Ruhrorter

Ruhrorter

RUHRORTER ist ein kollaboratives​ Theater- und Kunstprojekt des Theater an der Ruhr mit Geflüchteten aus dem Ruhrgebiet. Initiiert und geleitet wird das Projekt vom RUHRORTER-Kollektiv rund um Adem Köstereli, Wanja van Suntum und Jonas Tinius. Das Ziel von RUHRORTER ist die Suche nach neuen ästhetischen Formen, um mit den Mitteln der Kunst und der forschenden Dokumentation ein öffentlich sichtbares und erfahrbares Korrektiv gegen die stereotype Kategorisierung und Ausgrenzung von Flüchtlingen und Asylsuchenden - sowohl in der Bürgergesellschaft, als auch in den Medien und der dokumentarischen Kunst - zu entwerfen.

AUSGANGSPUNKTE ​Die Ursprünge von RUHRORTER liegen in den Arbeiten und der Philosophie des Theater an der Ruhr mit seinem Fokus auf Themen wie Fremdheit, Ausgrenzung und Reisen. Hierin kommt ein Verständnis von politischer Kunst zum Ausdruck, die RUHRORTER verfolgt: Das Projekt versteht sich nicht als verlagerte Form der Sozialarbeit, die eine prekäre Wirklichkeit lediglich über eine dokumentarische Verdopplung vordergründig auszustellen und anzuprangern versucht. Es möchte vielmehr Räume mit eigenen Formen schaffen, die andere Möglichkeiten zur Reflexion sozialer Problembereiche eröffnen. Räume, die Teilnehmenden und Publikum über die künstlerische Arbeit Mittel zu einer Selbstbeobachtung bereitstellen, in der die Möglichkeit angelegt ist, sich selbst und die (städtische) Gesellschaft als politisch, und damit veränderbar, zu begreifen.​​

AUSGANGSORT Der Name RUHRORTER beschreibt den Ausgangsort des Projektes. Die Ruhrorter Straße in Mülheim an der Ruhr verbindet das Theater an der Ruhr mit der Innenstadt. Die Trilogie vollzieht diesen Weg von der städtischen Peripherie in das Zentrum nach. EIN STÜCK VON MIR fand in den Räumlichkeiten am Raffelbergpark statt, ZWEI HIMMEL/PALIMPSEST nahm sich den postindustriellen und leerstehenden Räumlichkeiten auf der Ruhrorter Straße an. Mit dem letzten Projekt - UND DIE NACHT MEINES ANFANGS - begab sich RUHRORTER unmittelbar in das Mülheimer Stadtbild und entsprach damit dem Versuch, marginalisierte Positionen und Orte in der Stadt sichtbar zu machen sowie die Spuren der Abwesenden zu thematisieren. ​

TRILOGIE 2012-2015 und AUSBLICK Das nachhaltig angelegte Projekt RUHRORTER hat in diesem Sommer eine auf drei Jahre angelegte Theater- und Kunsttrilogie mit Flüchtlingen und Asylsuchenden erfolgreich abgeschlossen. 2013 feierte das Theaterstück EIN STÜCK VON MIR mit jugendlichen Flüchtlingen aus Oberhausen und Mülheim an der Ruhr auf der Bühne des Theater an der Ruhr Premiere. Das selbst entwickelte Theaterstück widmete sich dem individuellen und kollektiven Fundus an Erinnerungen, dem persönliches Prozess des Erinnerns und dessen Bedeutung für die eigene (Flucht-)Identität. 2014 verband das Projekt mit Flüchtlingen und Asylsuchenden aus Mülheim an der Ruhr eine Theaterinszenierung (ZWEI HIMMEL) mit einer Kunstinstallation (PALIMPSEST). Ausgangspunkt und Sinnbild des Projektes waren die postindustriellen Räumlichkeiten des Gebäudes Ruhrorter Straße 110 im Mülheimer Industriehafen, welche zwischenzeitlich als Übergangsheim für asylbegehrende Ausländer und ausländische Flüchtlinge genutzt wurden. Um neben Publikumsgesprächen die Möglichkeit zu bieten, themenbezogene Dialoge und Begegnungen mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Mülheim an der Ruhr zu stiften, startete das Projektteam zusätzlich die intervenierende Aktionsreihe 15MINUTEN, die auf die konkrete Abschiebesituation vieler Flüchtlinge aufmerksam machte, in der sie in der Regel 15 Minuten Zeit haben, um ihr Leben zusammenzupacken und abzubrechen. Die Reihe hinterfragte durch verschiedene Kunstaktionen und Performances, was ein solcher Moment im Leben der Betroffenen auslöst und wie man sich mit den Mitteln der Kunst solchen Erfahrungen nähern kann, um diese in der Öffentlichkeit sichtbar und erfahrbar zu machen. Der dritte Teil der Trilogie – UND DIE NACHT MEINES ANFANGS – spielte im Sommer 2015 im ehemaligen Frauengefängnis in Mülheim an der Ruhr, welches 1998 geschlossen und ebenfalls zwischenzeitlich als Abschiebegefängnis genutzt wurde. Aktuell sind das Drogenhilfezentrum und das Café Light der AWO Mülheim dort ansässig. Dieser Ort bildete den Hintergrund einer begehbaren Inszenierung, die als Mischung aus Theater und Rauminstallation angelegt war; RUHRORTER nahm sich der Räumlichkeiten an und setzte sich anhand persönlicher Geschichten und Traumbilder von Flüchtlingen spielerisch zu ihnen ins Verhältnis. Das Publikum wurde eingeladen, sich diesen Ort anhand eines dreiteiligen Parcours selbst zu erschließen und im Anschluss mit der Gruppe in moderierte Gespräche in Kleingruppen zu kommen. Für 2016 plant das Projektteam eine Theaterinszenierung und eine Kunstinstallation unter dem Arbeitstitel VON GESTERN UND MORGEN SPRECHEN.

Juni 2016

Juli 2016