Stimmen

DEWEZET, Ernst August Wolf 04. März 2010

Die Allmacht der Krise zerstört Lebensträume, reiß Familien und Personen in den Abgrund; mehr noch, sie mündet in Krieg und Tod. Ciulli bringtMillers Botschaft auf den Punkt: militärisches Eingreifen ist Wesenselement kapitalistischer Gesellschaftsordnung und lenkt von ökonomischen Krisen ab, von Korea über Vietnam bis zum Irak und Afghanistan. Überhaupt sind die aktuellen Bezüge äußerst beklemmend.


Peter Ortmann, taz 20. Februar 2006

Der zweite Weltkrieg rettete die Wirtschaft, schaffte neue Arbeitsplätze, heilte die Nation und ihren Glauben an die Unverwundbarkeit – bis zum 11. September 2001 zumindest. Mit seiner schönen Inszenierung manifestiert Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr einen Tatbestand, zeigt etwas lang, unübersehbare Parallelen zum Heute auf, doch es vermeidet die unausweichliche Schlussfolgerung: Uns aus dem Elend zu erlösen. Können nur wir selber tun!

 

 


Harald Polenz, theater pur 16. April 2006

Immerhin drei Stunden „litt“ das Publikum mit seinesgleichen, ohne von einer Werbepause in die noch düstere Realität faden Werbegeklingels entlassen zu werden.

 

Tröstungen wurden nicht zuteil, Absolutionen nicht erteilt und schwammige Freisprüche schon gar nicht. „Ackermann and Friends“ grüßten aus der Ferne, dem Stammland des Kapitalismus, in unsere Wirklichkeit von Hartz IV und Vorstandsvorsitzendenhorror, der in regelmäßigen Wiederholungen gesendet wird: Gewinne gesteigert, Leute entlassen. Aber wieso Ackermann, das Stück zeigt doch den amerikanischen Traum, pardon, das amerikanische Trauma? Zu kurz gedacht bei einem Regisseur, der seine Zuschauer schon gern auf den Theatersesseln vor Verzweiflung rutschen und im Stillen denken lässt: „Lass den Kelch an mir vorübergehen.“ Roberto Ciulli quält uns gern und gekonnt, reißt Abgründe auf, in die zu blicken auch für schwindelfreie gefährlich ist.

 

 

Harald Polenz, theater pur, 2006

 


Knut Lennartz 16. April 2006

Roberto Ciullis Inszenierung am Mülheimer Theater beweist, dass das Stück nichts von seiner Brisanz verloren hat. Das hat vor allem mit der Authentizität des Textes zu tun. Die von Ciulli und seinem Dramaturgen Helmut Schäfer eingerichtete Fassung strafft den Stoff – auch wenn sich nach der Pause Längen einschleichen. Im Zentrum der Bühne steht eine grüne Ledercouch – die ganze amerikanische Gesellschaft als ein Fall für den Psychiater.

 

 

 

 


Hans-Christoph Zimmermann 16. April 2006

Durch den Realitätsfirnis hindurch macht Ciulli amerikanische Phantasmen zwischen Heilserwartung und Populärmythen, zivilisatorischer Brüchigkeit und Traumfabrikation sichtbar. Dabei entstehen mitunter Bilder von grotesker Eindringlichkeit, so wenn der Sozialsamtleiter zu King Kong mutiert, mit Musik gezähmt wird und schließlich an die Bedürftigen Spielzeugwaffen zu Weihnachten verteilt. Was beim Nacherzählen platt wirkt, entwickelt im szenischen Vollzug ein faszinierendes Changieren zwischen bedrückender Realität, psychischer Wunschproduktion und konsumistischer Erfüllung.

 

 

Hans-Christoph Zimmermann, Theater der Zeit, 2006

 


Prinz 16. April 2006

Börsenkrach in Amerika: Makler suchen den Freitod, Millionäre werden zu Bettlern, Zehntausende verlieren ihre Arbeit. Hier beginnt Arthur Millers „Die Stunde Amerikas“. Mit den vielen Handlungssträngen und Rollen sowie leicht belehrender Haltung kein unkomplizierter Stoff. Doch Regisseur Roberto Ciulli baut die Szenen mit lockerer Hand zu einem schillernden Mosaik zusammen. Ein gut aufgelegtes Ensemble spielt mal witzig oder ordinär, mal nonchalant oder verzweifelt. Da wirkt selbst Symbolisches wie eine Horde Gorillas, ein sexy Superman und ein sich auf der Psychiatercouch fläzender Uncle Sam nicht zu aufdringlich.

