Stimmen

Main-Echo, Anneliese Euler 15. März 2012

Roberto Ciulli inszeniert nicht „Dantons Tod“, er inszeniert mehr die „Essenz“, und lässt einen Alptraum zwischen Leben und Tod entstehen mit Bildern von Liebe und Entsetzen, in denen die Menschen Marionetten von kafkaesker Irrealität sind. Alles ist nur Theater, das Leben eine Bühne, in der sich ein bunter Theaterkarren öffnet und die Vorführung beginnt. Und diese ist von beispielloser Aktualität. Die traumatischen Collagefetzen formen sich immer neu zu Anwürfen unerhörten Ausmaßes, die sich wie eine Blutspur des Schreckens durch die Geschichte der Menschheit ziehen und gerade im Heute einen neuen Höhenpunkt erreichen. Alles scheint auf in dieser hoch komprimierten Inszenierung in die auch Texte aus „Leonce und Lena“ und „Woyzeck“ einflossen, nicht nur „Dantons Tod“, sondern der ganze Büchner.


Manfred Herker, Schweinfurter Volkszeitung 05. Februar 2009

Die Türen des Multi-Kirmeswagens öffnen sich noch einmal, Danton und Robespierre sitzen vergnügt zusammen und bitten Gott um Makkaroni und klassische Leiber. Auch diese Botschaft. Auch diese Botschaft haben Ciulli und sein vorzügliches Schauspielerteam: „Tod und Terror müssen nicht das letzte Wort haben – wir heißen euch hoffen.“

Herzlicher Applaus für einen besonderen Abend. Der wie immer bei

Roberto Ciulli auch ein lebenssprühendes Credo für die Einmaligkeit und Kraft des Theaters sein soll. Ein Fest  also – mit Poesie und Clownerie. Großes Theater eben.

 


Jens Potschka, Cuxhavener Nachrichten 27. Februar 2009

Das künstlerische Duo Ciulli und Schäfer findet viele weitere Ansätze und Metaphern, den zentralen Satz von der Revolution, die ihre eigenen Kinder frisst ans Theatervolk zu bringen und lässt dabei genügend Raum für eigenen Assoziationen.

Roberto Ciulli liebt derlei Metaphern und auch religiöse Anspielungen, die dem Publikum nicht immer sofort einleuchtend erscheinen, die seinen Danton zuweilen etwas schwer fassbar machen. Doch sind es auf der anderen Seite gerade diese nicht auf Anhieb fassbaren Bilder, die mächtigen Worte der Original Texte und das starke Ensemble mit seinen durchweg hervorragenden Darstellern, die das Bühnengeschehen oft in eine undurchdringliches Wirrwarr münden lassen und den Zuschauern so eine Ahnung von der Revolution geben.


Ahlener Zeitung 05. November 2009

Das Theater an der Ruhr zeigte „Dantons Tod“ in einer ungewöhnlichen, spektakulären aber auch schwer verdaulichen Fassung. Der Theaterabend verlief ganz anders, als man es, auch Büchners Fassung heraus, vermuten mochte. Allerdings hätte Büchner sicher seine Freude daran gehabt.


Reiner Frericks Leserbrief in den Cuxhavener Nachrichten 27. Februar 2009

Unvergesslicher Abend?

Büchners Drama ist immer einen Theaterbesuch wert, zumal wenn Roberto Ciulli mit seinem Dramaturg Helmut Schäfer am Werk ist. In seiner Nachbetrachtung hat Jens Potschka Wesentliches zu dieser Inszenierung geschriebenund dennoch brennt es mir auf den Nägeln, einige ergänzende Anmerkungen zu machen.

Da wird die französische Revolution gleichsam als ,,Lunapark" gezeichnet. Die Attraktion sind Hinrichtungen und das ,,am laufenden Band!" Müde und in die Jahre gekommene Revolutionäre, - prägende Szenerie aber in der Nachbetrachtung fehlt jeder Hinweis auf den Chef des ,,Affenzirkus"! Wer in diesem blutrünstigen Spiel Initiator und Strippenzieher ist, erscheint mir nicht nur erwähnenswert, sondern unerlässlich.

Der von Rupert Seidl glänzend gespielte St.Just, eine an Abartigkeit nicht zur überbietende Persönlichkeit, ist die Schlüsselfigur des ganzen ,,Schafott's on the Road"! Allein sein Monolog im Konvent ist literarisch, aber auch auf die historischen Geschehnisse bezogen, schauerlich und großartig zugleich! (,,...ist es da so verwunderlich, dass der Strom der Revolution bei jedem Absatz, bei jeder neuen I(rümmung seine Leichen ausstößt!"...)

