Stimmen

Prinz 20. Dezember 2006

„König Lear“ ist Shakespeares wortgewaltigste und düsterste Tragödie. Konsequenterweise inszeniert Roberto Ciulli sie als Endzeitstück ohne jede Hoffnung. Wie sonderbare, augenlose Wesen umkreisen die Figuren den alten König. Den lässt Volker Roos auf nackter, nur mit wenigen Requisiten ausgestatteter Bühne langsam an der Welt zerbrechen. Ebenfalls beeindruckend: Simone Thomas gespensterhafter Narr, der kaltherzig Lears Schicksal kommentiert. Ein groteskes, fast unerträglich schmerzerfülltes Adagio über die hilflose Einsamkeit des Menschen.


Katrin Pinetzki, Westfälische Rundschau 06. Dezember 2006

Roberto Ciullis Inszenierung ist wie die schwarz-weiße Skizze eines farbenfrohen Gemäldes: Die feinen Striche, das langsame, zurück genommene Spiel lassen die Konturen und Strukturen nur umso deutlicher hervor treten. Langer Applaus.

 


Vasco Boenisch, Süddeutsche Zeitung 02. Dezember 2006

Jene Schlüsselszene bei Donner und Blitz mit dem verstoßenen, umher irrenden greisen König im Kessel unbändiger Naturgewalten, die als Sinnbild inneren Erkenntnisdrangs zu  den großen Momenten der Theaterliteratur gehört, gerät in Mülheim ganz leise, Ruhe ohne Sturm. Nachdenklich horcht dieser Lear in sich hinein – keine Hetze, keine Hitze -, und findet dort einen wortwörtlichen Verrückten bei klarstem Verstand. Volker Roos zeigt ihn zwar mit Stimmungsschwankungen, aber stets kontrolliert und dezent, vertrauend auf die Kraft des Wortes. Diese Reduktion ist beispielhaft für eine Inszenierung, die mit voller Konzentration den Kern des Dramas freilegt und so die Radikalität der Gedanken und ihre zeitlose Relevanz beweist.


Annette Kiehl, Westfälischer Anzeiger 25. November 2006

Es gelingt den Schauspielern ganz wunderbar, die Gedanken und Gefühle der Figuren in Bewegung umzusetzen. Auf allen Vieren, wie ein Tier, das eben aus seinem Käfig ausgebrochen ist, jagt Steffen Reuber als Edgar über die Bühne, hangelt sich an einer Leiter hoch. Scheinbar orientierungslos läuft er durch die Szenerie, bewegt seine Lippen zur Stimme, die vom Tonband kommt.

Auch die anderen Darsteller setzen die Handlung des Stückes immer wieder einfallsreich um, nutzten mitunter fast alle Spielformen, die die Theaterkunst bietet. Mit verschiedenen Stimmfärbungen, ihrem ganzen Körper und dem Raum arbeiten sie, um die Konflikte der Geschichte zu übersetzen: Den Streit um Erbe und Gunst des Vaters und die wachsende Distanzierung der einst eifrigen Töchter vom dahin siechenden Lear.


Günther Hennecke, Kölnische Rundschau 27. November 2006

 

Es ist ein Abend, der auch in eine Gegenwart zielt, in derein Kampf der Generationen droht. Die Jugend kann einen Scheinsieg verbuchen, denn Alter und wahre Liebe bleiben auf der Strecke. Keine schönen Aussichten, die Ciulli Bild werden lässt. Dazu glänzt der Narr, in dessen Rolle auch die als Cordelia faszinierende Simone Thoma schlüpft, mit clownesk versteckten Wahrheiten. Ciullis „Lear“ – das ist Vor- und Endzeit in einem. In beiden herrscht pure Machtgier, selbst unter Blutsverwandten gibt’s Krieg bis auf Blut. Wer da nicht an die Iraks und Darfurs dieser Tage denkt, dürfte in Ciullis Theater falsch aufgehoben sein.


Bettina Jäger, Ruhr Nachrichten 25. November 2006

Simone Thoma spielt die Cordelia und den Narren mit einer großen Weisheit – mal wie ein Kind, mal wie ein Gast aus einem fernen Land. Und mit einer umwerfenden Reibeisen-Stimme. Kontrapunkt zu ihren kalten Schwestern (Petra von der Beek / Dorothee Lindner) ist aber auch Edgar (Steffen Reuber) als wildes Wesen. Volker Roos in der Titelrolle lässt lustvoll die alte Arroganz aus Lear hervorbrechen und zeigt seine Wandlung zum sabbernden Greis mit großer trauriger Würde.


Rainer Hartmann, Kölner Stadtanzeiger 25. November 2006

Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer lenken die Aufmerksamkeit von der fülligen Handlung auf die Trauerarbeit, die mit Shakespeares kolossalem Text zu leisten ist: Auch die jüngste Zeit verharrt im Chaos der „Lear“-Welt, man denkt an den Irak oder an Bosnien.

Das Ensemble verwirklicht wunderbar den Gedanken, durch kluge Reduktion einen Bedeutungsraum zu konstruieren. Volker Roos als Lear ist einer von vielen, die mit Ciulli die Brücke schlagen zu den Endspielen Samuel Becketts. Erkenntnis statt Illusion, ein Abend von unheimlicher Bannkraft.


Jens Dirksen, Neue Ruhr Zeitung 25. November 2006

Ciulli und sein Ensemble lenken den Blick darauf, dass man im Theater, leichter vielleicht als im Leben, das Sehen lernen kann. Das Zuhören. Das Verstehen.

Bei alledem ist die ziemlich neue Übersetzung von Frank Günther, der sich ja den gesamten Shakespeare vorgenommen hat, für diese sprachfixierte Inszenierung Gold wert. So flüssig, so verständig, so heutig rollen die Sätze dahin, dass es kalte, böse Musik wird.


Augsburger Allgemeine 24. November 2006

Roberto Ciulli inszeniert Shakespeares „König Lear“ als wär’s ein Stück von Beckett. Der greise König trägt statt eines Königsmantels einen Morgenrock, Lear wirkt wie eine Figur aus dem „Endspiel“.

Obwohl alle Unterhaltungsaspekte konsequent vermieden wurden, spendete das Publikum am Schluss der Premiere gestern Abend im Mülheimer Theater an der Ruhr einmütig Beifall.


Christiane Hoffmanns, Welt am Sonntag 25. November 2006

"Darüber hinaus gibt es ein tragendes Moment, das von Anfang an stark befremdet: alle zehn Darsteller spielen als seien sie blind. Deuten könnte man dieses Motiv als Resignation des Regisseurs vor der Unbelehrbarkeit der Menschen: Denn Jahrhunderte lang ist Shakespeares Stück, das von den Folgen ungezügelten Egoismus warnt, gespielt worden. Aber nichts in der Gesellschaft hat sich verändert. Glücklicherweise hat sich aber nicht bei Ciulli der Glaube an die Lehrhaftigkeit der Theater-Kunst verloren."