Stimmen

Marion Friedl, Merkur Online, 28. Juni 2012

Der harte Peachum, dessen gerne mal beschwipste Frau Celia (Rosmarie Brücher), die das Lied über die sexuelle Hörigkeit anstimmt; der Moritaten-Sänger (Roberto Ciulli) mit dem Haifisch-Song; die schlaue Jungunternehmerin Polly auf dem Brautbett; eine Travestie-Jenny (Volker Roos) als Hure mit männlicher Puff-Belegschaft in Ballett-Tütüs und der Polizeichef Brown (Rupert J. Seidl), der seinem Spitznamen Tiger Brown getreu im Tigeroutfit ermittelt - diese und viele andere markante Rollen sorgten für Witz und Spritzigkeit, Provokationen für Variete-Stimmung und Komik. Die Rollen stellten bei der eigenwilligen, gelungenen Inszenierung von Roberto Ciulli auch kantig und eindringlich die Gegensätze dar, die da aufeinander prallten und schufen geschickt eine Parallele zur Gegenwart mit Finanzkrise und Banker-Mentalität. Ganz nach dem scheinbar immer aktuellen Fazit des Stücks: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“


Siegener Zeitung 03. Februar 2011

Das Orchester unter der Leitung von Matthias Flake, der am Klavier den gelangweilten Pianisten mimte, mit den Weill-Kompositionen für die kongeniale Beschallung sorgte.

Nicht Konzertsaal war angesagt, sondern Marktplatz-Atmosphäre, das passte wunderbar.

Simone Thoma, die sich als clevere Jungmanagerin Polly Peachum entpuppt, hält einen mit ihrer Seeräuber-Jenny fest bei den Ohren, und Rosmarie Brücher als ständig leicht likörbeschwingte Celia Peachum interpretiert die „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ mit packender Intensität.


Ursula Quast, Waiblinger Kreiszeitung 17. März 2010

Die Songs der Dreigroschenoper, jeder Spatz pfeift sie von den Dächern Aber das Stück? Diese Luderoperette, dieses prachtvoll aufdeckende Schmierentheater? Diese göttliche Komödie, der nach ihrer legendären Uraufführung 1928 am Theater am Schiffbauerdamm erst nach und nach das gesamte sozialkritische Vokabular auf den Leib interpretiert wurde kennt man sie wirklich noch? Dem Virus der Popseichte wirkt Regisseur Roberto Ciulli mit einer Frischzellenkur entgegen, die dem Stück neue Aktualität verleiht, seine Spritzigkeit und Witzigkeit freischaufelt.


Hanna Styrie, Kölnische Rundschau 04. Oktober 2010

So schillernd und schrill wie in der Version von Roberto Ciulli bekommt man die "Dreigroschenoper" selten zu sehen. Die Aufführung des Klassikers, mit dem am Samstag das Mülheimer Theater an der Ruhr die Theatersaison im Bürgerhaus eröffnete, war ein sinnlich-pralles Vergnügen.


Jürgen Overhoff, Main-Echo 03. Oktober 2006

„Sechs glänzende Musiker, die im Bühnen-Hintergrund hinter einem Nesseltuch sitzen und zu ihren Einsätzen in mildes Licht getaucht werden, machen die Songs zum perfekt arrangierten Erlebnis. Sind sie es ein-, zwei- oder dreimal nicht, weil auch im Mülheimer Ensemble nicht jeder Schauspieler ein guter Sänger ist, springt Ciulli mit seiner schier überbordenden Phantasie in die Bresche. So schickt er die Spelunken-Jenny und ihr Puff-Personal als ballettbeflissene Transvestiten-Truppe ins knapp dreistündige Bühnengefecht, und den berühmten Song „Denn wovon lebt der Mensch?“ inszeniert er als zirkusreife Raubtierdressur mit einem köstlich brüllenden Leit-Tiger Brown.“


Lukas Linder, Schaffhauser Nachrichten 23. Februar 2009

Ein Pandämonium skurriler Gestalten und grotesker Szenen. Um einen möglichen Wiedererkennungswert und das damit verbundene Wohlgefühl – also Mitschunkeln – zu umgehen, dekonstruiert Ciulli das Stück, indem er es pervertiert. Alles wider das Vertraute. Denn wenn etwas vertraut ist, ist es keine Kunst mehr.


Thomas Krumm, Lüdenscheid 02. Oktober 2009

Soziale und persönliche Verhältnisse könnten auch ganz anders sein – diese Botschaft der Lehrstücke Brechts wurde wohl selten so unterhaltsam inszeniert wie von

Roberto Ciulli , der höchstpersönlich in die Rolle des epischen Erzählers schlüpfte.

