Repertoire

Gott

Woody Allen
Dauer: ca. 90 Min.

Ein Autor und ein Schauspieler, ungefähr 500 Jahre v. Chr., streiten sich über den Ausgang eines Stücks, das sie beim Athener Dramen-Festival aufführen möchten. Da sie jedoch nur in einem anderen Stück spielen, in dem von Woody Allen, begeben sie sich bald in einen Dialog mit dem Publikum, das sich auch als erfunden erweist. Fiktion und Wirklichkeit sind derart miteinander vermittelt, daß beide in ihrem Anspruch, Kunst beziehungsweise Realität zu sein, bestritten werden. Die Lösung ist nur noch technisch möglich: ein Erfinder bietet dem Autor, welchem auch immer, eine Schlußmaschine an, mit der Zeus stets am Ausgang der Stücke einfliegt. Da jedoch die Maschine, die auf dem Höhepunkt des Dramas eingesetzt wird, versagt, stranguliert sich der einschwebende Zeus, Gott ist tot.

Gegenüber Woody Allens Texten bleibt der, der verstehen will, immer der Dumme, da sie sich in fast panischer Angst immer wieder neu entziehen. Nicht nur die fortschreitende Aufhebung der jeweils neu ins Spiel gebrachten Ebenen, die stets den Anspruch, Realität zu sein, erheben, irritiert den Rezipienten; auch die bewußte, fast regressive Verwendung sogenannter komischer Elemente, die zu den ödesten Kalauern herabsinken, und keiner wird einem erspart, macht die Texte rätselhaft. Da wehren sich seine Figuren gegen jegliche Art der Bestimmung, kämpfen mit all den Ansprüchen, die die Kulturindustrie zur Etikettierung der Künste produziert hat; ein Autor, der nur ein Schauspieler ist in dem Stück des Autors Woody Allen, weiß für sein Stück keinen Schluß und der telefonisch befragte Originalautor bescheinigt nur, er wisse ihn auch nicht, man möge ihn doch über den Ausgang des Abends informieren.

Jegliche Muster, die antiken wie neuzeitlichen, zur Anleitung der künstlerischen Produktion sind verloren, es gibt weder positive noch negative Konfliktlösungen, es gibt keine wirklichen Konflikte mehr, da dies die Konfrontation verschiedener Interessen voraussetzte; doch die Ausbildung von Interessen ist in einer von rasanter Verselbständigung bestimmten Welt unmöglich geworden. Was zu beschreiben bleibt, ist die anarchische Struktur einer Gesellschaft, für den New Yorker Woody Allen ein Potpourri von McDonalds Restaurants und prätentiösen Philosophemen, allein zum Zweck der erzwungenen physischen wie psychischen Selbsterhaltung.

Woody Allen, Jahrgang 1935, ist einer der wichtigsten Filmemacher und steht in der Tradition der Marx-Brothers und Charlie Chaplin. Sowohl in seinen literarischen Materialien als auch in seinen Filmen seziert er mit aggressiver Komik die gesellschaftlichen Bedingungen heute, die das Glück verstellen, auf das all seine Figuren doch ausgehen. Die List der Vernunft, wohl eins mit dem Komischen, erzwingt jedoch stets Resultate, die über den Köpfen der Menschen entstehen und diese zu ohnmächtigen Abziehbildern eines anonymen Ganzen degradieren, das sich nur mit anarchischen Humor noch überleben lässt.

Stimmen

Süddeutsche Zeitung, Udo Watter, 18. Mai 2017

Die Inszenierung von Robert Ciulli - für die Dramaturgie zeichnet Helmut Schäfer verantwortlich - ist dabei temporeich und stark choreografiert. Die Schauspieler entfalten sichtlich Lust am komischen Geschehen, das eine stringente Handlung verweigert. Da gibt es wunderbare Szenen von elaborierter körperlicher Unbeholfenheit wie den Bauchtanz von Wendy Schicksal (großartig: Rupert J. Seidl als baumlanges Frauchen) oder wenn sich die eher klein gewachsenen Albert Bork (als Sklave) und Steffen Reuber (als Cratinus) in die Muskelpose antiker Heroen werfen und nebenbei mal gekonnt ein Kontrabass niedergerammelt wird. Schön auch, wie sich Ferhat Keskin als Bob Schicksal mit türkischem Macho-Kauderwelsch in Rage redet: Slapstick vom Feinsten, versierte Entführungen nach Absurdistan. Allens Humor birgt freilich stets Hintersinn und verschränkt zeitlose Fragen mit moderner Gesellschaftskritik. Für den transzendenzsuchenden Komiker Woody Allen, der "Gott" in den Siebzigern schrieb, ist das Leben eben alles andere als eine Glücksveranstaltung. Es birgt freilich auch sehr vergnügliche Momente, und so einer war dieser Abend in Pullach - wobei einem Stück und Inszenierung ein paar schöne Denkinspirationen mit auf den Weg gaben.

