaft des Ruhrgebiets steht das Modell des Theaters an der Ruhr darum noch immer singulär da.


Hans-Christoph Zimmermann, die deutsche bühne, 23. November 2011

Ciulli verortet die Spielweise mit traumwandlerischer Sicherheit auf den schmalen Grat zwischen Konversationsstück und Surrealismus. Auch der Slapstick wird zart angedeutet, wenn Romeo Daddi mit einer Keule zaghaft Ringe und Barren beklöppelt und dabei fast von einem Holm erschlagen wird – der Körperkult seines Freundes Giorgio wird damit zugleich entlarvt. Steffen Reuber Scheinwahnsinniger ist ein intellektualistischer Zweifler, der hamletisch zaudert und den ein immer größeres Frösteln erfasst.


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 25. November 2011

Eine Geschichte über die Moral und Seitensprünge funktioniert aber heute nur noch in der Zuspitzung. Roberto Ciulli spürt in dem Text, den Luigi Pirandello 1934 schrieb, die Atmosphäre des Faschismus und dessen große Lüge von der Treue. Eine direkte Bezugnahme auf den Faschismus gibt es zwar nicht, aber Ciulli erkennt im Text Anspielungen auf reale Personen von damals. Pirandello, der schon früh aus Opportunismus der faschistischen Partei beitrat, hatte sich da schon längst von Mussolini losgesagt. Ciulli spitzt auch den Titel zu: Aus "Man weiß nicht wie" (Deutsche Übersetzung von Stefan Zweig) wird "Verbrechen", ein Titel, der sich als ebenso vieldeutig erweist. Viel stärker als den Faschismus thematisiert Pirandello die noch junge Psychoanalyse, es geht um Träume, Suggestion, Schuldkomplex, Triebe, den freien Willen und Romeo spricht von "jenem anderen Ich, das ich damals war". Er wähnt sich als "Opfer des Unbewussten", muss reden, um sich von der Last zu befreien, spricht entschuldigend von einem Überfall der Sinne, der Mitschuld von Ort und Stunde, von der magischen Verzauberung, die ihn ergriffen habe. "Aber vom Unbewussten spricht man nicht. Dann wird es zum Verbrechen."


Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten, 24. November 2011

Roberto Ciulli zeigt das 1934 entstandene Drama im historischen Kontext des italienischen Faschismus. Die Übertragung einer Mussolini-Rede tönt herein, Wagner-Musik erklingt. Besonders aussagekräftig ist die Verlegung der Handlung in die Turnhalle als einen, so Ciulli, "typischen Ort faschistischer Körperkultur" (Bühne: Gralf-Edzard Habben). Steffen Reuber als Romeo ist darin ein verstörter Fremdling, der die Sportgeräte neugierig betrachtet, sich aber zu Lebzeiten an keines herantraut. Ganz anders sein Freund Giorgio, der betrogene Marineoffizier auf Heimaturlaub. Fabio Menendez spielt ihn als eine athletische Bestie, als haarigen Affen, der seine animalischen Triebe durch Geräteturnen bändigt. Ein großartiger Triumph des Theaterzauberers Roberto Ciulli und seiner Crew.


Martin Krumbholz, Nachtkritik, 24. November 2011

Das Drama ist deutlich von der Psychoanalyse beeinflusst und ähnelt darin Musils "Schwärmern", Joyces "Verbannten" und ein wenig auch Italo Svevos Roman "Zenos Gewissen" – Werken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die zeigen, wie Menschen durch das endlose Reden über ihre vermeintlichen oder wirklichen Untaten diese nicht aus der Welt schaffen, sondern ihnen weitere hinzufügen. Die "Redekur" trägt durchaus ambivalente Züge. Roberto Ciulli entdeckt in seiner hochkonzentrierten, vom ersten bis zum letzten Augenblick spannenden Inszenierung nicht nur diese Ambivalenz, sondern auch den in ihr steckenden Witz. Der bizarre Schluss, wenn also der muskulöse, bärtige und langhaarige Marineoffizier Giorgio (Fabio Menéndez) den Körper seines Freundes und Rivalen zur Schau stellt wie in einem archaischen Ritual, bevor ein Sturm aufkommt und die seitlich drapierten Papierfahnen zerfetzt – dieses groteske Bild ist der grandiose Schlusspunkt einer insgesamt stimmigen, formvollendeten, schauspielerisch exzellenten Interpretation des fast unbekannten Stoffs. Gralf-Edzard Habbens Bühne stellt keinen Salon dar, sondern ein altmodisches Fitness-Studio mit Ringen, Barren, Matten und Pferd, in dem Giorgio sich während des Heimaturlaubs seinen Leibesübungen hingibt, während Romeo, in einer stummen Passage, die Mysterien der Körperertüchtigung recht ratlos erforscht. Bereits dieser Gegensatz erzählt ebenso beredt wie diskret eine Menge über das Verhältnis der Freunde: Es ist nicht der Athlet, sondern der linkische Intellektuelle, der in die Falle seiner sinnlichen Begierden tappt und diesen Umstand aus der Welt zu schwatzen hofft. Die Frauen, gespielt von Simone Thoma und Petra von der Beek, wie alle anderen wunderbar kostümiert von Heinke Stork, assistieren ihren Männern mit raffinierten Verschleierungsstrategien. Der unsichtbare Mittelpunkt aller Debatten ist der Sexus, und die Turngeräte, die von allen, aber von niemandem so gekonnt bespielt werden wie von dem betrogenen Giorgio, sind auch eine ironische Metapher für das ausgeklammerte und doch so präsente Glück des Körperlichen. Vieles leistet dieser spektakuläre Abend in einem: Die Wiederentdeckung eines Textes, der es wert ist, aber auch die Entdeckung der beinahe unbekannten Seiten eines großen Regisseurs, der kein müder Manierist ist, sondern ein Theaterzauberer, ein Humorist und ein kongenialer Interpret des seit einiger Zeit sehr zu Unrecht in den Hintergrund gerückten Autors Luigi Pirandello.