Stimmen

Hans Karweik, Braunschweiger Zeitung, 07. Mai 2014

Drei Stunden und 20 Minuten Handke mutet Regisseur Roberto Ciulli dem Theaterpublikum am Dienstagabend zu. Die meisten halten durch. Es lohnt sich. Zum einen, weil Ciulli mit dem auch außerhalb Deutschlands renommierten Theater an der Ruhr den Stoff meisterhaft umsetzt, zum anderen, weil Peter Handke mit „Immer noch Sturm“ ein faszinierendes, interessantes Stück geschrieben hat: über Widerstand, über Minderheiten und ihre Identität in Sprache und Kultur, Terror, Menschlichkeit, Liebe und Krieg. Sie sind alle Slowenen in Kärnten, wie Handkes mütterliche Familie. Der 1942 geborene Schriftsteller setzt ihnen im „Immer noch Sturm“ ein literarisches Denkmal wie auch dem slowenischen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Ohne Pathos, mit viel Sympathie für die unterdrückten Slowenen, sie aber nie verherrlichend. So bringt auch Roberto Ciulli das alles auf die Bühne.


Theater heute, 01. Juni 2012

Ciulli hat eine strenge, heitere Trauererzählung einer ganz anderen Welt erschaffen, ironiefrei, psychologisch genau, leichtfüßig und seltsam aus der heutigen Theaterzeit gefallen. Ciulli erweckt die erzählerischen Weiten von Handkes autobiografisch geprägter Vorlage zum Leben: die Sehnsucht nach anderem Leben. Die Fremde, die Familie. Die Wucht der Erinnerung. Die Macht der Geschichte.


Trailer, Hans-Christoph Zimmermann, 01. Mai 2012

Überwältigend Petra von der Beek als Mutter mit roten Stiefeln, die gut Gelaunte, die gerne auf der Fensterbank sitzt oder sich ihrem kleinen Bankert mit erotischer Zartheit zuwendet. Oder Valentins ungeheuer komisches Orakel auf den Werdegang des Erzählers. Berührend die Schmerzszenen, wenn Benjamin, Valentin und Ursula im Krieg sterben: Zunächst das lachende Erinnern an den Verstorbenen, später das sirrende Geheul der Frauen, das übergeht in die wütende Suada des Großvaters auf die „Deitschen“. Oder Gregors stille Entscheidung, zu den Partisanen überzulaufen und seine Rückkehr als bissiger Misanthrop. Nie allerdings überwölben die Szenen Handkes Text; Ciulli lässt dem Erzählen seinen Raum, macht es selbst zum Gegenstand des Abends, und das ist trotz mehr als drei Stunden Dauer ein so bewegendes wie erstaunliches Erlebnis.


Dorothea Marcus, Deutschlandfunk, 30. März 2012

Es ist ein großer, wahrhaft beglückender Abend. Subtil erzählt er davon, wie tief Geschichte die Gegenwart prägt. Kongenial erweckt er die erzählerischen Weiten von Handkes Vorlage zum Leben, nichts wird verflacht, alles lässt Größeres ahnen.


Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung 03. April 2012

Das Stück führt an Grenzen. Sprachen und Kulturen, Vormoderne und Moderne, Krieg und Frieden, Widerstand und Kollaboration, Tanz und Taumel, Tag und Traum. Geschichte und Geschichten stoßen aufeinander. Eine schöne sinnfällige Grenze zieht auch die Bühne, die Gralf-Edzard Habben für die Mülheimer Inszenierung entworfen hat. Das mehrmals aufschlagende Fenster, durch das die Figuren eintreten oder manchmal auch nur betrachtet werden, markiert auch eine Grenze zwischen innen und außen. So wird ins Bild gesetzt, dass alles, was hier vorgeht, sich in der Phantasie des „Ich“ abspielt: Die Bühne ist sein Kopf. Die Annäherung des Theater an der Ruhr, die ideologischen Ballast abwirft und sich Manierismen versagt, findet einen stimmigen Erzählfluss und setzt auf einfache, schlüssige Bilder.


Jens Dirksen, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 30. März 2012

Gralf-Edzard Habben hat zu „Immer noch Sturm“ eine großartig schlichte Bühne gebaut, das Gras rechts und links der weißen Fliesen ist schwarz, die Welt jenseits der weißen Fensterfront mit dem elfenbeingilbigen Bett davor ist es auch. Immer wieder weht das Fenster auf und neues Unheil herein. Volker Roos spielt das tastende, suchende Ich. Dessen Vorfahren widerfährt hier – stellvertretend für alle Toten – Gerechtigkeit gegen die menschenpflügende Geschichte. Sie leben weiter auf der Bühne.


