Stimmen

Ulrich Deuter, K-West, 01. Oktober 2013

Roberto Ciullis Inszenierung von „Monsieur Chasse“, der Belle Epoque-Komödie des hierzulande nicht häufig gespielten Georges Feydeau geht im Theater an der Ruhr einen bemerkenswerten Weg: Sie bremst die schnurrende Mechanik von Ehebruch, Verwicklung und Verwechslung, Verkleidung und Vertauschung, situativer Komik und schneller Rede, die Feydeaus Komödien bis zum Irrsinn antreibt, radikal herunter. Zwar wird lange nicht klar, wer wen betrügt; zwar werden Menschen verwechselt und Hosen getauscht. Doch da die Zahnräder von Schwank und Schnurre stille stehen und sich zwischen den Pointen Pausen von fast Fosse’schen Ausmaßen dehnen, tritt tatsächlich so etwas wie eine Ibsen-artige Gefühlswelt zutage, eine verborgene, leidende, auch hier am Ende nicht befreite. Aber Gefühlswelt. Ibsens „Frau vom Meer“ kam 1889 heraus, Feydeaus „Monsieur Chasse“ nur drei Jahre später; Ciullis kluge und überaus genau gearbeitete Interpretation beweist, dass das Eine im Anderen steckt.


Vasco Boenisch, Süddeutsche Zeitung, 18. September 2013

Während da draußen die Welt die Spähaktionen des NSA debattiert, sich die Menschen in sozialen Netzwerken entblößen, bei Facebook ihren „Beziehungsstatus“ posten, aber gleichzeitig die Öffentlichkeit ihrer Privatsphäre beklagen – inszeniert Ciulli zum Spielzeitauftakt eine olle französische Komödie. „Monsieur Chasse oder Wie man Hasen jagt“ von Georges Feydeau, Pariser Vaudeville, 19. Jahrhundert, Tür auf, Tür zu, Verwechslungsliebesboulevard, klipp-klapp. Haste dir gedacht. Und die Rechnung ohne Ciulli gemacht, der immer mehr vom Theater will als L’art pour l’art. Er seziert mittels Feydeaus bürgerlichen Seitenspringern eine Gesellschaft, in der jeder jeden betrügt, vor allem am Ende: sich selbst – und das ganz bewusst. Eine Gesellschaft des gegenseitigen Ausspionierens ist das, jenseits aller moralischen Koordinaten. Eine Gesellschaft des Misstrauens, des hohlen Scheins, der freiwilligen Unmündigkeit. Eine Gesellschaft anno 2013. Es kommt, wie es in der Komödie kommen muss: Das Stück dreht noch ein paar erstklassige Verwicklungspirouetten, in denen alle Seitensprünge enttarnt werden – man aber Sprachregelungen findet, die alle ihr Gesicht und auch die vorherigen Verhältnisse wahren lassen. Das Private steht zurück hinter dem, was bei Feydeau „öffentliche Meinung“ hieß, heute „öffentliches Interesse“. Jeder weiß alles von jedem, ein Nichtangriffspakt. Man schnüffelt in anderer Leute Hosen, Briefen und Betten – inzwischen eher virtuell, damals aber nicht weniger virtuos. Die stille Übereinkunft, mit der das am Ende akzeptiert, ja, weggelächelt wird, hallt heute sehr viel unangenehmer nach als vor 120 Jahren. Roberto Ciulli, der alte Fuchs, hat gute Beute gemacht.


Max Florian Kühlem, Rheinische Post, 17. September 2013

Kern des Stücks aus dem späten französischen Vaudeville-Theater ist ein bürgerliches Ehepaar: Léontine misstraut ihrem Mann Duchotel, weil er immer absurdere Beute von seinen angeblichen Jagdausflügen nach Hause bringt – auf dem Höhepunkt ist es Pastete im Glas. Sie glaubt, dass er sie betrügt, und denkt nun über einen Gegenschlag nach. Arzt Moricet stünde bereit. Mit Feydeau seziert und analysiert Roberto Ciulli die bürgerliche Doppelmoral, den Verlust des zwischenmenschlichen Vertrauens, weil das kapitalistische Konkurrenzprinzip auch das Private durchdringt. Der (Ehe-)Betrug ist in dieser Welt eigentlich längst normal, doch niemand würde das offen aussprechen.


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 14. September 2013

Im Text haben Roberto Ciulli und Helmut Schäfer nicht nur die akribisch detaillierten Szenenanweisungen ignoriert, sondern auch das Stück konsequent gegen den Strich gebürstet, die schrillsten Verwicklungen eliminiert, das tumbe Beiseitesprechen gestrichen, das Tempo drastisch gedrosselt und die Geschichte auf den Kern reduziert. Das passt. Menschen, die ihrem Glück hinterher jagen und es doch nicht finden.


Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten, 13. September 2013

Aus dem turbulenten, grotesk komischen Boulevardtheater-Stück des späten 19. Jahrhunderts wird ein emotional unterkühltes Konversationsdrama im Stil der Nouvelle vague-Filme aus den 1960-er Jahren, bei dem sich selbst und einander fremde Charaktere in einem sachlich-kühlen Ambiente (Bühne: Gralf-Edzard Habben) agieren.

Aber schon überraschend, wie rational, planmäßig und ohne jegliche Form von Körperkontakt (!) es in Mülheim dabei abgeht. Gefühlsregungen bleiben draußen, so wie die dekorativ hinter einer Glaswand fallenden, von Hereinkommenden abgeschüttelten Regentropfen.

Die fein agierenden Schauspieler lassen die Komik ihrer Dialoge wie Gourmets auf der Zunge zergehen. Das eigentliche Fazit des Abends aber könnte von Loriot stammen: "Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen."