Stimmen

Sebastian Kirsch, Theater der Zeit 18. Oktober 2008

Am Schluss der Inszenierung ist klar: Es sind diese Söhne, die seit Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie für das Unheil in der deutschen Geschichte zuständig sind, nicht die Väter. Was in einer gegenwärtigen Verwirrung der Generationenabfolge bei gleichzeitiger Verwüstung der Bildungsinstitution geendet ist, hat seine Wurzeln im 18. Jahrhundert. All das lässt sich dem Hofmeister entnehmen, wenn er so genau gelesen wird, wie in Mülheim.


Nina May, Westdeutsche Zeitung 14. Mai 2007

Ciulli gelingt es meisterhaft, die [...] Figuren zu beleben. Faszinierend ist Simone Thoma als geruchsfetischistischer Graf Wermuth, der mit weißem Gesicht und stolzem Getänzel an Pierrot und seinen Ahnherrn aus der Commedia dell´arte, Arlecchino, erinnert. Wunderbar Volker Roos als stoischer Schulmeister Wenzeslaus, bei dem Läuffer Zuflucht sucht, nachdem er mit seiner Schülerin Gustchen anbandelt.


Bettina Jäger, Ruhr Nachrichten 12. Mai 2007

Ohne die Standesunterschiede, die das Paar raketengleich ins Unglück katapultieren, wäre der Text nicht denkbar. Doch Ciulli ruft nicht die Bürger zur Revolution, ihn interessiert Psychologie vor Politik. Hier ist jeder Geist beschädigt, mancher an den Zuständen irre geworden und einer starr vor Entsetzen – nämlich Peter Kapusta, der sich als Hofmeister wie ein naives Kind ins Unheil stürzt. Die Schauspieler folgen den Dialogen des J.M.R. Lenz, der vermutlich selbst an Schizophrenie litt, tief in den Wahnsinn des Majors, in die Exaltiertheit der Mutter, in die Verzweiflung der Blinden.


Gudrun Norbisrath, Westdeutsche Allgemeine Zeitung 12. Mai 2007

Ciulli entwickelt die Geschichte zwingend. Es fängt so langsam an, dass man wie der Knabe am Pult ins Dösen verfallen möchte; sie stehen und deklamieren mit viel „itzt“ und „o“ doch bevor man entnervt auf die Uhr sehen kann, schlägt der Blitz ein, die Majorin kreischt, der Hofmeister macht Menuettschritte und Graf Wermuth erscheint. Simone Thoma im weißen Anzug schlenkert die Glieder: Gottes Marionette; sie windet sich schön aasig, fast wie Gustav Gründgens.


Jacqueline Siepmann, Neue Ruhr Zeitung 12. Mai 2007

Man darf sich nicht täuschen lassen: Eine Komödie aus dem 18. Jahrhundert muss keineswegs eine verstaubte Schmonzette mit plüschigem Charme sein, zumal nicht, wenn so ein widerspenstiger Geist wie Jakob Michael Reinhold Lenz sie geschrieben und jemand wie Roberto Ciulli sie inszeniert hat. Dann trifft man stattdessen auf gesellschaftliche Konstellationen, die man gemeinhin eher für Phänomene des späten 20. Jahrhunderts halten würde.