Er ist es, der Robespierre immer wieder zu neuen Todesurteilen -treibt und ihn am Schluss in die ,,persönliche" Tragödie stößt. Dass Ciulli Robespierre als ,,Oberdeppen" zeigl, der sowohl geistig als auch körperlich dem Verfall nahe ist, wird mir in der Nachbetrachtung zu wenig gewürdigt. Der gefesselte, im Rollstuhl sitzende            St. Just, der bemitleidenswerte, debile Robespierre, der müde und erschöpfte Danton sind Vorboten des totalen Zusammenbruchs. ,,Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder! Nicht zufällig lässt Ciulli den  früheren brillanten Rhetoriker - Robespierre in einer Anspielung auf ,,Woyzeck" als Vieh - als Tier im Menschen, gleichsam am Nasenringdurch die Arena schleifen!

Was meine Eingangsfrage betrifft, kann ich auf der ganzen Linie nur mit einem fröhlichen ,,ja" antworten.(...)

Wenn ich am Abend der Aufführung die Signalerichtig gedeutet habe, wird es auch im kommenden Jahr einen,, Ciulli" in Cuxhavengeben. Da kann ich allen Theaterfreunden nur raten: Datum im Kalender dick anstreichen und so früh wie möglich Karten besorgen.

 


Westfalen-Blatt 26. Januar 2006

Eindrucksvoll stellt das Stück die Todesfahrt nach der Verhaftung von Danton, Desmoulin und Lacroix dar. Wie ein Fährmann in den Hades steuert Robespierre das  Boot, in dem die drei Gefangenen liegen. Schließlich ist es soweit, Danton und sein seine Anhänger werde guillotiniert. Die Zuschauer hören die Guillotine immer und immer wieder fallen. Die Schreckensherrschaft wird in ihrem ganzen Ausmaß deutlich. Aber auch der Schluss des Stückes überrascht, denn Robespierre und der eigentlich geköpfte Danton sitzen einträchtig nebeneinander und rezitieren die letzten Worte aus „Leonce und Lena“.


Wolfgang Tribukait, Schwarzwälder Bote 06. Mai 2006

Im Kerker erwarten Danton und seine Gefährten den Henker. Ihr Bett ist bereits der Nachen des Todes, Staub rieselt auf sie und ihre Henkersmahlzeit. Wie dem Tod begegnen: verzweifelt sich wälzend oder mit ruhiger Gefasstheit? Danton wahrt seine Überlegenheit. Mit Grauen hört das Publikum das Sausen des Fallbeils. Über Büchner hinausgehend lässt Ciulli beide, Danton und Robespierre, nach ihrer Hinrichtung gemeinsam auf dem Karren sitzen: Waren nicht beide nur Getriebene des Schicksals? Eine herausragende und ungewöhnliche Aufführung.


Andreas Stolz, Wolfsburger Nachrichten 27. April 2006

Ciulli beließ es beim geschichtlichen Kontext von Büchners Vorlage, entzog das Bühnengeschehen aber darüber hinaus, durch selbst entwickelte Szenarien und Requisiten, der (reinen) Vergangenheit. Er baute allen, die sich zum Nachdenken animieren ließen, Brücken in die Gegenwart. Denn Leitsätze wie Robespierres „Der Schrecken ist die Waffe der Revolution“, sind nun einmal keine überwundene, historisch bedingte Philosophie. Solche Denkanstöße waren kein Einzelfall, sondern Prinzip der Inszenierung. Die hatte ihre Stärke, neben der interessanten und atmosphärisch dichten Umsetzung der Vorlage, in der Leitung des Ensembles. Die Schauspieler gaben den Figuren messerscharfe Konturen, sie hielten die Spannung zweieinhalb Stunden lang hoch.