 

Die Mülheimer lösten ihr Versprechen, Brechts Dreigroschenoper in einer entstaubten Fassung zu präsentieren konsequent ein.

 


Martina Faller, Badische Zeitung 08. Oktober 2009

Der freche Witz und die derbe Sprache waren ganz nach dem Geschmack der Zuschauer. [...] Die Brechtsche Nachdichtung der „Beggar`s Opera“ von John Gay besitzt auch 80 Jahre nach der Uraufführung am Berliner Theater am Schiffbauerdamm noch Aktualität und gesellschaftliche Relevanz.

 Zielte Brechts Intention auf die Zurschaustellung dunkler Machenschaften und die Entlarvung der korrupten Bourgeoisie, stellen

Roberto Ciulli und seine Schauspieler mit feinen Anspielungen auf den Finanzskandal und das Geschäftsgebaren der Banken geschickt die Verbindung zur Tagespolitik her.


Neue Westfälische 30. April 2004

Wir kennen die Dreigroschenoper gut, doch in der Inszenierung aus dem Jahre 1987 vom Mülheimer Theater an der Ruhr mischte sich ein neuer Farbton in eine Reihe legendärer Inszenierungen. In der nahezu ausverkauften Paderhalle erlebten gut 800 Menschen einen Abend voller Poesie, fantastischen Bildern und großer Musik, einen zauberhaften Brecht-Abend, genial gepaart mit einer Mischung aus Comedia del arte und Zirkus Roncalli..


Wolfsburger Allgemeine 11. Dezember 2004

Und immer wieder die überraschendsten doppelbödigen Regie-Einfälle. Da schient bereits vor Beginn der Vorstellung der Pianist Matthias Flake heimtückisch ermordet worden zu sein (Ciulli zieht ihm dann kurzerhand das Messer aus dem Rücken), da hopsen Mackies Ganoven im Tütü über die Bühne und gehen die Darsteller auch schon mal ins Parkett, die Zuschauer um tatkräftige Hilfe zu bitten. Stürmischer Beifall am Ende für  das gesamte große Ensemble und das kleine Orchester im Hintergrund.


Marler Zeitung 03. Dezember 2005

Hier weht Zirkusluft, wenn Ciulli seine Akteure mit dem Peitschchen antreibt: Ein Clown voller Possen und Melancholie, der die Fäden des Spiels mal locker, mal straff in den Händen hält, charmant und voll skurriler Ideen. Unbändige Spielfreude treibt ihn an, und auch das Ensemble weiß Charaktere und Flair des Stücks beschwingt und in kräftigen Farben zu zeichnen.


WAZ 02. April 2001

Die Inszenierung – eine überarbeitete Wiederaufnahme von 1987 – ist gewöhnungsbedürftig. Wo Brechts Moral dialektische Bocksprünge macht, wendet Ciulli in Gralf-Edzard Habbens Manege die Charaktere; er lässt die Bettlertochter Polly als exaltierte Puppe mit Lidern klappern, zieht Polizeichef „Tiger Brown“ eine Tiermaske und einen albernen Fellmantel über. Das ist nicht nur komisch, sondern tiefernst. Wo Brechts Theater zum Konsumartikel verkommen ist, der Satz von der Gemeinheit des Menschen banal banal wurde, da reizt Ciulli grell zum Kopfschütteln. Vielleicht zum Nachdenken.


theater pur 16. Juli 2001

„Ciulli wendet sich gegen jede Art von Moral. Bei ihm gibt es keine Norm. Er bricht das Stück radikal auf und kommt dem Original so am nächsten. Jhering sprach bei der Uraufführung vom „Triumph der offenen Form eines neuen Theaters“. Dadurch dass Ciulli aber auch jede Aufführungspraxis des Stückes ignoriert, erreicht er dies. Seine Darsteller, die durch die Bank als ausgezeichnet zu bezeichnen sind, singen „schön“ wie in den 20er oder 30er-Jahren. Das Orchester trifft einen hinreißend authentischen Ton. Das ist pralles Theater was in Mülheim geboten wird.“

                                                                                             


Der Landbote 23. Januar 2003

„Ciulli agiert von den Rändern her, immer an der Grenze zwischen Ernst und Klamauk, zwischen Clownerie und Melancholie. Mit der Peitsche und mit Zuckerbrot führt er seine Figuren in die Arena, die ein Zirkus ist und damit die ganze Welt. Der Regisseur zeigt, mit ganz großer Verwandlungskraft, dass dort der Mensch grad mal vergessen kann, dass er ein Mensch ist.“