Stimmen

Frank Becker, Remscheider General Anzeiger, 03. Mai 2014

Shakespeares "Was ihr wollt" in hinreißender Inszenierung. Karin Neuhäuser fand mit ihrer Inszenierung die denkbar beste Lösung für die komplizierte Liebes-Komödie "Was ihr wollt". Mit dem genialen Einfall, Viola einer Beuys-Badewanne und nicht dem Meer entsteigen zu lassen (Gralf-Edzard Habben), war klar: das wird witzig. Köstlich Theresa Roses Wandel vom gut gebauten Mädchen zum forschen Burschen, die Zerrissenheit der Figur, in der Folge die mannigfaltigen hetero- und homoerotischen Verstrickungen. Höhepunkte wurden Olivias grandiose Verführungsversuche als liebestolle Gräfin und Steffen Reuber in der dankbaren Rolle des düpierten Malvolio. Komödiantische Kabinett-Stücke seine Brief- und seine Strumpf-Szene. Roos legte seinen gelassenen Narren auf der Mauerkrone superb an. Angemessener kann man Shakespeare nicht aufführen. Matthias Flake am Klavier und diverse Gesangseinlagen machten die Sache rund. Tosender Applaus, anhaltende Bravi und glückliche Gesichter im "punschlos glücklichen" (Zitat) Publikum legten davon Zeugnis ab.


Alexandra Lutzenberger, Augsburger Allgemeine, 05. Mai 2013

Es macht einfach Spaß. Eine Komödie von Shakespeare auf so erfrischende Art und Weise dargeboten, anzuschauen, das war ein echter Genuss. Keine Minute ist Karin Neuhäusers Inszenierung von „Was ihr wollt“ langweilig – man amüsiert sich mit den hervorragenden Schauspielern des Theaters an der Ruhr zwei sehr kurzweilige Stunden lang. Spannend wird das Ganze durch die bissigen Kommentare des Narren und einer Truppe aus Olivias Hofstaat, die für die meisten Lacher des Abends sorgt. Ein Abend zum Genießen, an dem uns die Spieler mit ganz neuen – versponnenen – Weisheiten des Alltags versorgen, zum Beispiel, dass man auch ohne Spaß, Alkohol trinken kann und, dass die Liebe anfängt, wenn der Verstand das Herz nicht länger verstecken kann.


Monika Klein, Rheinische Post, 15. Januar 2013

Zum irrsinnigen Spaß entwickelt sich der Abend bald. Er bewegt sich immer schön auf dem schmalen Grad zwischen hintersinnigem Humor und schriller Comedy, ist aber so intelligent gemacht, dass nicht die Gefahr besteht, in schale Scherze abzurutschen. Volker Roos ist einfach köstlich in dieser Figur, die wie alle anderen ihren Shakespeare nicht im Original auswendig gelernt, sondern geradezu gefressen haben. Sie haben den Geist dieses Komödiantentums eingesogen und spielen ihn aus in der Gegenwart, ergänzt um aktuelle Hinweise, spitzfindige Wortspiele und singen - vom dauernd anwesenden Pianisten Matthias Flake begleitet - in das Mikrofon, das Stars würdig ist. Stars wie Marilyn Monroe, in deren Outfit Olivia (eine wandlungsfähige Simone Thoma) auf Freiersfüßen über Bühne und Gleise stöckelt, oder Elvis, in dessen weiße Kluft sich der Herzog Orsino (Albert Bork) schmeißt, um seine Chancen zu erhöhen. Umwerfend komisch ist Gabriella Weber, die als Kammermädchen Maria für weitere Verwicklung sorgt und dafür, dass sich der eingebildete Haushofmeister Malvolio (Steffen Reuber) unfreiwillig zur größten Lachnummer wird.


Natalie Bloch, theater heute, 01. Dezember 2011

Karin Neuhäuser potenziert in ihrer farbenprächtigen, derb-komischen Inszenierung von „Was ihr wollt“ den Hang zur Selbstinszenierung der verwirrt-verliebten Figuren. Während bei Shakespeare der Geschlechtertausch der schiffbrüchigen Viola die Liebeswirrungen auslöst, setzt sich hier jeder permanent für sein imaginiertes Gegenüber in Szene – sich selbst wie den anderen dabei gnadenlos verkennend. Die bunte Gruppe der sich manisch selbst entwerfenden Narzissten trifft den modernen Menschen recht genau: Man kostümiert sich als Elvis, Marilyn Monroe und Andy Warhol und versucht doch stets, die eigene Mittelmäßigkeit zu kaschieren. Die schrägen, hochgradig originellen Gestalten die Karin Neuhäuser entwickelt, sind allererste Shakespeare-Spinner. Träumer, Getriebene, Verlorene – abgrundkomisch sind sie alle.


