Stimmen

Günther Hennecke, Kölnische Rundschau 01. März 2010

Was in Dortmund anklingt, setzt Roberto Ciullis Inszenierung des Stücks Sirenengesang von Péter Nádas spektakulär ins Bild: Nach Bildern von verrohten Jugendlichen, die während Odysseus Abwesenheit vergewaltigen und töten, sehen wir am Ende draußen, im Park vor dem Theater an der Ruhr in Mülheim, das schmutzige Ende: Nike, die Göttin des Sieges, thront auf einem Müllhaufen.


Der Westen, Nadine Albach 01. März 2010

Der ungarische Autor Péter Nádas, stimmt ein Klagelied auf den Verlust des Ichs an. Individualität scheint in dieser Welt unerreichbar, vielmehr ist jeder viele oder viele das Ich. Unausweichlich betreten die Söhne die immer wieder abgetretenen Pfade, wandeln auf dem Weg der Gewalt und der Gier ihres Vaters. Dessen Abwesenheit beklagen die Kinder – es ist, als sei ein Stück ihrer Identität stets ungreifbar weit entfernt. In einer Halle von vom Tod summenden Spielautomaten siedelt Roberto Ciulli dieses vielstimmige Abgleiten in den Alptraum der Geschichte, der zum Verlust bestimmt ist, an – Automaten wohlgemerkt, die den zwinkernden Namen Victoria tragen. Glück und Sieg jedenfalls sind unerreichbar für Odysseus Söhne Telemachos, Telegonos und Hyakinthos. Applaus für ein Stück, das manchen an Heiner Müller erinnert und so voller Andeutungen und Assoziationen an Mythologie, Gegenwart und Geschichte ist, dass es dem Zuschauer immer wieder zu entrinnen droht. Ein schwerer, gleichwohl oft von großer Poesie und Kraft geprägter Text.


Christian Bos, Kölner Stadt-Anzeiger 01. März 2010

Der Sirenengesang des Ungarn Péter Nádas ist weniger Stück als großer Abendlandsabgesang, ökologische und ökonomische Katastrophen fallen hier in Eins und der vätermordende Krieg ist der Ursprung allen Übels. Doch der Text läst sich schwer verschlagworten und Regisseur Roberto Ciulli findet seine eindringlichsten, schrecklichsten Bilder seit langem für Nádas Apokalypse.


Eva Pfister, Westdeutsche Zeitung 02. März 2010

Am Theater an der Ruhr tritt Odysseus selbst nicht auf, ist aber präsent als Ahnherr des brutalen 20. Jahrhunderts. Roberto Ciulli inszeniert Sirenengesang von Péter Nádas als gewohnt streng zelebriertes Theater der Grausamkeit: Die drei Söhne von Odysseus beherrschen die Szene, verüben sinnlose Gewalttaten, zum Töten angestachelt vom Sirenengesang, der aus Geldspielautomaten säuselt. Trotz teils schwerer Kost waren die Reisenden begeistert. Nie, so berichtet ein junges Pärchen, hätte sich je bei einem Theaterbesuch so viel Gelegenheit zu Gesprächen ergeben. Begegnungen mit Fremden im Geiste der Odyssee.


Spiegel online, Ulf Pape 02. März 2010

Die Siegesgöttin Nike thront als weißer Engel auf einem Berg von Bauschutt, da geht das Sturmtief Xynthia auf sie nieder. Im Park des Mülheimer Theater an der Ruhr spielt sich gerade die letzte Szene von Péter Nádas Sirenengesang ab. Das Ende der Zivilisation – so unmittelbar hat es wohl noch keiner auf die Theaterbühne gebracht. Der extrem dichte und im besten Sinne verstörende Sirenengesang ist einer der Höhepunkte und die fünfte Etappe der Odyssee Europa, die am vergangenen Wochenende Premiere hatte.


dpa, Ulrich Fischer 01. März 2010

Wenn auch einzelne Eindrücke in der Flut der Impressionen verloren gegangen sein dürften, bleiben doch zwei intensive Theatertage und ein überzeugendes, vielstimmiges, humorvolles und gleichzeitig bitter ernstes transnationales Plädoyer gegen den Krieg und für den Frieden. Die eindrucksvollste Szene lieferte vielleicht das Theater an der Ruhr, als es an die Festung Europa erinnerte, vor deren Mauern viele Flüchtlinge im Mittelmeer elend ertrinken. Dies sei der Geist des Krieges, rückwärtsgewandt, unmenschlich und aggressiv, befand die Mülheimer Bühne, ganz im Sinne ihres Autors, des Ungarn Péter Nádas, eine ebenso unversöhnliche wie eindrucksvolle, plausible Anklage.


Rheinische Post, Dorothee Krings 02. März 2010

Den wohl hermetischsten Text dieser Reise, verfasst vom ungarischen Autor Péter Nádas, stellt Ciulli in starke Bilder. Menschen, die keine eigenen Worte mehr haben für ihr Empfinden, weil Individualität in der Massengesellschaft Illusion geworden ist, stehen gebannt vor Spielautomaten. Später werden sie von Gewalt aus dem Kontinuum der Geschichte berichten und am Ende ihr Publikum hinausführen aus dem Theater vor einen Müllberg, auf dem Nike als Engel spricht. Und das Publikum steht im Regen, blickt auf diese Szene eines Albtraums, doch sind die Regentropfen real, das Theater ist in der Wirklichkeit angekommen.