Stimmen

WOYZECK EIN MUSIKALISCHER FALL

Karin Hartmann, Holsteinscher Courier, 08. Oktober 2013

Das Zentrum des Abends war Rupert J. Seidl als Woyzeck: ein baumlanger Mann mit weichen Gesichtszügen, der mit kindlichem Staunen in den Abgrund blickt; in der Bewegung wie ferngesteuert, im Denken schwerfällig, einsam und traurig. Großartig! Dagmar Geppert spielte die Geliebte Marie sinnlich und mit großem Freiheitsdrang. Rätselhaft-anrührend waren Szenen mit dem Kind (Khosrou Mahmoudi), das erst in den Armen des Henkers zur Ruhe kommt. Überzeugend auch Steffen Reuber als philosophierender Hauptmann, Fabio Menéndez als experimentierfreudiger Doktor und Albert Bork als burlesker Tambourmajor. „Woyzeck“ – ein fordernder, auch Grenzen überschreitender Theaterabend, der viele Gedanken anstieß, aber auch einige Fragen offenließ. Hohe Anerkennung für die geschlossene Ensembleleistung.


Markus Terharn, Offenbach Post, 19. September 2013

Ganz großes Drama. Mit einem beeindruckenden Rupert J. Seidl in der Hauptrolle, der dem Leidensmann erschütternd Gestalt verleiht. Mit einer sinnlichen Dagmar Geppert, die der Marie eine Mischung aus Lebensgier und Flatterhaftigkeit mitgibt. Und einer überzeugenden Maria Neumann, die das Kind zwischen Verspieltheit und Verstörung anlegt. Grandios auch diese Idee: Büchners berühmtes Anti-Sterntaler-Märchen aus einer vollkommen trostlosen Welt bekommt der Junge nicht von der Großmutter erzählt – sondern vom Henker… Das Publikum braucht ein paar Sekunden zur Erholung, ehe der Beifall losbricht.


Jutta Gerhold, Rhein Zeitung, 09. September 2013

Woyzeck ist nicht schuld. Es ist die Gesellschaft, die Marie ans Kreuz nagelt. Statt der Großmutter erzählt der Henker Christian das traurige Antimärchen vom Kind, das allein im ganzen Universum ist. Nur in der erbarmenden Umarmung der beiden steckt ein Funke Hoffnung. Keiner wagt zu applaudieren. Dann langer, intensiver Beifall für großes Spiel. Menschen wie Woyzeck sind ein Produkt der Gesellschaft. Was, wenn wir darüber nachdächten, besonders in Zeiten von Wahlen?


Stefan Keim, Die deutsche Bühne, 01. Mai 2013

Die Darsteller bilden eine Band, die im Hintergrund der Bühne melancholische Melodien spielt, die oft einfach abreißen, Gedankenmusik, bewusst nicht zu Ende geführt. Es ist eine leise, behutsame, präzise Inszenierung, fern aller Theatermoden und Rezeptionsgewohnheiten. Zentrum ist Rupert J. Seidl als Woyzeck, ein lang aufgeschossener Schauspieler mit weichen Gesichtszügen. Besonders geschickt kommentiert Ciulli die im Stück aufgegriffenen antisemitischen Ängste. Der jüdische Waffenhändler, bei dem Woyzeck sein Messer kauft, sieht aus wie der Heiland. Denn Jesus war ja auch ein Jude. Das ist der hintergründige Humor, der immer wieder in dieser sehr anspruchsvollen, feinen Inszenierung aufblitzt.


Dr. Günther Hennecke, suite 101, 23. September 2012

Ganz Kreatur in Georg Büchners Sinn, völlig aus der Welt geworfen und vor sprachloser Liebe Marie tötend: Rupert J. Seidl allein macht, bestechend in Büchners Versuchs- und Einsamkeitswelt getrieben, den ebenso kurzweiligen wie lange und intensiv nachwirkenden Theaterabend zum Ereignis. Wie er, als stände er unter Hypnose, Verwirrtheit und Weltferne zum Herzerweichen sichtbar macht, sieht man selten. Ein grandioser Abend. Manchmal liegt in der Provinz das Zentrum der Theaterwelt. Eine gar nicht mal neue Erkenntnis wird zum Ereignis - im Theater an der Ruhr.


Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten, 21. September 2012

Die Elite des seinerzeit jungen Bürgertums aber setzt sich Allongeperücken auf und bildet ein schräges, sadistisches Orchester. Als einzelne Typen treten sie vor und drangsalieren Woyzeck. Der Hauptmann (Steffen Reuber) bläst ihm mit der Posaune den Marsch, der Doktor (brilliert auch als Stehgeiger: Fabio Menéndez) macht mit ihm seine medizinischen Experimente. Die wahrhaft tragische Gestalt am Ende ist Woyzecks Sohn Christian (ein Kind in Uniform: Khosrou Mahmoudi). Der Scharfrichter nimmt ihn auf den Schoß und erzählt ihm die Mär von dem "arm Kind", das keinen Vater und keine Mutter mehr hat und ganz allein auf der Welt ist. Was für eine berührende Inszenierung, was für ein trostloser "Fall".


