Stimmen

Astrid Schoene, Rheinische Post 08. November 2010

Ciullis Inszenierung hat einen beschwörenden Rhythmus zwischen Tempo und Dynamik. Kaspar (blass, zart und einfach großartig Maria Neumann) wird erbarmungslos mit Sätzen gequält. In der Sprachfalle gefangen, bricht sein Widerstand. Den zweiten Teil bestimmt die erschreckende Vision einer sprachlosen Gesellschaft. 40 Minuten lang bietet das Ensemble eine beeindruckend inszenierte Pantomime, morbide, suggestive Bilder Am Ende liegt ein Toter auf der nun leeren Bühne, und Kaspar hält seinen Monolog mit leiser, fast gebrochener Stimme: Ich komme nicht mit dem Schrecken davon. Viel Beifall.


Samia Harrar, Le temps 16. November 2009

Das im Stadttheater von Tunis aufgeführte Stück Kaspar von Peter Handke, in einer Inszenierung Roberto Ciullis war ein beeindruckendes Theatererlebnis. Das Publikum nimmt während der zweieinhalbstündigen Spieldauer an einer regelrechten Stilübung teil, eine emotionsgeladene Glanzleistung zum Thema Spracherwerb und soziales Spiel. Letzteres verlangt, sich selbst aufzugeben und zuweilen sich selbst und die eigenen Wünsche zu verleugnen, möchte man nicht gezwungen werden, mit der eisigen Einsamkeit und dem beängstigenden Schweigen einer abgeschlossenen Welt konfrontiert zu werden, auch auf die Gefahr hin, dass man sich auf unbegrenzte Zeit in den Wortfallen verfängt, die im Leeren laufen, nach einer unveränderlichen Ordnung der Dinge, eine Ordnung, die das Eingeständnis unserer Unfähigkeit ist, uns in diesem Umfeld zu definieren, ohne Zuhilfenahme der passenden Worte, die uns helfen, und zurechtzufinden, und uns dennoch ins Verderben stürzen.


Leverkusener Anzeiger 24. Oktober 2000

„Den Sprachverlust hat Ciulli als Verlust zwischenmenschlicher Beziehungen in stummen Bewegungs-Studien choreographiert. Wie eine Zeitbombe erscheint diese gesellschaftliche Entwicklung, denn so unerbittlich, wie der Sekundenzeiger einer Uhr tickt, trippelt der beflissene Dienstbote durch die bedrückende Bühnen-Stille Richtung Katastrophe: „Die Zeit muss aufhören“. Maria Neumann, die vor zwölf Jahren schon in die Hauptrolle Kaspars schlüpfte, steht stellvertretend für die Prägekraft des Ciulli-Theaters, das die Zuschauer in seiner Ausdrucks- und Bilderfülle sprachlos macht."

 


Nürnberger Nachrichten 13. Januar 2001

„Die Szenerie, innerhalb der Kaspar Hauser (glänzend: Maria Neumann), Subjekt, Objekt, kreatürlicher Mensch an sich, in einer Tonne liegt, ist so künstlich wie archaisch; drei geschäftsmäßige „Einsager“ zerren den Findling ins Rampenlicht, in die Welt hinein, die Sozialisation beginnt. Voll sardonischen Ingrimms inszeniert Ciulli diese Neugeburt Kaspars: Dieser wird nackt ausgezogen, gründlichst gereinigt und neu eingekleidet, dann folgen unbarmherzige Sprachexerzitien – Normenschulung per Crashkurs. Der Wilde wird aseptisch, die Unschuld wissend. Die Vergewaltigung der Sprache wie die des Menschen durch die Sprache zahlt sich die Gesellschaft selbst zurück: Im zweiten Teil des Abends präsentiert Roberto Ciulli ein pantomimisches Szenenbild, in dem sich eine biedermeierlich gekleidete Gesellschaft zum Picknick niederlässt. Sprachlos geworden, grunzend und schnaubend verehrt man den Altargott Kaspar, der aus einer „besseren“ Zeit übrig geblieben ist. Ciullis Fazit ist unmissverständlich: Die Menschendämmerung hat zwar stattgefunden, aber nichts gebracht. Viel Beifall für eine perfekt durchkomponierte Inszenierung.“

 


Stuttgarter Nachrichten 14. Dezember 2000

„Nur selten gibt es Theaterereignisse, die auch nach jahrelanger Aufführungsdauer nichts von ihrer Brisanz verlieren. Roberto Ciullis legendäre, 1987 entstandene Inszenierung des Sprechstücks „Kaspar“ von Peter Handke zählt dazu. Angesichts einer inflationären Zunahme sinnleerer Begriffe wirkt Ciullis Horrorszenario einer in die Sprachlosigkeit taumelnder Gesellschaft aktueller denn je. Von Beckettscher Schönheit die bizarre Endzeitlandschaft von Gralf-Edzard Habben im ersten Teil der Aufführung: Unter einer stehengebliebenen Bahnhofsuhr enden ein paar Gleise in einem Steinhaufen neben einer bläulichen Baumruine. In der Bühnenmitte auf Kunstrasen eine rostige Öltonne.“

 


Der Landbote Winterthur 14. Januar 2002

„Roberto Ciulli liest den Text aber auf die Möglichkeit hin, was mit dem Theater (heute) noch zu machen ist. Und er kennt die Verführung: „Wenn Du die allgemeine Sprache beherrschst, brauchst du nicht selbst zu denken.“ Ciulli kennt die ganz spezielle Grammatik des Theaters. Er erzählt den Kaspar in Bildern. Das Spiel auf der Bühne ist so wunderbar, dass man nur an diese Bilder denken will. Besonders der zweite Teil der Aufführung ist zum stillen Gedicht geworden. Eine seltsam verkleidete Gesellschaft kommt hier auf die Bühne, sie übt ein Ritual von Herrschaft und Unterwerfung. Die Sprache gibt es noch nicht oder schon nicht mehr, alles ist irreale Musik und Geräusch.“