 

 


Annette Kiehl, Westfälischer Anzeiger 25. Februar 2006

Die bizarren Bilder, die aus dieser Atmosphäre entstehen, sind in dem selten aufgeführten Stück „Die Stunde Amerikas“ oft sehr deutlich, Parallelen zur heutigen Zeit drängen sich auf. Ein amerikanisches Statussymbol nach dem anderen wird enttarnt, dazu quietschen beängstigend schrill die Bremsen einer U-Bahn.

 

 


Rolf Pfeiffer, Westfälische Rundschau 18. Februar 2006

Unverkennbar aber wird Ciullis Hand nach der Pause, wenn Vater (Volker Roos) und Sohn (Fabio Menéndez) im Büro der Fürsorge mit Flunkereien ein paar Dollars mehr herausholen wollen. Hier gewinnt das Stück die Intensität, die Ciullis bessere Regiearbeiten auszeichnet: Leid und Hoffnungslosigkeit werden kreatürlich und absolut, kein frischer Scherz kann mehr darüber hinweghelfen. Ciulli, der Fuchs, der diese Wirkung kühl kalkulierte, macht den vergeblichen Scherz sogar noch selbst. „Supergirl“ kommt aus der Kulisse, doch Hilfe bringt sie nicht.

 


Rainer Hartmann, Kölner Stadtanzeiger 18. Februar 2006

Die Aktualität dieser Geschichten aus der Geschichte, die sich locker um eine Familie ranken, liegt auf der Hand. Ciulli und Dramaturg Helmut Schäfer stilisieren Millers Scheinrealismus so streng, ohne selbstständig mit der Vorlage zu verfahren, wie das sonst im Theater an der Ruhr zu erleben ist. Über gut drei Stunden führt das große und starke Ensemble um Rosmarie Brücher, Volker Roos und Fabio Menéndez präzise vor, wie Menschen sich verändern unter dem Druck der wirtschaftlichen Gewalt.

 


Gudrun Norbisrath, WAZ 18. Februar 2006

Arthur Miller schrieb „Die Stunde Amerikas“ 1980, und er legte viel Moral und bittere Pointen hinein. Doch seit „Dem Tod eines Handlungsreisenden“ waren schon damals 30 Jahre vergangen und die realistische Darstellung bürgerlichen Elends konnte kaum noch erschüttern. Ciulli aber macht aus dem mäßigen Spätwerk ein suggestives Panorama; bunt wild, schrecklich und komisch. Da verbinden sich intellektuelle Deklamationen mit Kino-Klischees, süffige Metaphern stehen im Kontrast zu lähmenden Familienszenen.

 


Kölnische Rundschau 18. Februar 2006

Roberto Ciulli beweist mit seiner Inszenierung einmal mehr, dass er auch aus kleinsten Szene-Splittern bild- und symbolkräftiges Theater zaubern kann. Aus nur lose verbundenen Momentaufnahmen lässt er, mit 18 Darstellern in 25 Rollen, einen Reigen entstehen, den innere Spannung, sensibler Humor und fein dosierte Ironie zu einem starken Ganzen zwingt. Dabei wird er nicht nur Millers „The American Clock“ gerecht – so der Originaltitel des als „Die große Depression“ bei uns bekannt gewordenen Dramas. Er drechselt aus einer eher schwachen Vorlage einen packenden Theaterabend. Dabei führt er nie den Knüppel wohlfeiler Kritik an Amerika. Er fügt der Melange einen zarten Hauch Melancholie hinzu.

 


Ruhrnachrichten 18. Februar 2006

Regisseur Roberto Ciulli hat den selten gespielten Text auf die Bühne seines „Theater an der Ruhr“ gebracht, und bei der Premiere am Donnerstagabend war schnell klar: Dies ist das Drama zur deutschen Job-Krise. Bedrückend, bestürzend, beängstigend. Ein Kreuzweg, bei dem sich auch der Zuschauer zum Schluss wie gerädert fühlt. Schade, dass Millers Dialoge teils erbärmlich konventionell sind, mehr gut gemeint als gut geschrieben. So müssen Ciulli und seine fulminanten Darsteller ihr ganzes Können aufbieten, um die Szenen in tiefe Tragik oder eine groteske Komik zu treiben.

 


taz 20. Februar 2006

Der zweite Weltkrieg rettete die Wirtschaft, schaffte neue Arbeitsplätze, heilte die Nation und ihren Glauben an die Unverwundbarkeit – bis zum 11. September 2001 zumindest. Mit seiner schönen Inszenierung manifestiert Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr einen Tatbestand, zeigt etwas lang, unübersehbare Parallelen zum Heute auf, doch es vermeidet die unausweichliche Schlussfolgerung: Uns aus dem Elend zu erlösen. Können nur wir selber tun!