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 21. September 2012

Was für ein Blick! Die Augen haben jeden Glanz verloren, wirken wie leblose Knöpfe in einem Gesicht, aus dem jede Spannung gewichen ist und auch der Mund ist auf das kleinstmögliche Maß geschrumpft. Wie Rupert Seidl Woyzeck, die geschundene Kreatur, spielt, macht allein den Abend am Theater schon zum Erlebnis. Was für ein Glücksgriff Dagmar Geppert für das Theater an der Ruhr ist, konnte sie bereits in Handkes „Immer noch Sturm“ unter Beweis stellen. Jetzt ist sie reine Projektion des Schizophrenen. Liebestoll und vernarrt in den Soldaten kullert sie am Anfang über die Bühne, singt, bemuttert Woyzeck, liebkost das Kind, bekommt Gewissensbisse, die sie schließlich verwirft: „Geht doch alles zum Teufel, Mann und Weib!“


Britta Heidemann, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 21. September 2012

Franz Woyzeck ist ein verzweifelt Liebender, Eifersüchtiger; er ist, als einfacher Soldat, ein Opfer der Obrigkeit und ein Versuchsobjekt für obskure medizinische Experimente. Ein Schicksal, über dem man irre werden kann. Und so zeigt Roberto Ciulli am Mülheimer Theater an der Ruhr Georg Büchners „Woyzeck“ weniger als soziales denn als surreales Drama: als wirren Alptraum eines Mannes, der Gefangener der eigenen Seelenqualen ist. Das Orchester mit Streichern und Bläsern, eine grandiose Ensembleleistung unter musikalischer Leitung von Matthias Flake, beschwört eine wahre Assoziationsflut herauf. Sphärisches wechselt sich ab mit Jahrmarkts-Schlagern, die Schauspieler tragen phantasievolle Perückentürme, eine dunkle Fastnachts-Schar.


Dorothee Krings, Rheinische Post, 21. September 2012

Woyzeck ist ein stumpfer Mensch, schwerfällig in Bewegung, Sprache, Denken. Auf Gehässigkeiten kann er nicht reagieren, er ist nicht schlagfertig, fit für die neue Zeit. Er ist nur ein armer Mensch. Und so sitzt der wunderbar kantige Rupert Seidl zu Beginn eingesunken auf einem Hocker im Licht, das durch ein Gitterfenster fällt. Ein Gefangener seiner zersplitterten Wahrnehmung, ein Ohnmächtiger. Kein Tatmensch, nicht einmal ein Täter. Wie Büchner interessiert sich Ciulli nicht für den Einzelfall, will nicht psychologisieren, wo das verharmlost. Er zeigt in seiner anspielungsreichen Inszenierung Motive, die zu Mord führen: Exzess in einer enthemmten Gruppe etwa oder Machismo. Bei Ciulli sind Bilder nie aufdringlich, selten plakativ. Es sind Verweise, Verschiebungen, die den Blick auf den Text weiten. Diese Deutungsebenen hat Ciulli in seinem „Woyzeck“ zu einem stimmigen Kunstwerk geschichtet. So klar in der Verzerrung sah man Büchner selten.


Martin Krumbholz, Nachtkritik, 20. September 2012

Deshalb nennt das Theater an der Ruhr den "Woyzeck" einen "musikalischen Fall": ein achtköpfiges Blas- und Streichorchester sitzt und steht hinten auf der Bühne, gebildet aus den episodenhaft auftretenden Nebenfiguren des Stücks, und "untermalt" das Geschehen – allerdings streng kontrafaktisch. So melancholisch, wie diese anrührend unvollkommene Musik sich gibt, benebelt sie die Köpfe auf ganz andere Art, als es beim Heurigen oder sonstwo üblich ist. Und der baumlange Woyzeck, den Rupert J. Seidl mit einem schönen österreichischen Akzent moduliert er versinkt fast vor Traurigkeit, schwerfällig in seinen Bewegungen und offenbar auch im Kopf. Dem formal-logischen Handlungsverlauf folgen Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer nicht, darin sind sie dem Collagenprinzip treu. Doch bei allen Anspielungen und Querverweisen hat die Aufführung keinen selbstreferentiellen Charakter; sie ist streng, ohne spröde zu sein. Ciullis Humor ist subtil. Genau wird in Mülheim gelesen. Mit einer solchen analytischen Schärfe hat man den "Woyzeck" noch nicht oft gesehen. Und Ciullis Theater ist nicht zuletzt auch ein – mag sein: etwas altmodischer – Gegenentwurf zu den flüchtigen und "hippen" Aufgeregtheiten, die auf den Bühnen gegenwärtig im Trend liegen. Es bleibt sich treu und vergisst dabei nicht, immer noch besser zu werden.