Verrückt
Eduardo De Filippo
Die verwirrenden Verhältnisse erschienen in Mülheim fast logisch und doch herrlich schräg. Dabei wirkt dieses Treiben nie klamotig. Die Frage, ob all die Täuschungen moralisch zu rechtfertigen sind, ist für Eduardo De Filippo offensichtlich von keiner Bedeutung und Ciulli ist dieser Überzeugung konsequent gefolgt. In den hektischen, slapstickartigen Auseinandersetzungen der Figuren geht es nie um Schuld und Gründe. Es zählt nur, den angerichteten Schaden irgendwie hektisch zu vertuschen und sei es mit der Flucht aus der Wirklichkeit.
Annette Kiehl, Westfälischer Anzeiger 18. Dezember 2007
Das bekannt großartige Ensemble des Theaters Mülheim an der Ruhr vergibt hier keine Chance: Maria Neumann etwa hat in fünfeinhalb Stunden keine zehn Minuten Text. Doch strahlt die Intensität ihres Auftritts – sie spielt ein somnambules Hausfaktotum – weit über den Abend hinaus. Simone Thoma und Albert Bork geben ihr Bravourstück als verwunschene Gören ab, die einem Tim-Burton-Film entsprungen sein könnten. Im darauf-folgenden Stück ist Thoma eine für Kinder tödliche Grundschullehrerin und nicht weniger packend. Bork überzeugte schon in der vorigen Komödie in der Rolle des zwischen Wahn und Traum verstolperten Liebhabers. Steffen Reuber dagegen steigert sich langsam von Stunde zu Stunde – wenn er in der „Kunst der Komödie“ als kleiner Amtsarzt um Anerkennung bettelt, rührt uns schließlich zu Tränen. Es wären noch viele zu loben, zuvorderst alle unerwähnten Schauspieler, auch die kuriose Bühnenmaschinerie, und erst recht die Regiearbeit Roberto Ciulli s, der sich hier ganz in den Dienst De Filippos stellt. Eine Meisterleistung hoch drei ist das.
Christian Bos, Kölner Stadt Anzeiger 19. Dezember 2007
Was zunächst den Anschein einer dramaturgischen Zähigkeit erweckt, ist Stilmittel. Auf leisen Sohlen kommt die Faszination daher und schöpft ihre immer stärker werdende Kraft aus klitzekleinen Details. Aus komischen Elementen, aus nachdenklich machenden Momenten, aus der Ungewissheit. Diese Konzeption ist ein Grundstein zum – auch an der (finalen) Zuschauerreaktion abzulesenden – Erfolg. Der zweite Erfolgsgarant sind die Mimen. Das Hauptgewicht an der prägnanten, und die Zuschauer erreichenden Umsetzung, tragen die Darsteller.
Andreas Stolz, Wolfsburger Nachrichten 11. Dezember 2008
Als hätten die Filmregisseure de Sica und Rossellini Pate gestanden, beginnt Ciullis Inszenierung von „Uomo E Galantuomo“ unter dem deutschen Titel „Verrückt“. Vieles erinnert an den Neorealismus der beiden Filmgrößen und ist zugleich von einer Aura neapolitanischen Volkstheaters umgeben, das Ciulli als Klischee sowohl aufnimmt als auch ironisiert. Roberto Ciulli und seiner Truppe sind wieder einmal Glanzlichter der Theaterkunst gelungen. Mit einem Autor, für den sich die Mühe auf jeden Fall lohnt.
Rhein-Neckar Zeitung, Günther Hennecke 15. Dezember 2008
Der Mailänder Ciulli inszeniert die Vorlage des Neapolitaners als kunstvoll-surreale Verschachtelung der Handlungsebenen: Simone Thoma spielt sowohl die schwangere Bice als auch die schwangere Schauspielerin Viola, die in dem Stück im Stück wiederum ein verführtes Mädchen mimt. Zwischendurch fallen die Akteure aus ihren Rollen oder treten in neuen auf. Ist das schon das Leben oder noch eine Theaterprobe?
Jacqueline Siemann / Jörg Bartel, NRZ 17. Dezember 2007