Anne Reinert, Osnabrücker Zeitung 16. November 2010

Woody Allen so scheint es, löst seine Unsicherheit mit Humor. Roberto Ciulli und seine spielfreudigen Schauspieler greifen das dankbar auf und machen daraus eine wilde und freie Inszenierung, in der nichts unmöglich ist. Die zum Teil sehr schrägen Kostüme tragen ihren Teil dazu bei. Da ist es eine Freude zuzugucken, obwohl die Unsicherheit ob der eigenen Existenz einem den Boden unter den Füßen entziehen könnte.

Alexandra Lutzenberger, Landsberger Tagblatt 23. Februar 2004

Das große Ensemble mit griechischem Chor spielt souverän mit viel emotionaler Beteiligung. Alle Schauspieler sind eigenen Typen, die schon durch ihre extravagante Maske oder ihre Persönlichkeit auf der Bühne wirken. Ein sympathisches und modernes Ensemble. Albert Bork muss als Sklave und griechischer Schauspieler nicht nur Körpereinsatz beim Kräftemessen zeigen, sondern überzeugt auch durchgängig als hilfloser vom Autor getriebener Schauspieler, der versucht, gegen die Allmacht der Regie (Gott?) anzukämpfen. Ein mitreißender Theaterabend, der begeisterte.

Gabriele Fleischer, Südwest-Presse 02. Dezember 2004

Einen wahnwitzigen Bilderbogen um Kulturbetrieb und letzte Fragen, um oberflächliches Glamourleben und die Suche nach Sinn und Wahrheit hat Woody Allen mit seinem Stück „Gott“ geschaffen. Das Theater an der Ruhr hat seine Inszenierung von Roberto Ciulli am Mittwoch ins Theater am Ring gebracht. Und mit einem erläuternden Text in der Programmbeilage auf den Punkt gebracht: „Gegenüber Woody Allens Texten bleibt der, der verstehen will, immer der Dumme...“ Und so wird jeder, der dies Verstehen braucht, um für sich einen wie immer gearteten Gewinn aus dem Theaterstück zu ziehen, als „der Dumme“ nur kopfschüttelnd frustriert gewesen sein. Wer sich aber einlassen konnte auf Fragen ohne Antworten, auf Szenenfolgen ohne erkennbaren Sinn und auf die bizarre Komik, wurde bedient mit einem Spektakel, das mit Tempo und Pep, in schrägen Bildern, mit grell drastischen Kostümen und voller Bühnenpräsenz Woody Allens Text zweifellos höchst adäquat umsetzte. Und dafür gab es nach anderthalb pausenlosen Spielstunden viel Applaus für das Mülheimer Ensemble.

Karin Hartmann, Holsteinischer Kurier 27. Januar 2006

Die Schauspieler standen ganz im Mittelpunkt und überzeugten durch ihre Intensität und die Selbstverständlichkeit, mit der sie die schrägsten Texte und Situationen interpretierten. Mit Irrwitz und grandiosen „Showeinlagen“ nahmen sie die Auswüchse von Medienwelt und Kulturindustrie aufs Korn. Sie stellten die existentielle Frage: Ist Gott echt oder fiktiv? Und gaben darauf eine aberwitzige Antwort: „Gott schwebte nicht als rettender deus ex machina ein, sondern strangulierte sich in der Technik – im Kostüm von Supermann mit der Maske von Mickymaus.

