Stimmen

Deutschlandfunk, Dorothea Marcus, 17. Mai 2017

Die Freundin kann nicht weg und das Paar nicht zueinander kommen. In dieser Konstellation entzünden sich Mann-Frau-Konflikte, tiefe Diskussionen über Loyalität und Flucht. Die Frau fühlt sich missachtet, sie will, dass ihr Mann desertiert. Der ist dagegen eifersüchtig und vollkommen hilflos. Ein präziser psychischer Einblick in syrische Alltagsrealitäten. Es sind Menschen wie Du und ich. Sie trinken Tee, denken an Sex und essen Schawarma. Eigentlich wollen sie einfach nur ihr Leben weiterführen, aber es ist nun einmal Krieg und so müssen sie sich die Frage stellen, wo ist die Grenze, ab welcher Gefahrenlage lässt man ein Leben hinter sich. Autor Mudar Al Haggi hat noch einen doppelten Boden eingebaut, eine Art Stück im Stück. Immer wieder sprechen die Figuren aus dem Stück mit ihrem Autor, bitten ihn, sie nicht allein zu lassen, ein Ende zu schreiben, was man von Theaterautoren wie Luigi Pirandello kennt, ist im Krieg konsequent. Die Sehnsucht nach einer Vaterfigur und nach Orientierung. Erst gegen Ende des Stücks erfährt man, dass der Autor längst geflüchtet ist. Kalte Bilder von Deutschland werden gezeigt, lang U-Bahn-Gänge, Menschen in teuren Rollstühlen, sprachlos und einsam. Der Autor hat das Stück in einem Flüchtlingsheim geschrieben, sein Text hinterfragt klug, wie man überhaupt noch schreiben könnte im Exil. Ganz zum Schluss siegt dann doch die Poesie. Hala rezitiert ein Gedicht während Bombennebel über die Bühne zieht und das alte Lied „Your love is fire“ zu hören ist, ein alter, mythischer, arabischer Schlager aus den 60er Jahren, als die Welt im Nahen Osten vielleicht noch ein wenig mehr in Ordnung war. Auch wenn viel arabischer Text auf den Zuschauer prasselt, so ist der Abend doch gelungen. Antipathetisch und wahrhaftig agieren die Schauspieler, hier werden keine Klischees von Flucht und Leid ausgestellt, sie lassen uns vielmehr echte Konflikte spüren. Das neue Ensemble Ma’louba ist eine Form des Empowerments für arabische Künstler, die es bislang so in Deutschland bisher so nicht gab, denn selbst im Exil-Ensemble am Maxim-Gorki-Theater in Berlin haben doch meist westliche Regisseure das letzte Wort.


Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 23. Mai 2017

Das arabischsprachige Publikum geht mit, lacht bei Anspielungen, applaudiert oder hält konzentriert die Luft an. Vor allem, als der Satz fällt, „Ich wünsche mir ein Leben ohne Armee, ohne Blut und ohne Krieg“, brandet lebhafter Szenenapplaus auf. Auch für das deutschsprachige Publikum lohn es sich, weil die Gefühle, wie der Krieg die Menschen verändert, gut nachvollziehbar sind. Ein starker und eindrucksvoller Abend, den sich niemand entgehen lassen sollte.