K-West, 01. Oktober 2011

Illyrien, das ist schon bei Shakespeare ein komischer Flecken Erde, ein Land der Illusionen und Neurosen, in dem Menschen sich selbst verlieren. Karin Neuhäuser geht in ihrer Inszenierung noch einen Schritt weiter. Alle verfehlen einander ständig, und selbst wenn sie am Ende den Konventionen der Komödie folgend doch noch zu Paaren werden, bleiben sie Verlorene. Nur der Narr kennt sich genau und ist frei von Zweifeln. Volker Roos sitzt nahezu unbeweglich auf der Mauer und beobachtet das Treiben da unten. Eine großartige Performance, voller Ironie und Weisheit, unendlich traurig und doch nicht ohne Hoffnung. Als alternder Entertainer hat er schon alles gesehen und erlebt; und so ist er es, der Illyrien in Wahrheit regiert – und auch diese Aufführung.


Stefan Keim, Frankfurter Rundschau, 24. September 2011

Man vermisst nichts in Karin Neuhäusers „Was ihr wollt“ Inszenierung, im Gegenteil. Die wunderbare Schauspielerin führt nach einigen Jahren Pause endlich wieder Regie. Und schafft eine hinreißende Gratwanderung zwischen Schwermut und Leichtigkeit. Bei allem Witz geht es immer um die Charaktere. Da spürt man, dass Karin Neuhäuser jede Rolle als Schauspielerin durchfühlt. Der prüde und im Inneren liebesdurchglühte Malvolio, die sich zwischen ihren Klamotten und Identitäten verlierende Olivia – es stehen nachvollziehbare Menschen auf der Bühne. Sogar die kleine Rolle eines Kapitäns, der den schiffbrüchigen Sebastian rettet und sich in ihn verliebt, bekommt durch Rupert J. Seidl berührendes Format.


Neue Ruhr Zeitung, Steffen Tost, 23. September 2011

Die Inszenierung von Karin Neuhäuser ist nicht als reine Komödie mit Kalauern und Slapstick über die Tyrannei der Liebe angelegt, sondern sie führt auch in die menschlichen Abgründe. Das Illyrien ist eine dekadente Gesellschaft des Vergnügens, in der sich jeder an Alkohol oder Liebe berauschen will und seinem eigenen Glück hinterher läuft. Simone Thoma ist es, die aus dem starken Ensemble als Gräfin noch hervorsticht. Sie meistert die gesamte Gefühlspalette. Zunächst spielt sie mit steinernem Herz und kühler Arroganz. Olivia schlagartig von Gefühlen entflammt, fürchtet sich vor ihrem Glück, das dann jäh zu Grunde geht, und sie voller Schmerz und zerbrechlich schluchzend jammert „Wenn ich ein Vöglein wär“.


Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Britta Heidemann, 23. September 2011

Gerade hier auf der Bühne des Theater an der Ruhr enthüllt uns die Liebe ihr tragisches Gesicht. Selten sah man den Schmerz so unverstellt wie im Antlitz Violas (Theresa Rose), die von ihrem angebeteten Orsino (Albert Bork) im wahrsten Sinne nicht erkannt wird. Eine Komödie, die das menschliche Ich so lange durchs Spiegelkabinett jagt, bis es in seine rollenspielerischen Einzelteile zerlegt ist. In Mülheim wurde das Verwirrspiel selbst nun auf Herz und Hirn getestet: Karin Neuhäuser legt im mit- und hinreißenden Schauspieler-Theater die tragischen, peinlichen, lachhaften Seiten der Liebe bloß.


Rheinische Post, Claus Clemens, 23. September 2011

Volker Roos, Doyen des Ensembles, leistet mit seiner Rolle hervorragende Arbeit. Wie anders, als durch einen Narren beraten, könnte man in dieser Welt Gefühle entwickeln. Es fehlt kaum etwas in Neuhäusers Regie. Am Schluss ist man in Sachen Liebe keinen Schritt weiter. Auch von Illyrien bleibt nur ein Beckettsches „rien“, also nichts. Die kluge Dramaturgie dieser Regisseurin spielt mit der Welt des Barden so, wie sie es wollte. Langer Applaus.


Süddeutsche Zeitung, Vasco Boenisch, 23. September 2011

Karin Neuhäuser hat einen guten, geistreichen Humor, ein Händchen für Komik und freilich auch, anders ginge es ja gar nicht, für die leisen Zwischentöne. Ein augenzwinkernder Traum-Kunst-Kosmos ist das, beobachtet vom Narr, dem Mauerschauer, der bei Volker Roos als ältliche, würdevolle Transe die schönsten, spöttisch-weisen Sprüche klopft. Abgeklärt seufzt er: „Identität ist ja sowieso etwas hoffnungslos Instabiles“ – und zielt damit nicht nur auf den Verwechslungs-Kuddelmuddel um die als Mann verkleidete Viola und ihren Zwillingsbruder Sebastian. Hier greift das bewährte Komödienmuster etwas tiefer: Geschlecht, ja Identität überhaupt als soziale, selbst gewählte Zuschreibung. Das zeichnet diese wunderbare Inszenierung aus: ein leichter Schmerz, manchmal auch ein heftiger, aber auch Trotz. Der Trost, über sich selbst zu lachen. Das nennt man wohl: Lebenserfahrung.