Ludwigsburger Kreiszeitung 28. Januar 2005

Ciulli verlegt den Schauplatz der Ideenschlacht zwischen den beiden Revolutionsführern Danton und Robespierre auf den Jahrmarkt der Geschichte. Von Gauklern werden sie und ihre Mittäter wie Marionetten auf der Bühne herumdirigiert: Klaus Herzog eine autistische Monsterpuppe mit Todesblick. Volker Roos in der Titelrolle ein müde gewordener Menscheitsbeglücker, der sich von dem gesichtslos anonymen Tribunal des revolutionären Konvents nicht einmal verteidigen kann. Petra von der Beek als seine Gattin Julie und Simone Thoma als Camilles Gattin Lucille sind auch zwei biedere französische Mariannes, die den Terror der Guillotine gleichgültig strickend an sich vorbeiziehen lassen.

Die Schöpfung ist eine Wunde, wir sind ihre Blutstropfen, lautet einer seiner letzten Sätze vor der Exekution. Im Nachspiel sitzt er mit Robespierre im leergeräumten Karren, und beide träumen wie Büchners Leonce und Lena vom Schlaraffenland ohne Macht und Politik und Krieg. Auch solcher Utopie ist Ciullis faszinierendes Theater mächtig.


NRZ 22. September 2004

„Eine Truppe zackiger Artisten scheucht am Raffelberg in bester Löwenbändigermanier die Figuren über die Bühne, unter ihnen zwei Herren – Funktionäre im feinen Anzug: Danton (Volker Roos) und Robespierre (Klaus Herzog), die beiden Gegenspieler. Der eine, Danton, der Revolution längst müde, der andere noch immer einem Tugend- und Vernunftethos verhaftet, das längst ad absurdum geführt ist: „Die Waffe der Republik ist der Schrecken“ erklärt Robespierre. Und der Schrecken sei Ausfluss der Tugend. Der Schrecken manifestiert sich qua Budenzauber: Ein opulenter Jahrmarktwagen rollt als mobile Kulisse für Wohnstube, Klub oder Konvent durch die Szene. Von seinem Dach werden die berühmten Reden von Robespierre und Saint-Just, die Dantons Tod besiegeln, geschmettert – oder gestottert.“


NRZ 27. September 2004

„Das Volk ist die Aristokratie los, aber hat noch immer nichts zu beißen. Was tun? Innehalten und das Recht einsetzen? Sich voll von Ekel und Selbstekel heraushalten wie Danton? Oder die Revolution konsequent zu Ende köpfen, wie der „reine“ Robespierre es will und das geprellte, aufgeputschte, blutbesoffene Wir-sind-das-Volk es fordert: Nun aufs Schafott mit allem, was „kein Loch im Rock hat“? Bei Ciulli sind Jakobiner und Unbehoste Affen ihres Ideals. Sie ziehen einen Kirmeswagen, Affen in Livrees und Zirkuskluft, und Saint Just, das kalte Beil der Revolution, schwingt als Dompteur die Peitsche.“


Süddeutsche Zeitung 28. September 2004

„ Im Zentrum steht nicht der Einzelne und sein Drama, sondern der Affenzirkus der Geschichte: die Revolution als Jahrmarktereignis einer frühen Massengesellschaft, die alles mitmacht, wenn sie nur spektakulär unterhalten wird. Politik als Schau(buden)prozess.  […] Das Schlussbild wird man so schnell nicht vergessen. Da entwickelt der zur Tötungsmaschine umfunktionierte Theaterkarren plötzlich einen Automatismus, der außer Kontrolle gerät. Das Geräusch des Fallbeils aus seinem Innern, hört nicht mehr auf, schwillt an zur Salve, wie aus einem MG. Dann öffnen sich noch einmal die Türen. Im milden Licht sitzen Danton und Robespierre, zwei Marionetten der Geschichte, und sprechen den Schlusstext aus „Leonce und Lena“, in dem Büchner ein märchenhaftes Utopia italienischer Coleur entwirft. Einen schöneren Traum hätte uns Ciulli nicht mit auf den Weg geben können.“

                                              


Rainer Hartmann, Kölner Stadtanzeiger 27. September 2004

„Nach der Pause ein grandioses Bild : Gralf-Edzard Habbens sonst bunt gefüllter Spielraum bleibt für eine Weile leer, nur ein Totenboot mit Danton, Camille Desmoulins und Lacroix treibt dahin. Verkürzt und wie traumhafte Erinnerungen an verflossenes Leben ziehen Büchners Gefängnis-Szenen vorüber, schlagkräftig gleichwohl. Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer haben den Text verknappt, das „Danton“—Personal halbiert, doch den Reichtum des Stücks bewahrt. Theater von höchster Konzentration, mit einem Ensemble von staunenswerter Einheitlichkeit.“