Jürgen Overhoff, Main-Echo 07. Dezember 2003

Glücklich darf sich schätzen, wer diese famose Inszenierung von Roberto Ciulli gesehen hat. Mit dieser Arbeit beweisen der Theaterzauberer und sein Ensemble einmal mehr, dass sie zu den führenden des Landes, vielleicht Europa gehören. Nicht zuletzt deswegen, weil Ciulli eine Art Theater-Esperanto, eine Sprache jenseits des landeseigenen Idiom erfunden hat. Das Ganze gerät zu einem aberwitzigen Verwirrspiel und philosophischen Kabinettstückchen, das um die Frage kreist, ob Wirklichkeit objektivierbar ist. Was ist Wirklichkeit, was nur die Vorstellung davon. Ist das wahr, was wir wahrnehmen? Aus diesem erkenntnisphilosophischen Dilemma findet Allen keinen Ausweg. Für ihn bleibt deshalb nur der anarchische Humor als Lebenselixier. Treffsicher hat Roberto Ciulli diesen Humor herausgearbeitet, den Aberwitz der Vorlage gar noch überhöht.

Siegener Zeitung 01. März 2004

Die eigentliche Frage, die alle Allen-Figuren umtreibt, lautet: Wie real sind wir eigentlich? Und deshalb stellt die Botschaft vom toten Gott keine existentielle Bedrohung für die Allen´schen Figuren dar: Sie wenden sich schon den Folge- oder Vorausproblemen zu: Sind wir erfunden, oder, frei nach Shakespeare, der „Stoff aus dem die Träume sind“, die Träume der anderen natürlich? Wie weit reicht unsere Freiheit? Wie stark werden wir manipuliert? Woody Allen hat eine absurde, überdrehte und auch überfrachtete Abrechnung mit Kultur-Traditionen und ihren Protagonisten vorgelegt. Die Schauspieler (in der stimmigen und nie langatmigen Inszenierung von Ciulli) haben ihr so viel Leben eingehaucht, wie Allen den Theater-Traditionen noch gelassen hat – wofür das Publikum sie auch mit viel Applaus bedachte.

Margitta Ulbricht, WAZ 05. Mai 2003

„Im doppelbödigen altgriechischen Drama wagen die geballten Parasiten mit Trichinosis, Hepatitis und Diabetes einen Großangriff auf die Unterhaltungsmaschinerie der Neuzeit. Es ist eine rasante Satire. Doch die Situationskomik täuscht nicht über den ernsten Kern der Geschichte hinweg, der Kritik an der amerikanischen Kulturindustrie, der Frage nach künstlerischer Freiheit, nach dem Sinn des Daseins. Sind wir nicht alle Figuren in einem Stück? Und wenn es einen Gott gibt, ist dann der Mensch nicht mehr allein verantwortlich?“

Nina Ebner, NRZ 05. Mai 2003

„Eine zufriedenstellende erschöpfende Antwort auf die Existenz oder Nichtexistenz eines verantwortlichen Gottes hat Woody Allen selbstverständlich nicht parat. Die absurde Komödie fragt, verwirrt, ist ironisch, komisch und einfach nur absurd. Sein oder nicht sein, Realität oder Fiktion, Logik oder Absurdität: Wer weiß denn schon, wo die Grenzen liegen? Das Ensemble des Theater an der Ruhr jedenfalls hat dem zeitlosen Einakter Allens eine neue, brisante Aktualität gegeben.“

Annette Lübbers, Der Weg 18. Mai 2003

„Das Stück von Woody Allen lebt zum einen von hinreißend komischen Dialogen – „Gott ist tot. Ist er irgendwie versichert?“ – zum anderen vom ausdrucksstarken Spiel der Schauspieler, deren Präsenz durch eine dekorationslose, ausschließlich in Schwarz gehaltene Bühne verstärkt wird. Die Einbeziehung des Publikums sorgt für zusätzliche humoristische Effekte in einer rundum gelungenen Aufführung, die auch das jüngere Publikum zu fesseln vermochte.“

Karten

28.09.2018
19:30

Besetzung

Petra von der Beek
Blanche DuBois
Heinke Stork
Frau
Dagmar Geppert
Doris Levine
Albert Bork
Diabetes, Phidipides
Ferhat Keskin
Bursitis, Bob Schicksal, Zeus
Fabio Menéndez
Hepatitis, Chor, Wache, Groucho Marx
Steffen Reuber
Trichinosis, Cratinus
Volker Roos
Lorenzo Miller, Meister, Frau (mit Messer)
Rupert J. Seidl
Mann, Wendy Schicksal

Team

Roberto Ciulli
Inszenierung
Heinke Stork
Kostüme