Stimmen

VERRÜCKT

Neue Westfälische Zeitung 19. Mai 2010

Es blieb nur noch die Differenzierung, ob irre auf der Bühne oder in der Realität dieses Stücks im Stück. Aber eben diese Unterscheidung ließ das Mülheimer Theater an der Ruhr, ließen Regisseur Roberto Ciulli und seine fabelhaften Akteure hübsch müßig erscheinen in ihrer Version von "Verrückt" des Neapolitaners Eduardo De Filippo. Das Theater nährt sich vom Leben. Verrückt?


Tim Griese, Westfälischer Anzeiger 17. April 2010

Genauso schräg und sonderbar wie das Geschehen war die monströse Vorrichtung, die als zentraler Bestandteil die Bühne umspannte: ein mechanisches Konstrukt, an den Ecken flankiert von fahrradähnlichen Apparaturen, die sich im Viereck drehten. Immer wieder entwickelte sich eine Situationskomik, die beim Publikum hörbar ankam.


Annette Kiehl, Westfälischer Anzeiger 18. Dezember 2007

  Die verwirrenden Verhältnisse erschienen in Mülheim fast logisch und doch herrlich schräg. Dabei wirkt dieses Treiben nie klamotig. Die Frage, ob all die Täuschungen moralisch zu rechtfertigen sind, ist für Eduardo De Filippo offensichtlich von keiner Bedeutung und Ciulli ist dieser Überzeugung konsequent gefolgt. In den hektischen, slapstickartigen Auseinandersetzungen der Figuren geht es nie um Schuld und Gründe. Es zählt nur, den angerichteten Schaden irgendwie hektisch zu vertuschen und sei es mit der Flucht aus der Wirklichkeit.


Christian Bos, Kölner Stadt Anzeiger 19. Dezember 2007

Das bekannt großartige Ensemble des Theaters Mülheim an der Ruhr vergibt hier keine  Chance: Maria Neumann etwa hat in fünfeinhalb Stunden keine zehn Minuten Text. Doch strahlt die Intensität ihres Auftritts – sie spielt ein somnambules Hausfaktotum – weit über den Abend hinaus. Simone Thoma und Albert Bork geben ihr Bravourstück  als verwunschene Gören ab, die einem Tim-Burton-Film entsprungen sein könnten. Im darauf-folgenden Stück ist Thoma eine für Kinder tödliche Grundschullehrerin und nicht weniger packend. Bork überzeugte schon in der vorigen Komödie in der Rolle des zwischen Wahn und Traum verstolperten Liebhabers. Steffen Reuber dagegen steigert sich langsam von Stunde zu Stunde – wenn er in der „Kunst der Komödie“ als kleiner Amtsarzt um Anerkennung bettelt, rührt uns schließlich zu Tränen. Es wären noch viele zu loben, zuvorderst alle unerwähnten Schauspieler, auch die kuriose Bühnenmaschinerie, und erst recht die Regiearbeit Roberto Ciulli s, der sich hier ganz in den Dienst De Filippos stellt. Eine Meisterleistung hoch drei ist das.


Andreas Stolz, Wolfsburger Nachrichten 11. Dezember 2008

Was zunächst den Anschein einer dramaturgischen Zähigkeit erweckt, ist Stilmittel. Auf leisen Sohlen kommt die Faszination daher und schöpft ihre immer stärker werdende Kraft aus klitzekleinen Details. Aus komischen Elementen, aus nachdenklich machenden Momenten, aus der Ungewissheit. Diese Konzeption ist ein Grundstein zum – auch an der (finalen) Zuschauerreaktion abzulesenden – Erfolg. Der zweite Erfolgsgarant sind die Mimen. Das Hauptgewicht an der prägnanten, und die Zuschauer erreichenden Umsetzung, tragen die Darsteller.


Rhein-Neckar Zeitung, Günther Hennecke 15. Dezember 2008

Als hätten die Filmregisseure de Sica und Rossellini Pate gestanden, beginnt Ciullis Inszenierung von „Uomo E Galantuomo“ unter dem deutschen Titel „Verrückt“. Vieles erinnert an den Neorealismus der beiden Filmgrößen und ist zugleich von einer Aura neapolitanischen Volkstheaters umgeben, das Ciulli als Klischee sowohl aufnimmt als auch ironisiert. Roberto Ciulli und seiner Truppe sind wieder einmal Glanzlichter der Theaterkunst gelungen. Mit einem Autor, für den sich die Mühe auf jeden Fall lohnt.


Jacqueline Siemann / Jörg Bartel, NRZ 17. Dezember 2007

Der Mailänder Ciulli inszeniert die Vorlage des Neapolitaners als kunstvoll-surreale Verschachtelung der Handlungsebenen: Simone Thoma spielt sowohl die schwangere Bice als auch die schwangere Schauspielerin Viola, die in dem Stück im Stück wiederum ein verführtes Mädchen mimt. Zwischendurch fallen die Akteure aus ihren Rollen oder treten in neuen auf. Ist das schon das Leben oder noch eine Theaterprobe?