Simone Derai
L.I. - Lingua Imperii

Gastspiel der Gruppe Anagoor, Castelfranco Veneto.

In "L.I." geht es vordergründig um das Verhältnis von Sprache und Macht, um die Jagd und um die Tragödie des Holocaust. Doch dienen die drei Themen eher als Klammer für eine Collage von akustischen, visuellen und sprachlichen Fragmenten, in denen es um den Mythos der verletzten oder verlorenen Unschuld gilt, der schon im Opfer der Iphigenie seinen Ausgang nahm. Im zwanzigsten Jahrhundert gewann dieser Begriff für die Menschheit eine neue Dimension, ausgehend vom armenischen Genozid bis zum Massaker von Srebrenica. Im 21. Jahrhundert scheint sich dieser blutrote ununterbrochen Faden fortzuspinnen.

Die italienische und internationale Kritik feierten die bereits 2012 entstandene Aufführung als nicht weniger als einen Meilenstein der neueren, italienischen Theatergeschichte. Dennoch gastiert die Gruppe Anagoor in Mülheim zum ersten Mal überhaupt im deutschen Sprachraum. Der renommierte Kritiker Renato Palazzi schrieb in der überregionalen Tageszeitung "Il Sole 24 Ore": "Jenen, die bezweifeln, dass das italienische Theater derzeit eine Phase außerordentlicher kreativer Vitalität erlebt, denen, die immer noch nicht glauben, dass derzeit ein entscheidender Umbruch zwischen den Generationen stattfindet - der auch einen Wechsel der Perspektive und des ästhetischen Kanons mit sich bringt, denen möchte ich empfehlen, sich die erstaunliche Aufführung Lingua Imperii von Anagoor anzuschauen." In der neuen Züricher Zeitung hieß es anlässlich der Theater-Biennale von Venedig: "Ein Requiem, durchzogen von armenischem Gesang oder Litaneien wie jenen «Ratschlägen für trauernde Eltern», die in mehreren Sprachen, wieder und wieder, aus dem Off erklingen. Gelehrtes Theater, welches trotzdem an die Nieren geht – das hat es mit Castellucci gemein".

In italienischer und deutscher Sprache - mit Übertiteln soweit erforderlich.

Nach der Aufführung gegen 21.15 Uhr findet ein Foyergespräch mit dem Regisseur Simone Derai und dem Aachener Sprachwissenschaftler Professor Thomas Niehr statt, der sich in seiner Forschung insbesondere mit der Analyse öffentlichen Sprachgebrauchs und Sprachkritik auseinandersetzt.