Repertoire

Judas

Lot Vekemans

Ohne Judas keine Kreuzigung, ohne Kreuzigung keine Auferstehung, ohne Auferstehung kein Christentum. Judas` Verrat an Jesus ist die Voraussetzung für die Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod. Laut aktuellen Umfragen benötigt ein neuerdings wachsender Anteil der Bevölkerung der westlichen Hemisphäre einen hoffnungsvollen Ausblick vom Diesseits ins Jenseits. Es scheint schlimmer zu werden. Judas, wir sind Dir zu Dank verpflichtet.

Dennoch steht sein Name für Schuld, Verrat, ja für Das Böse. Stigmatisiert dient er, wie momentan gut zu beobachten ist, dort als Rechtfertigung für die Umwandlung eigener Ängste in Fremdenhass und Antisemitismus, wo die Befürchtung, teilen zu müssen, Politik und Bevölkerung heimsucht. Paradoxerweise stärkt gerade dieser Vorgang das Bewusstsein der eigenen moralischen Integrität.

Nach 2000 Jahren Instrumentalisierung und Diffamierung des eigenen Namens ins Monströse, stellt Judas sich der Öffentlichkeit. In einem letzten Versuch, seine Tat auf ein menschliches Maß zurechtzurücken, entgegnet er, „mein Name ist nicht, wer ich bin, mein Name ist eine andere Geschichte“ und kontert mit einer unbequemen Frage: Wer küsst den Judaskuss?