Stimmen

Frank Becker, Musenblätter 24. Oktober 2009

Gralf-Edzard Habben hat für das Drama ein atemberaubendes Bühnenbild geschaffen: in einem kahlen, fensterlosen, schwarzen Arbeitssaal stehen voneinander abgewandt unter zwei Reihen von je fünf Neonlampen zwei Reihen mit je fünf Nähmaschinen, an denen unentwegt, unendlich, die gleichen Handgriffe, die gleichen Bewegungen geschehen. Stunde um Stunde – Tag um Tag. Dass Ciulli die Arbeiterinnen und Arbeiter die Handgriffe stets am selben Hemd ausführen lässt, unterstreicht die Qual der Einförmigkeit. Man spürt bedrängend körperlich die Zeit, das Leben verrinnen.


Günther Hennecke, Kölnische Rundschau 28. November 2008

Wenn aus stupiden Gegenwartsfiguren an der Nähmaschine, als sei die Zeit zurück gedreht, plötzlich von Spinnennetzen eingesponnene Rokoko-Figuren werden; wenn sich das Mädchen und Ben auf ebenso zarte wie ungelenk-naive Art näher kommen; wenn beide den Zoo besuchen und die Freiheit der Füchse besingen – dann stehen solche und andere Szenen wie kleine Kostbarkeiten im Inszenierungs-Irrgarten der Sehnsüchte.

 


Gudrun Norbisrath, Westdeutsche Allgemeine Zeitung 29. November 2008

Zwischen Verzweiflung und neuer Ernüchterung liegt diese eine Nacht, und in ihr wandeln sich alle Farben. Murphy nennt das Mädchen Alice, da lächelt sie, er macht sich aus seinen Tennisschuhen Kaninchen Ohren: Sie lacht. Dann verschwinden sie in ihr Wunderland, und die Lichter des Vergnügungsparks werden ihnen zum Universum.

Das ist Ciullis Stunde. Eine monströse Taube reicht Alice ein rosa Kleid: Aschenputtel. Ein Clown erzählt die Geschichte vom Hund, der verschwand: Wer ist hier der Hund? Eine Schauspielertruppe spielt ein absurdes Stück im Stück: „Die Schöne und das Biest“. Da wird etwas klar, da erreicht Wieder erkennen den Kopf, hier geht es um das Sein, das einerseits das Bewusstsein bestimmt und andererseits ein Gegensatzpaar bildet mit dem Nichtsein. Wie Hamlet hat Murphy lange gezögert, und zögert noch.

 


Rolf Pfeiffer, Westfälische Rundschau 29. November 2008

Gralf Edzard Habben, der wunderbare Mülheimer Bühnenbildner, und Heinke Stork (Kostüme) haben für diesen Exkurs aus dem grauen Alltag kapitalistischer Ausbeutung einige märchenhafte Bilder gefunden, möblieren mit alten Nähmaschinen einen tristen Produktionsraum, lassen die Arbeiter unter Spinnweben altern. Und Roberto Ciulli gibt dem Affen durchaus Zucker, wenn er komische Varianten des Liebeswerbens zu einem Schwerpunkt seiner Inszenierung macht. Spaßtheater nun auch hier? Schon, doch sinnhaft, poetisch und auf hohem Niveau.

 


Jürgen Fischer, dpa 28. November 2008

Williams Thema ist ebenso unamerikanisch wie universell: die Freiheit!

Ben Murphy ist in der Hemdenfabrik von Mr. Gum unglücklich. Die Arbeit stumpft ab, sie steht in unüberbrückbarem Widerspruch zu Bens Sehnsucht nach Abenteuer und Erfüllung.

Ciulli betont in seiner Inszenierung die symbolischen Elemente, Traum und Wachen fließen ineinander. Am besten gelingt eine Szene, in der Ben seine Kollegen an den Nähmaschinen sieht, wie sie nach Jahrzehnten alt geworden sind; Spinnen haben sie mit Fäden und Netzen umsponnen und an die Maschinen geklebt; ein starkes Bild für ungelebtes Leben. In einer anderen Szene verwandelt sich ein Paar in Dompteur und Bestie. Die Beziehung zwischen Menschen ist alles andere als gleich und würdig. Anpassung und Unterwerfung schildern Ciulli und sein spielfreudiges Ensemble ganz im Sinn des Dramatikers als inhuman.

Entfremdete, geisttötende Arbeit ist ein Problem, das auch heute noch nichts von seiner Aktualität verloren hat.

 


Stefan Keim, Deutschlandradio 28. November 2008

Roberto Ciulli schafft von Anfang an eine surreale Atmosphäre, entdeckt in Tennessee Williams einen amerikanischen Bruder von Franz Kafka.Auf Schienen fahren Loren durch die Hemdenfabrik, später sitzen die Angestellten eingesponnen wie in Kokons an ihren Maschinen und bewegen sich wie lebende Leichen.

Roberto Ciulli hat die schiefen Stufen dieser Treppe nach oben mit großer Leichtigkeit und Bilderkraft bestiegen. Seine Inszenierung ist anregend, warmherzig und auf angenehme Weise rätselhaft.

 


Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung 29. November 2008

Es gibt Stücke, die lange schlummern, um auf einmal unversehens von den Zeitläufen eingeholt zu werden, szenische Schläfer, bis sie sich an einer neuen Realität stoßen und von dieser angestoßen, reaktiviert werden. Diese, wie der Autor sie nennt, „soziale Komödie über einen schlechtbezahlten Angestellten, der seinem ökonomischen Käfig entrinnen möchte“, ist ein solches Stück.

Wie Steffen Reuber als der in seiner Weichheit kräftige Benjamin Murphy und Simone Thoma als graziles Mädchen, das souverän zwischen ausgehungertem Sterntaler und graziler Salonschlange im Glitzerkleid changiert, an der Spitze des großen, prägnant agierenden Ensembles in Mülheim spielen; wie Roberto Ciulli das poetisch verdichtend und immer wieder in surreale Bilder ausscherend inszeniert, das macht aus Tennesse Williams kritisch-versponnenem Stück auch ein spielerisches Traktat szenischer Möglichkeiten, eine kleine, farbig glänzende Apologie des Theaters. Mit blinkender Zirkusarena, erhabenem Weißclown und geschäftigem Arlecchino, „La Strada“ Anklängen und Affenmenschkarikaturen kehren dabei auch viele Motive und Figuren wieder, die das Zitatenschatzhaus von Ciullis Theater füllen.