Stimmen

Bettina Jäger, Ruhrnachrichten 10. Februar 2007

Thomas Peter Goergen hat in seiner Inszenierung für das Mülheimer "Theater an der Ruhr" im Raffelbergpark die Rolle der Schülerin durchaus mutig mit einem jungen Mann besetzt, was dem Stück den sexuellen Subtext nimmt. Stattdessen gibt's ein Stündchen lang ein höchst unterhaltsames Stückchen Theater zu erleben - mal so böse wie ionesco, mal so zum Kichern wie Loriot.

Schon die Kostüme von Heinke Stork sitzen den Persönlichkeiten wie angegossen. Süß, wie der Schüler in einem zu kurz geratenen Poncho das Unterrichtszimmer betritt und verlegen seine Bommelmütze knetet. Fabio Menéndez läuft in dieser Rolle zu ganz großer Form auf. Übereifrig. Unterwürfig. Wie er um den Professor tänzelt, als sei der ein Sonnengott, wie er sich später verzweifelt um sein abstruses Kreideschaubild windet - das könnte tragikkomischer nicht sein. Rupert J. Seidl gibt den Lehrer. Ein harter Kerl, der den Rohrstock innerlich trägt. Der den Schüler umkreist wie ein Raubtier, das Beute machen will. Doch erst in der letzten Szene mit dem strengen Dienstmädchen (Dorothee Lindner) erweist sich, wer hier wirklich das Sagen hat...

Ein theatralisches Kleinod, sensibel gearbeitet, und eine kluge Lektion in Sachen Machtmissbrauch. Nicht verpassen!


Prinz 01. März 2007

Sprachwahnsinn**

In Frankreich ein Klassiker: der Theaterautor Eugéne Ionesco. Während das Theatre de la Huchette in Paris seit 1957 ununterbrochen seinen Einakter "La Lecon" zeigt, ist es in Deutschland ein wenig still um den Dichter geworden. In Mülheim gelingt Thomas Peter Goergen jetzt eine hervorragende Wiederbelebung der "Unterrichtsstunde".

** Inhalt:** Als die Schülerin eintritt, hat ihr Professor an diesem Tag schon 39 andere Schülerinnen ermordet. Auch sie muss daran glauben, schwindelig geredet von einem Lehrer, dessen Logik nicht die ihre ist. Goergen inszeniert puristisch und sprachbetont. Ein schwarzer Kreis auf schwarzer Bühne steckt die Manege ab, in der Rupert J. Seidl, Fabio Menéndez und Dorothee Lindner wie in sich gefangene Clowns endlos im Kreis reden. Und das einander Nichtverstehen formvollendet als tragikkomischen Scherz zelebrieren.

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Achim Lettmann, Westfälischer Anzeiger 05. Februar 2007

„Selten werden Stücke von Eugène Ionesco gespielt. Als Vertreter des absurden Theaters ist der gebürtige Rumäne (1912 – 1994), der in Paris lebte, in die Bühnengeschichte eingegangen. Im Theater an der Ruhr in Mülheim wird sein zweites Stück „Die Unterrichtsstunde“ (1950) ganz unaufgeregt inszeniert. Der junge Regisseur Thomas Peter Goergen, der seit 2004 als Regieassistent in Mülheim arbeitet, hält das Spiel in einem schmalen Kontinuum.Die private Lehrstunde, die ein alter Professor gibt, findet in einem grauen, kahlen Kreis statt (Bühne: Gralf-Edzard Habben). Das Dienstmädchen taucht aus dem Hintergrund auf und macht ihre Anmerkungen. Und auf dem Boden wird später der Schüler eine skizzenhafte Mitschrift anfertigen, die die Plattform der „Unterrichtsstunde“ zum dreidimensionalen Spiegelbild macht. Der modellartige Umgang mit den wenigen Parametern des Stücks öffnet das Deutungspotential der „Unterrichtsstunde“.Goergen scheint das absurde Theater zu beatmen, um an seine Autonomie im gesellschaftlichen Widerstreit zu erinnern. Vielleicht ist das heute wichtiger denn je, gibt es doch Kräfte genug, die die Bühnen für den Event verpflichten wollen, statt zu akzeptieren, dass das Theater künstlerischer Seismograf der Gesellschaft sein kann. (...)

Ionescos Prinzip, das Theater als Spielfläche für seine dunkelsten Träume zu instrumentalisieren, hat in Mülheim eine konzentrierte Entsprechung gefunden. Ein erhellender Hinweis, der die Sprachverderber und die Mächtigen unserer globalen Medienwelt ausmacht, fehlt allerdings."


Jacqueline Siepmann, NRZ 05. Februar 2007

„Es gibt Sätze im Theater, die vergisst man nicht, weil sie klug oder anrührend – oder so völlig verrückt sind wie dieser: „Die Rosen meiner Großmutter sind ebenso gelb wie mein Großvater, der Mongole war.“ Herrlich! Am besten mal bitte laut sprechen. Klingt irgendwie unkorrekt, ist aber gar nicht so gemeint.** Allein für diesen Satz lohnt es sich ins Theater zu gehen.** Zumal es ihn dort auch noch in der spanischen, neo-spanischen, französischen, rumänischen, orientalischen, lateinischen und sardanapalischen Version gibt.

Hört sich heiter und harmlos an – und ist es natürlich nicht. Denn in Eugène Ionescos „Unterrichtsstunde“, die jetzt in der Regie von Thomas Peter Goergen am Theater an der Ruhr Premiere hatte, ist nur wenig wie es scheint. Goergen legt mit diesem an deutschen Bühnen verschütt gegangenen Kabinettstückchen des absurden Theaters unter begeistertem Beifall und Bravorufen seine erste eigenen Inszenierung vor.

Die „Unterrichtsstunde“ ist ein schreiend komischer, bitter-böser Kampf und Sprache, um den Anspruch auf Macht, Wissen und Wahrheit: ein ungleiches Duell zwischen einer naiv-neugierigen Schülerin, die am Raffelberg mit einem Mann besetzt ist, und einem überwissenden, doppelt promovierten, supertotal diplomierten und ein Übermaß an Unsinnigkeiten verbreitenden Professor, der sich als übergeschnappter Massenmörder erweist, und dem wiederum assistiert wird von seiner schönen Haushälterin, einer Art erotischem Todesengel, der effizient alle Spuren des Massenmordes beseitigt.

Goergen konzentriert seine Inszenierung im kargen Bühnenraum ganz auf die Kraft der Worte und auf die Sprach-, Sprech- und Spielkunst seiner Darsteller Rupert J. Seidl (Professor), Fabio Menéndez (Schülerin) und Dorothee Lindner (Haushälterin).

Sprache, eingesetzt bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus, ist Instrument des Terrors und der Entlarvung: Worte, Sätze, Zeichen, Zahlen, Chiffren, Wahnsinn als Wortschwall und zuletzt noch ein kleiner Mord. Das Komische ist der Zwilling des Tragischen, der Humor die andere Seite des Horrors und das Lachen (und man kann oft lachen in dieser 70-minütigen Lektion) endet bei Wittgensteins Erkenntnis: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenze meiner Welt.“