Stimmen

Hans-Christoph Zimmermann, die deutsche bühne, 23. November 2011

Ciulli verortet die Spielweise mit traumwandlerischer Sicherheit auf den schmalen Grat zwischen Konversationsstück und Surrealismus. Auch der Slapstick wird zart angedeutet, wenn Romeo Daddi mit einer Keule zaghaft Ringe und Barren beklöppelt und dabei fast von einem Holm erschlagen wird – der Körperkult seines Freundes Giorgio wird damit zugleich entlarvt. Steffen Reuber Scheinwahnsinniger ist ein intellektualistischer Zweifler, der hamletisch zaudert und den ein immer größeres Frösteln erfasst.


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 25. November 2011

Eine Geschichte über die Moral und Seitensprünge funktioniert aber heute nur noch in der Zuspitzung. Roberto Ciulli spürt in dem Text, den Luigi Pirandello 1934 schrieb, die Atmosphäre des Faschismus und dessen große Lüge von der Treue. Eine direkte Bezugnahme auf den Faschismus gibt es zwar nicht, aber Ciulli erkennt im Text Anspielungen auf reale Personen von damals. Pirandello, der schon früh aus Opportunismus der faschistischen Partei beitrat, hatte sich da schon längst von Mussolini losgesagt. Ciulli spitzt auch den Titel zu: Aus "Man weiß nicht wie" (Deutsche Übersetzung von Stefan Zweig) wird "Verbrechen", ein Titel, der sich als ebenso vieldeutig erweist. Viel stärker als den Faschismus thematisiert Pirandello die noch junge Psychoanalyse, es geht um Träume, Suggestion, Schuldkomplex, Triebe, den freien Willen und Romeo spricht von "jenem anderen Ich, das ich damals war". Er wähnt sich als "Opfer des Unbewussten", muss reden, um sich von der Last zu befreien, spricht entschuldigend von einem Überfall der Sinne, der Mitschuld von Ort und Stunde, von der magischen Verzauberung, die ihn ergriffen habe. "Aber vom Unbewussten spricht man nicht. Dann wird es zum Verbrechen."


Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten, 24. November 2011

Roberto Ciulli zeigt das 1934 entstandene Drama im historischen Kontext des italienischen Faschismus. Die Übertragung einer Mussolini-Rede tönt herein, Wagner-Musik erklingt. Besonders aussagekräftig ist die Verlegung der Handlung in die Turnhalle als einen, so Ciulli, "typischen Ort faschistischer Körperkultur" (Bühne: Gralf-Edzard Habben). Steffen Reuber als Romeo ist darin ein verstörter Fremdling, der die Sportgeräte neugierig betrachtet, sich aber zu Lebzeiten an keines herantraut. Ganz anders sein Freund Giorgio, der betrogene Marineoffizier auf Heimaturlaub. Fabio Menendez spielt ihn als eine athletische Bestie, als haarigen Affen, der seine animalischen Triebe durch Geräteturnen bändigt. Ein großartiger Triumph des Theaterzauberers Roberto Ciulli und seiner Crew.


Martin Krumbholz, Nachtkritik, 24. November 2011

Das Drama ist deutlich von der Psychoanalyse beeinflusst und ähnelt darin Musils "Schwärmern", Joyces "Verbannten" und ein wenig auch Italo Svevos Roman "Zenos Gewissen" – Werken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die zeigen, wie Menschen durch das endlose Reden über ihre vermeintlichen oder wirklichen Untaten diese nicht aus der Welt schaffen, sondern ihnen weitere hinzufügen. Die "Redekur" trägt durchaus ambivalente Züge. Roberto Ciulli entdeckt in seiner hochkonzentrierten, vom ersten bis zum letzten Augenblick spannenden Inszenierung nicht nur diese Ambivalenz, sondern auch den in ihr steckenden Witz. Der bizarre Schluss, wenn also der muskulöse, bärtige und langhaarige Marineoffizier Giorgio (Fabio Menéndez) den Körper seines Freundes und Rivalen zur Schau stellt wie in einem archaischen Ritual, bevor ein Sturm aufkommt und die seitlich drapierten Papierfahnen zerfetzt – dieses groteske Bild ist der grandiose Schlusspunkt einer insgesamt stimmigen, formvollendeten, schauspielerisch exzellenten Interpretation des fast unbekannten Stoffs. Gralf-Edzard Habbens Bühne stellt keinen Salon dar, sondern ein altmodisches Fitness-Studio mit Ringen, Barren, Matten und Pferd, in dem Giorgio sich während des Heimaturlaubs seinen Leibesübungen hingibt, während Romeo, in einer stummen Passage, die Mysterien der Körperertüchtigung recht ratlos erforscht. Bereits dieser Gegensatz erzählt ebenso beredt wie diskret eine Menge über das Verhältnis der Freunde: Es ist nicht der Athlet, sondern der linkische Intellektuelle, der in die Falle seiner sinnlichen Begierden tappt und diesen Umstand aus der Welt zu schwatzen hofft. Die Frauen, gespielt von Simone Thoma und Petra von der Beek, wie alle anderen wunderbar kostümiert von Heinke Stork, assistieren ihren Männern mit raffinierten Verschleierungsstrategien. Der unsichtbare Mittelpunkt aller Debatten ist der Sexus, und die Turngeräte, die von allen, aber von niemandem so gekonnt bespielt werden wie von dem betrogenen Giorgio, sind auch eine ironische Metapher für das ausgeklammerte und doch so präsente Glück des Körperlichen. Vieles leistet dieser spektakuläre Abend in einem: Die Wiederentdeckung eines Textes, der es wert ist, aber auch die Entdeckung der beinahe unbekannten Seiten eines großen Regisseurs, der kein müder Manierist ist, sondern ein Theaterzauberer, ein Humorist und ein kongenialer Interpret des seit einiger Zeit sehr zu Unrecht in den Hintergrund gerückten Autors Luigi Pirandello.