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 30. März 2012

Das Stück hat den Charakter eines Requiems, ist melancholisch grundiert, entwickelt sich langsam und der von slowenischen Wörtern durchsetze Text wirkt wunderbar altmodisch und elegant. 150 Seiten Prosa haben Roberto Ciulli und Helmut Schäfer auf spannende 3 Stunden 20 Minuten konzentriert, ohne dass der Charakter verloren geht. Ciulli vertraut der Sprache und verzichtet auf Aktivismus. Die Mittel werden reduziert eingesetzt und erzielen maximalen Effekt.


Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten 30. März 2012

Es geht um die Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der die Slowenen ihre Sprache und Kultur verleugneten oder zu Partisanen gegen die Nazis wurden. Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben hat da einen weiß gepflasterten Weg ausgelegt, der über das Herbstlaub der braunen Vergangenheit führt.

Roberto Ciulli entfaltet ländliche Familienszenen in eindringlicher Bildsprache. Rupert J. Seidl und Simone Thoma geben die knorrigen Großeltern auf der Gartenbank. Petra von der Beek ist die "Frohsinn-Mutter". Mit leidenschaftlichem Spiel macht sie aus der Rezitation von Feldpostbriefen ein Ereignis.


Günther Hennecke, 30. März 2012

Ciulli in kurzweiligen dreieinhalb Stunden: ein großes Stück Prosa aufzulösen und seine Fäden gleichwohl dramatisch wieder zu einem Ganzen zu fügen. Ein bitterer Schuss Melancholie schwingt dabei mit. Melancholie, die tief in Handkes Biographie führt. Tote erheben sich, beschwören die Vergangenheit, tanzen und erleben einen ganz eigenen Totentanz. Streng und zugleich voller Poesie zeigt sich bereits die Bühnen-Welt, in der Ciullis packender Zugriff auf dieses Leben nach dem Tod gelingt. Gralf-Edzard Habben hat alles in Schwarz und Weiß getaucht. Ein strahlend weißer Weg führt auf ein Bett im Hintergrund zu. In ihm liegt ein Mann. Dahinter ein breites Fenster, durch das zu Beginn sieben Gestalten steigen. Sie tragen stilisierte Trachten, setzen sich auf den Bettrand – und erwecken das “ Ich“ aus dem Todesschlaf.


Andreas Wilink, WDR 3 Mosaik, 29. März 2012

Der Nachfahre ist kein Jüngling mehr, sondern ein bejahrter Mann. Fast könnte man ihn Peter Handke nennen. Der Schriftsteller verwandelt sich für seinen historischen, biographisch grundierten Familienroman zur Kunstfigur und gewinnt gerade dadurch Wahrhaftigkeit. Der sprachartistisch geformte Text ist, wie man so sagt, mit Herzblut geschrieben. Fast archetypisch streng und konzentriert, dank weniger und zeichenhafter Symbole, bleibt die Inszenierung schlichter und dichter als die Vorlage Handkes. In dem Welt- und Familienkrieg wird gestritten, gebetet, getrauert, mischt sich Politik und Ideologie ins Privateste, wird gebacken, eingemacht, Obst geerntet. Man tötet oder liebt seinen Feind. Am Ende, wenn man glaubt, man wäre wieder alleine, erlaubt sich Ciulli einen seiner magischen Momente, einen wilden Indianer- und wirbelnden Totentanz mit sieben Leichentüchern, das setzt einen elementaren Moment.


Nachtkritik, Martin Krumbholz, 29. März 2012

Man merkt an jeder Bewegung, an jeder Geste, wie sorgsam und wie liebevoll ihr Meister Roberto Ciulli dem unvergleichlichen Erzählton Handkes folgt und wie scheinbar unangestrengt er ihn zum Leben bringt.

Viele wunderbare Details wären zu nennen. Wie Simone Thoma als Großmutter die großen Reden anderer mit einem koboldhaften Mienen- und Gestenspiel begleitet. Wie Rupert J. Seidl als Großvater donnert und wettert, dass es eine Freude ist, wie er im Brustton der Entrüstung seine Leute zurechtweist und sich bestimmte Wörter wie "Tragödie" und "Liebe" in seinem Haus verbittet, ganz zu schweigen von deutschen Eindringlingen und Sprachbesatzern wie "Schnürsenkel" oder "Kartoffeln".

Es sind die Kräfte des starken Textes und der nicht minder starken Schauspieler, die hier wirken. Die Mittel, derer sich das Theater an der Ruhr bedient, sind einfach, aber nicht schlicht; ins Flache oder Beliebige driften sie nie ab. Jedes Detail ist hier genau durchdacht, aber dieser klare Stilwille wirkt an keiner Stelle prononciert. Von diesem Theater geht ein stiller Sturm aus: "Jetzt erst recht Sturm".