Repertoire

Clowns unter Tage

EINE MUSIKALISCH-KOMISCHE FAHRT UNTER DIE ERDE VON ROBERTO CIULLI UND MATTHIAS FLAKE

Am 07. Juni hat das Theater an der Ruhr erneut Premiere mit einer Koproduktion der Ruhrfestspiele
in Recklinghausen.

Das Stück erzählt die Geschichte des Ruhrgebiets aus der Perspektive der deutschen, polnischen, italienischen und türkischen Arbeiter, zusammengewürfelt für den Kohleabbau in den Minen, zusammengeschweißt durch die gemeinsame Erfahrung von Entbehrung und Gefahr. Die kulturellen Formen, die daraus entstanden, die Chöre, Orchester, die Musik, sie sind der Stoff, den Ciulli als einen ganz eigenen, modernen Mythos sinnlich fassbar machen will.

 

Stimmen

Frederike Felbeck, Nachkritik, 08. Juni 2018

Der Abend, der opulent an Einfällen und dabei sehr präzise ist, führt uns in seinem zweiten Teil in die Unterwelt des Bergbaus. Wenn es über die Rutsche in die Erde geht, sehen wir zehn unterschiedliche Arten für den Abgang: Jeder Clown ist seine eigene Marke, eine Persönlichkeit bis in die Fingerspitzen – allen voran die feine Dame, die wie im Damensattel sitzend auf dem schmalen Geländer hinuntergeleitet.

Schwarze Karte und Elfmeter

Sie hämmern und sieben und schaufeln lautstark und rhythmisch, in einem improvisierten Fußballspiel kicken sie lustvoll einen Blecheimer hin und her. Als der Schiedsrichter nach einem Foul die schwarze Karte zeigt, holen sie zu einem grandiosen Zeitlupen-Elfmeter aus. Und natürlich gibt es eine Massenschlägerei mit spitzem Schirm und Handtasche bewaffnet. Dann versöhnen sie sich auf Rollhunten tanzend bei einem Wasserballett, das auf dem gekalkten Boden Spuren hinterlässt wie Kufen auf der Eisbahn und so die Bühne in ein einzigartiges Gemälde verwandelt.

„Clowns unter Tage“ ist ein überaus liebevoller und liebenswerter Abend, der ansteckend ist: Denn als Clown lebt es sich irgendwie besser, inniger, intensiver, und man hat da unten sehr viel mehr Spaß als hier oben.

Marion Meyer, Rheinische Post, 11. Juni 2018

„Mit dunkler Kleidung verwandeln sich die Clowns in Bergleute, die mit Hämmern, Schaufeln und Blecheimern infernalischen Lärm erzeugen. Zeit für Freizeit gibt es auch: Mal spielen die Clowns Fußball mit einer Blechbüchse, mal liegen sie auf Rollbrettern und liefern eine Choreografie wie im schönsten Wasserballett. Fantasievoll setzt Ciulli die Collage in Szene, hat immer wieder neuen Slapstick parat, scheut sich aber auch nicht vor großen Gefühlen, etwa wenn der Musiker (und Co-Autor) Matthias Flake Puccini anstimmen lässt und alle in eine Heul-Arie ausbrechen. Heidegger trifft bei diesem herrlichen Blödsinn auf Herbert Grönemeyer und sorgt für überraschende Kontraste.

Horst Dichanz, O-Ton, Juni 2018

Ob die Clowns wissen, welche Realität sie gerade „brechen“? Sie brechen die so vertraute Welt des Ruhrgebiets und der Mythen des Bergmannsberufes auf und zeigen Ansätze für neue soziale und kulturelle Entwicklungen. Immer weniger werden den Gruß „Glück auf“ verstehen, bald heißt es nur noch „Guten Morgen“ und „Guten Abend“ oder „Bunos dias“ oder „günaydin!“ Und ein Stück Kohle wird ein beliebtes Souvenir.

Jens Dirksen, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 09. Juni 2018

Auch das Werkzeug-Lärmkonzert zum Ende des Stücks hin, das Ciulli wiederum mit dem Ensemble und dem Theatermusiker Matthias Flake entwickelt hat, beharrt darauf, dass nicht alles gut war im und am Bergbau. Ciulli zitiert vom Rand her eine Strich-Fassung von Heideggers auf bizarre Weise wortklauberischem und heillos verschraubten Vortrag „Was heißt denken“ […] Einmal mehr erweisen sich Ciulli und sein Theater als Zauberer der großen, unvergesslichen Bilder – die Rollwagen- Choreografie, die den zweiten Teil dieses anderthalbstündigen Abends krönt, hat sie viel Kindliches, Poetisches, Schönes, dass sich die Frage nach dem Sinn weitgehend erübrigt.

Benjamin Trilling, TAZ, 13. Juni 2018

Der Weißclown verkörpert die Rationalität, die Macht, das Geld. Sein roter Gegenspieler lebt aus dem Bauch heraus, anarchisch und rebellisch. Der Clown ist bei Ciulli ein zeitloser Widerstandskämpfer. Und diese Lebenshaltung lässt er die Figuren auch in seiner jüngsten Inszenierung demonstrieren, mit Gesten und wenig Worten. Denn „Clowns unter Tage“ kommt mit wenig Sprache aus. […] Ciulli, der immer dem Anderen auf der Bühne Geltung gab, rückt das Sinnliche in den Vordergrund. Poetisch, manchmal kindlich, zum Beispiel, wenn er die Kulisse vor der Höllenfahrt selbst auf eine Leinwand pinselt. Für Ciullis Clowns existiert keine Heimat. Nur die Rebellion.

Mareike Graepel, Recklinghäuser Zeitung, 08. Juni 2018

Die „Clowns“ lassen sich für die Darstellung ihrer Charaktere Zeit, bieten dem Publikum auf allen Bühnenpositionen feine Eigenheiten an – der Zuschauer wählt selbst, zu wem er sich hingezogen fühlt und wen er für einen Moment ignoriert. Dadurch sieht niemand im Saal das exakt gleiche Stück wie der Sitznachbar. Immer wieder Lacher bei kleinen Augenblicken des skurrilen Treibens – und man fragt sich: Ist das nun schräg oder sind wir es in unseren eingefahren, monotonen Strukturen?